"Die gut ausgebildeten Älteren fehlen schon jetzt auf dem Arbeitsmarkt"

Die Unternehmerin Marie-Christine Ostermann über die Herausforderungen der aktuellen Rentenpolitik

Nachricht11.10.2016
Marie-Christine Ostermann
Marie-Christine OstermannFrauke Schumann

Die Unternehmerin Marie-Christine Ostermann, von 2009 bis 2012 Bundesvorsitzende des Verbandes DIE JUNGEN UNTERNEHMER ist seit 2006 geschäftsführende Gesellschafterin im Familienunternehmen ihres Vaters, dem Lebensmittelgroßhandel Rullko Großeinkauf GmbH & Co. KG. Von Juni 2010 bis September 2013 gehörte sie dem Mittelstandsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums an und ist seit Juli 2010 Aufsichtsratsmitglied der Optikerkette Fielmann AG sowie seit Juli 2012 Aufsichtsratsmitglied der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann GmbH. Im Juni 2015 gründete sie gemeinsam mit 5 weiteren Unternehmern STARTUP TEENS, die erste Online-Plattform Deutschlands, die Jugendliche aller Schulformen zu Unternehmern ausbildet.

Mit freiheit.org spricht die Unternehmerin über die Herausforderungen der Rentenpolitik sowie Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. 

Frau Ostermann, Sie sind selbst Unternehmerin. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Defizite der aktuellen Rentenpolitik, gerade aus Arbeitgebersicht?

Die aktuelle Rentenpolitik begünstigt einseitig die ältere Generation. Die Rente mit 63, die Mütterrente und auch die in Aussicht stehende Lebensleistungsrente bedeuten eine hohe Umverteilung von Jung nach Alt. Auf die Rentenbeitragszahler, die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber kommt eine hohe Kostensteigerung zu. Durch eine künftige Anhebung des Rentenbeitrags von 18,7 auf 22 Prozent wird Arbeit überteuert. Die Konsequenz wird sein, dass die Unternehmen in Deutschland Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Arbeitgeber werden sich in Zukunft genau überlegen, ob sich mehr Arbeitsplätze noch lohnen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um als Arbeitgeber Risiken einzugehen, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Stattdessen werden Unternehmer gehemmt. Auch ihre Arbeitnehmer werden demotiviert, weil vom Lohn noch weniger übrig bleibt. Wichtig wäre, die Lebensarbeitszeit jetzt an die Lebenserwartung zu koppeln. Das würde die Rentenbeiträge entlasten und das Rentenniveau stabilisieren. 

Welche Reformen sind notwendig, um die betriebliche und private Altersvorsorge zu stärken?

Die gesetzliche Rente sollte um attraktive Betriebsrenten und eine vernünftige private Vorsorge ergänzt werden. Um die Attraktivität der betrieblichen Altersvorsorge zu erhöhen, muss diese unbürokratischer werden. Ein Opting-Out-Modell wäre durchaus sinnvoll. Die Haftung für Betriebsrenten muss aber für alle Unternehmer, unabhängig von einer Tarifbindung der Unternehmen, entfallen. Darüber hinaus können die Auswirkungen des Niedrigzinsniveaus bei den Pensionsfonds abgemildert werden, indem der steuerliche Zins an den handelsrechtlichen Zins gekoppelt wird. Die private Vorsorge sollte keinesfalls verteufelt werden. Hier sollte es den Versicherten gestattet sein, auch in renditestärkere Produkte zu investieren. Dafür ist es in Zukunft unerlässlich, wirtschaftliche Kenntnisse, eben auch zur Geldanlage, bereits als Pflichtfach in der Schule zu vermitteln. Darüber hinaus sollte die Anrechnung von privater Altersvorsorge auf die Grundsicherung teilweise oder gänzlich wegfallen.

Die Digitalisierung verändert die Art wie wir leben und arbeiten. Welche Chancen ergeben sich daraus für die Rentenpolitik?

Die Digitalisierung bietet durch mehr Flexibilität sehr gute Chancen, dass noch mehr Menschen arbeiten und in die Rentenkasse einzahlen können. Arbeitnehmer sind nicht zwingend an den Arbeitsplatz im Büro gebunden, sondern können mit Laptop, Smartphone und Videokonferenzen sehr gut von zu Hause oder mobil von einem Ort ihrer Wahl arbeiten. Für Familien mit Kindern wird es einfacher, dass beide Elternteile arbeiten können, wenn sie es möchten. Ebenso können ältere Menschen länger arbeiten, sofern sie fit sind. Zwingend dafür notwendig sind aber ein deutlich schnellerer, flächendeckender Breitbandausbau, eine digitalisierte öffentliche Verwaltung und ein flexibles Arbeitsrecht, das mobile Arbeit unbürokratisch möglich macht. Auch Umschulungen von traditionellen zu modernen Berufsbildern sind nötig, ebenso wie flächendeckende digitale Bildung in den Schulen. Und Startups, die zum digitalen Wandel und zur Innovationskraft der Wirtschaft erheblich beitragen, brauchen deutlich weniger Bürokratie.

Wie reagieren die Unternehmen auf den demografischen Wandel? Wie offen sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer für längere und flexiblere Arbeitszeitmodelle? Welche Schritte haben Sie in Ihrem Unternehmen unternommen, um die Herausforderung des demografischen Wandels zu meistern?

Wir versuchen unsere Arbeitnehmer so lange wie möglich im Unternehmen zu halten und dabei möglichst flexibel zu sein. Wo es betrieblich geht, bieten wir Teilzeit, Home Office und/oder flexible Arbeitszeiten an. Auch einen Wechsel in eine andere Abteilung mit leichterer Arbeit versuchen wir in der Logistik möglich zu machen. Wir haben zusätzlich eine Tankstelle, die nur von Rentnern betrieben wird, die weiter arbeiten möchten. Wir wollen unbedingt auch Frührentner länger in unserem Betrieb beschäftigen. Wir brauchen daher die Flexi-Rente, den flexiblen Übergang in den Ruhestand. Die gut ausgebildeten Älteren fehlen schon jetzt auf dem Arbeitsmarkt. Wir spüren den Fachkräftemangel deutlich. Wenn mehr Arbeitnehmer länger in die Rentenkasse einzahlen, wird auch nicht mehr nur die junge Generation in Haftung genommen. Was die Flexi-Rente aber nicht leisten wird, ist die negativen Folgen der Rente mit 63 zu kompensieren. Die Rente mit 63 gehört abgeschafft. 

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