Digitales Lernen in afrikanischen Klassenzimmern

Zum Wandel der Bildung in Afrika

Nachricht07.09.2017Mthoba Chapi
Bildung Afrika
iStock/karelnoppe

Es ist kein Geheimnis, dass es in Afrika in vielen Bereichen tiefgreifende Veränderungen gegeben hat. So finden sich einige der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt in Afrika, darunter Äthiopien, Dschibuti und Tansania, die 2017 laut Weltwirtschaftsforum zu den zehn Ländern mit dem weltweit höchsten Wirtschaftswachstum zählen.

Zugleich ist es auch kein Geheimnis, dass wir in einer Welt leben, deren Wohl und Wehe zunehmend von Technologie und Digitalisierung abhängt. In diesen Bereichen hinkt Afrika dem Rest der Welt noch hinterher. Dies könnte sich jedoch durchaus ändern, wenn afrikanische Regierungen, Unternehmen und Gesellschaften den Nutzen erkennen, den Länder in anderen Regionen bereits jetzt aus der digitalen Transformation ziehen. Die positiven Auswirkungen dieses Wandels werden sich in erster Linie in afrikanischen Klassenzimmern bemerkbar machen.

Personalisiertes Lernen

Eine 2016 von Deloitte veröffentlichte Studie zur digitalen Bildung befand, dass die Wahrscheinlichkeit, außerhalb des Klassenzimmers online etwas Neues zu lernen, mit zunehmenden Schuljahren wuchs: In der 4. bis 5. Klasse lag sie bei 41 Prozent, in der 6. bis 8. Klasse bei 42 Prozent und in den Klassen 9 bis 12 bei 47 Prozent.

Die Studie führt weitere positive Faktoren auf, die belegen, dass personalisiertes Lernen durch digitale Bildung zu besseren Noten, höherer Lehreffizienz und mehr Lernmotivation beiträgt. Vermehrte personalisierte Lernerfahrungen können so zur Behebung von Missständen wie hohen Abbrecherquoten, später Einschulung und niedriger Schulanwesenheit beitragen.

Arten digitaler Inhalte

In vielen Teilen Afrikas wenden sich Unternehmen und andere Organisationen der Frage zu, wie digitale Inhalte am besten erstellt und verbreitet werden können, unter anderem in Botsuana, der Elfenbeinküste, Ghana, Kenia, Namibia, Ruanda, Tansania, Senegal und Südafrika. Programme wie die African Digital Schools Initiative von GESCI, die Khan Academy und SEVA, eine Initiative der staatlichen Rundfunkbehörde SABC in Südafrika, fördern Onlineplattformen, die digitales Lernen durch schriftliche, bildliche, Ton- und Videomaterialien ermöglichen sollen.

Für den Erfolg der Initiativen spielt es eine große Rolle, wer überhaupt auf die Plattformen zugreifen kann – aus technischer Sicht, aus der Kostenperspektive und auch geographisch betrachtet. Viele Inhalte werden über mehrere Kanäle angeboten, z.B. online über Computer, auf DVDs oder auf mobilen Geräten mittels Apps.

Es gibt darüber hinaus auch kleinere Firmen wie z.B. StudyM8 in Südafrika, die kurze Videoclips zum Herunterladen anbieten, die unter Berücksichtigung des Faches, des Schuljahrs und individueller Lernbedürfnisse auf die Anforderungen von Schülern eingehen und auf diese zugeschnitten sind.

Das Lehrerdefizit

Einer der größten Segen des digitalen Lernens wäre wohl die Senkung des Lehrerdefizits. Der Bericht School Resources And Learning Environment In Africa 2016 der UNESCO beschreibt, wie die durchschnittliche Klassengröße in Grundschulen „in einem Drittel der Länder mit verfügbaren Daten bei über 50 Schülern pro Klasse“ liegt.

Die Zahl ist etwa doppelt so hoch wie in den meisten anderen Ländern – ein mögliches Indiz dafür, dass die Lehrer bei derartigen Klassengrößen überfordert sind. Es könnte Lehrer entlasten, wenn die Lehrleistung breiter verteilt würde und das Lernen im Klassenzimmer durch digitales Lernen während der Schulzeit und in der Freizeit ergänzt würde. Damit ließe sich Zeit gewinnen, bis Regierungen und Bildungsbehörden langfristige Pläne entwickelt und umgesetzt haben, um die Infrastrukturprobleme im Bildungssektor zu lösen. Schüler können auf diesen Plattformen auch Lerngruppen einrichten und voneinander lernen, was ebenfalls zur Lehrerentlastung beiträgt.

Senkung der Datenkosten

Dem Nutzen des digitalen Lernens stehen jedoch auch erhebliche Hindernisse bei der Umsetzung entgegen, z.B. die eingeschränkte Verfügbarkeit von Computern und digitalen Ressourcen, Schwierigkeiten bei der Wartung von elektronischen Geräten, hohe Datengebühren und unzureichende Netzabdeckung.

Die Senkung der Datengebühren könnte einen großen Beitrag zur Schließung von Lücken im öffentlichen Bildungssektor leisten. Nadia O’Brien, ehemalige Lehrerin und jetzt Entwicklerin von Bildungsinhalten, arbeitet mit der South African Broadcasting Corporation Virtual Academy bzw. SEVA zusammen und weist darauf hin, dass Schülern der Zugriff auf die benötigten Inhalte nicht leichtgemacht wird. „Schüler müssen die Regierung und Unternehmen – insbesondere die Mobilfunkanbieter – unter Druck setzen.“

Es hat in Südafrika bereits Kampagnen in den sozialen Medien gegeben, die auf eine Senkung der Datengebühren drängen. Die #DataMustFall-Initiative hat z.B. erreicht, dass die Kartellbehörde und das südafrikanische Parlament Möglichkeiten zur Senkung der Datengebühren untersuchen.

Frau O’Brien betont in diesem Zusammenhang, dass die Inhalte bereits existieren – sie müssen bloß den Schülern zugänglich gemacht werden. „Digitale Bildung ist die Antwort. Wenn die Datengebühren erst einmal gesenkt sind oder, besser noch, für Schüler ganz abgeschafft werden, und die Konnektivität sichergestellt ist, können Schüler auf die hervorragenden Angebote zugreifen, die es bereits gibt. Es besteht kein Mangel an Inhalten. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, überhaupt auf relevante und informative Inhalte zugreifen zu können.“

Es gibt weitere wesentliche Gründe, warum Afrika verstärkt digital lernen sollte. So schrieb Lyndy van den Barselaar, Geschäftsführerin der Personalagentur Manpower SA, in einem Artikel für IT News Africa über die Generation der Millennials und das Internet unter anderem:

„Südafrikas wirtschaftliche Entwicklung ist von vielen Seiten gefährdet. Nur wenige Risiken dürften aber so entscheidend sein wie die Arbeitslosigkeit. Offiziellen Statistiken zufolge überstieg die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr 25 Prozent, bzw. sogar 35 Prozent, wenn man entmutigte Arbeitslose hinzurechnet, die die Suche aufgegeben haben. Noch besorgniserregender ist die Jugendarbeitslosigkeit: Bei den unter 25-jährigen beträgt die Quote 63,1 Prozent. Das ist untragbar.

Trotz dieser katastrophalen Situation leben wir andererseits dank neuer Technologien auch in einem hoffnungsvollen Zeitalter. Unternehmen und Staat müssen Wege zur gemeinsamen Entwicklung von kostengünstigen Ansätzen finden, die die Millennials ins Internet bringen und den Zugriff auf Informationen und Bildung ermöglichen. Wenn eines Tages jeder im Land denselben Zugang zu solchen Ressourcen hat, werden wir einen Riesenschritt getan haben, um gesellschaftliche Lücken wie Arbeitslosigkeit und Ungleichheit zu schließen. Der Jugend den Zugang zu den neuesten Technologien zu ermöglichen ist auch für die globale Wettbewerbsfähigkeit des Landes entscheidend.“

In einigen Bereichen, zum Beispiel bei der Frage der hohen Datengebühren, wurden bereits Fortschritte erzielt, wie etwa die #DataMustFall-Bewegung gezeigt hat. Internationale Unterstützung spielt ebenfalls eine Rolle bei der Vermittlung der Fähigkeiten, die Schüler für den Zugriff auf Informationen benötigen. Darüber hinaus sind Bildungsbehörden auch bereit, mit dem Privatsektor zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass Klassenzimmer ans Internet angebunden werden.

Schließlich werden Verbesserungen beim Zugang zur digitalen Bildung in Afrika eine Schlüsselrolle beim Wachstum von Start-ups sowie der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung in der Region spielen.