Tag gegen Homophobie

Die Angriffe auf LGBTI-Rechte kommen aus drei Richtungen

Ralf Gion Fröhlich im Interview

Nachricht17.05.2019#ClapForCrap
Heros
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Der 17. Mai ist Internationaler Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie. Daten der Bundesregierung zeigen: Homophobe Übergriffe haben in Deutschland zuletzt stark zugenommen. Im Zuge unserer Toleranzkampagne #ClapForCrap sprachen wir mit Ralf Gion Fröhlich, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden von LiSL (Liberale Schwule und Lesben) und Vorsitzenden der europäischen Dachorganisation LGBTI Liberals of Europe über die Überarbeitung des Transsexuellengesetzes, die Rolle der katholische Kirche und den Sehnsuchtsort EU.

#ClapForCrap: Ralf, Du engagierst Dich für Rechte von Schwulen, Lesben, Transpersonen und Intersexuellen. Ist das denn in Deutschland überhaupt noch ein wichtiges Thema, jetzt, wo die Ehe für alle in Deutschland gesetzlich erlaubt ist?

Ralf Gion Fröhlich: Es wäre schön, wenn es kein wichtiges Thema mehr wäre. Aber leider ist das nicht der Fall. Denn noch immer sind Diskriminierungserfahrungen Alltag, auch durch den Staat. Etwa, wenn es um das Thema künstliche Befruchtung für lesbische Frauen oder die Gleichstellung und Absicherung von Kindern in Regenbogenfamilien geht. Auch das Thema Abstammungsrecht und eine Überarbeitung des Transsexuellengesetzes bleiben auf der Agenda. Eine wirkliche Gleichstellung ist trotz der Ehe für alle noch lange nicht erreicht. Von den Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft ganz abgesehen, denen Betroffene noch immer ausgesetzt sind.

#ClapForCrap: Man hört ja immer wieder Stimmen, die sagen „Die sollen sich nicht so anstellen und sich mal zufriedengeben, so viel, wie die bekommen haben.“ Was antwortest Du auf solche Einwände?

Ralf Gion Fröhlich: Hinter dieser Argumentation steckt eine komplett falsche Sichtweise. Denn wir haben nichts „bekommen“, sondern es wurden einfach nur Diskriminierungen abgebaut, die in einer liberalen Gesellschaft nichts zu suchen haben. Wir haben uns nicht vom Normalzustand entfernt, sondern nähern uns ihm langsam an. Jede Diskriminierung ist zu viel.

#ClapForCrap: Man hat das Gefühl, dass es trotz allem schon wieder gesellschaftliche Rückschritte gibt, was die Rechte von Schwulen und Lesben betrifft, vor allem international. Woher kommt das?

Ralf Gion Fröhlich: Die Wahrnehmung teile ich – leider. Wenn man analysiert, wer in Ländern wie Kroatien, Rumänien, Polen, aber auch Irland, federführend gegen LGBTI-Rechte auftritt, trifft man übrigens immer wieder auf dieselben drei Protagonisten. 

#ClapForCrap: Jetzt wollen wir natürlich auch wissen, welche das sind. Der Islam ist es vermutlich nicht, bei dieser Aufzählung.

Ralf Gion Fröhlich: Das ist richtig. Die Debatten rund um konservative Auslegungen des Islam lenken gerne davon ab, mit wem es in Europa wirklich Probleme gibt. Da ist zunächst immer noch die katholische Kirche, und zwar nicht mit einzelnen konservativen Würdenträgern, sondern als Institution. Und die hat mit ihrer großen, zentral geführten Organisation, bei Weitem mehr Macht als andere, dezentral organisierte Religionsgemeinschaften. Das weiß offenbar auch die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die die Argumentationsmuster der katholischen Kirche regelmäßig übernimmt. Sie bleibt stur dabei, die Ehe für Alle als Gefahr für die Gesellschaft zu beschreiben. 

#ClapForCrap: Und wer sind die anderen beiden Quellen neben der katholischen Kirche?

Ralf Gion Fröhlich: Da ist zunächst Russland, das nicht nur mit seinem eigenen „Propagandagesetz“ massiv gegen die queere Community im eigenen Land vorgeht, sondern auch versucht, im Ausland Einfluss zu nehmen. Man glaubt an das Narrativ, dass die westliche Welt eines Tages an ihrer eigenen Dekadenz zugrunde gehen wird. Und weil das einfach nicht passieren will, versucht man, mithilfe von Trollarmeen und Staatspropaganda wie Russia Today und Sputnik, nachzuhelfen. Unterstützung findet Russland dabei in den jeweiligen nationalistischen Bewegungen wie dem Front National in Frankreich oder der AfD in Deutschland. Alle drei „Influencer“ stehen nicht nur gemeinsam gegen das Recht auf Abtreibung ein, sondern auch für den Erhalt eines „natürlichen Geschlechterverhältnisses“, mit starken, kämpfenden Männern und Frauen mit Kindern am Herd. Für Menschen mit anderen Rollenbildern, sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität ist da kein Platz.

#ClapForCrap: Wie groß ist denn heute noch der gesellschaftliche Druck?

Ralf Gion Fröhlich: Es kommt stark darauf an, in welchem Umfeld man sich bewegt. In den Großstädten begegnet einem wenig Diskriminierung. Da kommen ganz selbstverständlich 80 Leute zu unserem Gay-Daddy-Stammtisch. In konservativeren Milieus ist allerdings schon das Outing ein großer Schritt, weil man nicht sicher sein kann, dass die Familie aufgeschlossen reagiert. Bis heute liegen die Selbstmordraten bei jungen LGBTI-Personen weit über dem Durchschnitt. Und es ist nicht unüblich, dass Jugendliche aus konservativen oder religiösen Familien einfach auf der Straße landen, wenn sie sich ihren Eltern anvertrauen.

#ClapForCrap: Das hört sich alles gruselig an. Denkt man da nicht ab und an einmal darüber nach, auszuwandern?

Ralf Gion Fröhlich: Nein, denn dann hätten die Gegner der Gleichbehandlung gewonnen. Aber davon abgesehen sollte man nicht verkennen, was gerade in Europa in den letzten Jahren und Jahrzehnten erreicht wurde. Für LGBTI-Personen auf der ganzen Welt, die zum größten Teil leider noch in einer LGBTI-Hölle leben, ist die EU ein Sehnsuchtsort – das sollte man nie vergessen. Und mich macht es besonders stolz, wenn ich sehe, dass die EU in Wirtschaftsverhandlungen etwa mit Georgien auch Mindeststandards für den Umgang mit LGBTI zum Thema macht. Keine Frage, es bleibt viel zu tun. Aber immerhin haben wir hier einiges, das sich zu verteidigen lohnt.

 

Ralf Gion Fröhlich ist stellvertretender Bundesvorsitzender von LiSL (Liberale Schwule und Lesben) und Vorsitzender der europäischen Dachorganisation LGBTI Liberals of Europe.