Energie

Die Kraft der Kohle

Meinung21.12.2018
Kohle
Ende einer Ära: Mit der Zeche Prosper-Haniel schließt das letzte aktive Steinkohle-Bergwerk im Ruhrgebiet picture alliance/Roland Weihrauch/dpa

Raus aus der Kohle! Diese Forderung wird heute in Nordrhein-Westfalen jedenfalls für die Steinkohle Realität. Die aufkommende Wehmut ist allerdings begründet: „King Coal" hat zwei Jahrhunderte lang die Welt verändert, und zwar zum Besseren, trotz aller problematischen Folgen für die Umwelt. Unser Vorstandsvorsitzender Professor Karl-Heinz Paqué, selbst im Saarland des Kohlebergbaus aufgewachsen, zieht Bilanz.

Es begann mit einem ökologischen Notstand: Im 18. Jahrhundert schossen in England die Preise für Holz und Holzkohle in die Höhe. Die Wälder der Insel waren weitgehend durch Abholzung verschwunden, Importe von Holz aus Skandinavien schwierig und teuer. Deshalb begannen die Engländer, vermehrt Kohle zu fördern und zu verfeuern. Das traditionelle und nicht ganz falsche Vorurteil, dass der Qualm der Kohleverbrennung giftig sei, wurde nicht aufgegeben, aber hintangestellt: aus drängenden wirtschaftlichen Gründen.

Das Ergebnis war die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Dessen Mutterland wurde Großbritannien, das - anders als das ähnlich weit entwickelte Holland - in seinen Midlands über riesige hochwertige Kohlevorkommen verfügte. Die machten das Land in einem mächtigen Schub zum globalen Zentrum einer modernen mechanisierten Textil- und Bekleidungs- sowie später Eisen- und Stahlindustrie. Sie befeuerten auch den Bau von Eisenbahnen und damit das Zusammenwachsen von Wirtschaftsräumen. Die Hauptinsel Großbritanniens wurde in wenigen Jahrzehnten zur am stärksten urbanisierten Region der Welt. Es folgten einige Jahrzehnte später die belgische Wallonie und Nordfrankreich sowie Deutschland mit dem Ruhrgebiet, Schlesien und dem Saarland - alles Landstriche mit reichen Steinkohlevorkommen, deren hocheffizientes Energieangebot Industrien und Menschen in Massen anzog.

Eine gewaltige Transformation! So wurde aus Teilen von Westfalen, Niederrhein und bergischem Land ein Magnet für Zuwanderer - das Ruhrgebiet beherbergte schließlich rund 10 Millionen Menschen. Die Stadt Essen zum Beispiel war historisch nicht mehr als ein Dorf mit einem Kloster; sie wuchs nun auf 800.000 Einwohner an, ähnlich groß wie die alte Rheinmetropole Köln. Ein riesiger Sprung der Entwicklung.

Auf Kosten der Umwelt! So erschallt es aus dem Abstand eines weiteren Jahrhunderts aus dem Mund von grün gesinnten Interpreten der Geschichte. Manche sind sogar geneigt, von einer Fehlentwicklung zu sprechen. Sie irren gewaltig. Denn erst Industrialisierung und Urbanisierung - auf Grundlage der Kohle - schufen die starken technologischen Schultern, auf denen wir heute stehen. Sie erlaubten erst jene technologisch innovativen Entdeckungsreisen, die das Entstehen eines Wohlstands in der Breite erlaubten: die Entwicklung chemischer Produkte und Ersatzstoffe, die Motorisierung einer neu entstehenden breiten Mittelschicht, die Versorgung mit elektrischem Strom und Licht, die Ausstattung privater Wohnungen mit modernen Haushaltsgeräten zur Erleichterung vor allem der Arbeit von Frauen, etc. Ohne den Umstieg auf die Kohle wäre all dies nicht denkbar gewesen.

Und dabei entstanden gut bezahlte Arbeitsplätze für Millionen von Menschen, selbst wenn diese nicht über besondere Qualifikationen verfügten. Der Bergbau ist dafür bis heute das klassische Beispiel gewesen. Er bot harte Jobs unter Tage, aber zu guten Löhnen. Und er förderte die Gewerkschaftsbewegung mit ihrer Solidarität und mit ihren Aufstiegs- und Bildungsidealen. Die soziale Durchlässigkeit der industriellen Gesellschaft auf dem Höhepunkt von Kohle und Stahl wird gerade deshalb bewundert, weil es sie heute in der „post-industriellen" Welt anscheinend nicht mehr gibt.

Wir sind also der Kohle zu Dank verpflichtet. Dies gilt auch für diejenigen, die heute die Abdankung von "King Coal" als Meilenstein der ökologischen Transformation feiern und, was die Braunkohle betrifft, nicht schnell genug erwarten können. Denn alle dezidiert grün Gesinnten sollten nicht vergessen: Auch sie sind Kinder einer industriellen und urbanisierten Welt - und nicht Abkömmlinge der ländlichen Armut. Ökologisches Denken gedeiht eben vor allem dort, wo der industrielle Wohlstand längst Einzug gehalten hat. Vielleicht auch dies ein weihnachtlicher Gedanke, den alle beherzigen sollten.