Die drei Leben des Liberalen Kaspar Villiger

Ehemaliger Schweizer Bundespräsident erhält den Freiheitspreis 2016

Nachricht08.11.2016Jürgen Frölich
Kaspar Villiger während der Freiheitspreisverleihung 2016
Ulrich Schepp

Das politische System der Schweiz ist hierzulande weit gehend unbekannt. Insofern dürfte der Name Kaspar Villiger auch unter deutschen Liberalen nur wenigen etwas sagen, obwohl es sich um den Inhaber des höchsten Staatsamtes in seinem Land handelt. Aber der Schweizer Bundespräsident hat eine gänzlich andere Funktion als sein deutscher Namensvetter, schon die jährliche Rotation verhindert eine allzu große Profilierung des Amtsinhabers oder der Amtsinhaberin.

Familienunternehmer

Andererseits ist die Marke Villiger Tabakfreunden durchaus vertraut und hat auch in der Bundesrepublik einen guten Klang. Es war diese, 1888 im Kanton Luzern gegründete Tabakmanufaktur, wo der 25jährige Maschinenbau-Absolvent seine berufliche Karriere startete, als sein Vater 1966 verstarb. Negative Erfahrungen mit der Reglementierung des Tabakbezuges hatten die Familie quasi automatisch in das liberale Lager geführt. Aber zunächst einmal standen die Konsolidierung  und der Ausbau der väterlichen Firma an, die Kaspar Villiger und seinem Bruder glänzend gelang und sie zu einem mittelständischen, aber international sehr gut aufgestellten Unternehmen machte.

Liberaler Politiker

Neben seinen unternehmerischen Aktivitäten engagierte sich Kaspar Villinger seit 1972 politisch für die Freisinnig-Demokratische Partei, zunächst im Luzerner Kantonsrat, dann auch auf nationaler Ebene im National- und im Ständerat. 1989 wurde er für die FDP in den Bundesrat, also das Kabinett, gewählt und übernahm das Militärdepartment, weswegen er sich aus dem Familienunternehmen zurückzog. Als „Verteidigungsminister“ reformierte er die Schweizer Armee und suchte sie an die Gegebenheit der globalen Verhältnisse nach Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West anzupassen. Dabei trat er für den Einsatz Schweizer Kräfte bei internationalen Friedensmissionen ein, was aber in einer Volksabstimmung knapp abgelehnt wurde. Dagegen konnte er den Beitritt seines Landes zur UNO 2002 auch als persönlichen Erfolg feiern.

Schweizer Bundespräsident

Zu diesem Zeitpunkt amtierte Villiger zum zweiten Mal als Schweizer Bundespräsident, dem Amt des nominellen Staatsoberhauptes, das in jährlichem Wechsel ein Regierungsmitglied übernimmt. Zwischen seiner ersten und zweiten Amtszeit lagen sechs Jahre als Leiter des Finanzdepartments. Hier sah sich Villiger vor allem zwei zentralen Aufgaben gegenüber: der Einführung einer „Schuldenbremse“ sowie der Bewahrung des Bankgeheimnisse bei gleichzeitiger Verhinderung seines Missbrauches. Das eine zielt eher auf die Innenpolitik, das andere hatte starke außenpolitische Komponenten. Die erste konnte Villiger durchsetzen und damit entscheidend zur Konsolidierung der Staatsfinanzen beitragen; bei letzterem leitete er wichtige internationale Verträge in die Wege. All das stärkte seinen Ruf als reformfreudiger Politiker mit Sinn für Verantwortung.

Bei seinem Ausscheiden aus der Regierung 2003 galt Villiger geradezu als „Verkörperung traditioneller Schweizer Werte wie Bescheidenheit, Sparsamkeit, Respekt, Anstand“, so die NZZ. Diesen Ruf schien Villiger in seinem „dritten Leben“ auf Spiel zu setzen: 2009 übernahm er für drei Jahre den Vorsitz im Verwaltungsrat der schwer angeschlagenen UBS, der größten Schweizer Bank. Obwohl selbst von Hause aus mittelständischer Unternehmer und kein Banker wollte er sich dem dringenden Ruf nicht entziehen, die Großbank aus den Strudeln der Finanzkrise zu ziehen, was für ihn nicht nur als eine Frage der Unternehmensführung, sondern auch der Unternehmenskultur darstellte. Villiger sah es als die Pflicht eines „politischen Patrioten“, den seriösen Ruf des für die eidgenössische Wirtschaft so wichtigen Finanzplatzes Schweiz wiederherzustellen.

Während dieser Zeit und nach seinem Ausscheiden aus der „Welt des großen Geldes“ hat Villiger Tendenzen zur Abschottung bekämpft, die auch in der Schweiz stärker geworden sind. Es gelte in einer zunehmend globalisierten Welt einerseits die Schweiz „attraktiv für Investoren und Talente“ zu halten; andererseits müsse das zunehmende Misstrauen zwischen Politik und Wirtschaft durch gegenseitigen Respekt und Rücksicht aufeinander abgelöst werden.

Durch seinen mehrfachen Wechsel zwischen den Welten des mittelständischen Unternehmers, der Politik und der Großfinanz dürfte kaum jemand so geeignet sein, den Ausgleich zwischen diesen wichtigen Institutionen des öffentlichen Lebens leisten können, wie Kaspar Villiger. In diese Richtung zielen auch seine jüngsten Veröffentlichungen, in denen er die Summe aus seinen „drei Leben“ gezogen hat. Das letzte Buch trägt den vielsagenden Titel „Mit Freiheit und Werten zu Wohlstand“ und macht klar: Der Freiheitspreisträger 2016 hat auch seinen deutschen Nachbarn eine Menge zu sagen.