Deutschland muss schneller werden

Eine Investition in die Digitalisierung würde das Wirtschaftswachstum beschleunigen

Analyse12.01.2017Annett Witte und Steffen Hentrich
Breitband
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Der Artikel ist erstmals im Wochenendjournal „Sonntag“ des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND) erschienen, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören. Darunter unter anderem die Kieler Nachrichten, die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die Lübecker Nachrichten, die Ostsee-Zeitung sowie die Leipziger Volkszeitung.

Eigentlich ist die Digitalisierung für uns nichts Neues. Die E-Mail feierte am 30. September ihren 45. Geburtstag. 1997 waren 4,1 Millionen Deutsche online, heute sind es 58 Millionen. Wer heute erwachsen wird, kann sich ein Leben ohne Smartphone nicht vorstellen. Ohne Telefon vielleicht aber schon. Und vielleicht auch ohne eigenes Auto. Wollen Sie in einer Band spielen, haben aber keine Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zu treffen? Sie könnten online "Sofasessions" spielen. Ein Start-up aus Wien bietet genau dazu die Möglichkeit: Sie jammen, von zu Hause aus, mit anderen Musikern, in Echtzeit.

Digitalisierung ist längst Standard

Auch selbstfahrende Autos sind längst Standard – und zwar in der Landwirtschaft. Traktoren finden ihren Weg über die Felder, scannen die Bodenbeschaffenheit und tragen immer genau die richtige Menge Saatgut, Dünger oder Pflanzenschutzmittel aus. Dazu brauchen sie exakte Signale, genauer als es ein herkömmliches GPS-Signal kann.

Eine Geschichte aus der Zukunft sind "digital pills", also digitale Tabletten. Diese "E-Pillen" werden geschluckt und funken auf ihrem Weg durch den Körper medizinische Daten. Der Arzt sieht die krankhaften Veränderungen und gibt das Signal, wann und in welcher Dosierung die intelligente Tablette ihren Wirkstoff absetzen soll.

Offline ist keine Lösung

Längst gilt die Digitalisierung als globaler Wachstumstreiber Nummer eins. Offline ist keine Lösung und kein Konzept für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Globalisierung und Digitalisierung als zwei Megatrends unserer Zeit bedingen, beeinflussen und verändern sich in gegenseitiger Anhängigkeit. Mit Chancen für uns: Unternehmen in Hochlohnländern wie Deutschland überlegen, einfachere Produktionstätigkeiten wieder ins Land zu holen. Digitalisierung und Robotik machen das wirtschaftlich interessant.

Das zeigt: Das Wertschöpfungspotenzial der Digitalisierung ist erheblich. Eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zitiert Schätzungen, nach denen 20 bis 30 Prozent mehr industrielle Bruttowertschöpfung in den nächsten zehn Jahren realistisch erscheinen.

Wenn Deutschland auch in Zukunft eine der Spitzenpositionen im Ranking der Industrie- und Wirtschaftsstandorte einnehmen will, dann müssen die Bedingungen für den Siegeszug der Digitalisierung stimmen. Veränderungen der Digitalisierung sind keine Selbstläufer und erfordern erheblichen Anpassungsbedarf. Bei den Indikatoren, die den Fortschritt der Digitalisierung zeigen, belegt Deutschland bislang nur einen Mittelfeldplatz. Die Weltspitze wird von Südkorea angeführt.

Glasfaser bleibt Mangelware

Leistungsfähige Hochgeschwindigkeitsnetze – kabelgebunden und mobil – sind die wichtigste Grundvoraussetzung. Verschiedene empirische Studien legen nahe, dass eine signifikant positive Korrelation zwischen Breitbanddichte und Wirtschaftswachstum besteht.

Beim Breitbandausbau hat Deutschland Aufholbedarf. Laut OECD-Statistik verfügten knapp 37 Prozent aller Einwohner im Jahr 2015 über einen schnellen Breitband-Festnetzzugang zum Internet, auf 100 Einwohner kommen gut 65 mobile Breitbandanschlüsse. Internationale Spitzenreiter sind die Schweiz mit mehr als 50 schnellen Breitbandanschlüssen pro 100 Einwohner im Festnetz und Finnland bei mobilen Breitbandanschlüssen, wo jeder Einwohner statistisch über 1,38 mobile Internetanschlüsse verfügt.

Über modernste Glasfaseranschlüsse bis in das Gebäude verfügt laut OECD-Statistik nur ein geringer Teil der Einwohner in Deutschland: Lediglich 1,3 Prozent aller Breitbandanschlüsse nutzen reine Glasfaserkabelanschlüsse. In Japan hingegen werden bereits 70 Prozent aller Breitbandanschlüsse via Glasfaserkabel realisiert.

15 Prozent der Jobs sind automatisierbar

Beim mobilen Breitbandnetz gibt es ähnliche Befunde: Im Jahr 2013 können 81 Prozent der Einwohner in Deutschland 4G nutzen. Korea, die USA, Japan oder die Niederlande können bereits 2013 mehr als 95 Prozent 4G-Netzabdeckung vorweisen.

Impulse werden auch für die Beschäftigung und den Arbeitsmarkt erwartet. In Deutschland sieht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) etwa 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland mit einem sehr hohen Substituierbarkeitspotenzial konfrontiert. Das heißt: Ihre Berufe sind durch computergesteuerte Maschinen ersetzbar.

Doch wie der frühere Herausgeber des Technologiemagazins "Wired", Kevin Kelly, formulierte: "Maschinen geben Antworten, aber Menschen stellen die Fragen." Die Neugier geht uns bestimmt nicht aus, setzt aber immer mehr Know-how voraus. Je höher also Spezialisierung und Expertise, desto geringer das Ersetzbarkeitspotenzial. Mit anderen Worten: Eine gute Aus- und Weiterbildung schützt am besten vor Arbeitslosigkeit. Auch dabei kann uns die Digitalisierung helfen.

Bildung wird zum Nadelöhr

In der Aus- und Weiterbildung steht Deutschland noch am Anfang. In den Schulen verzichten 45 Prozent der Lehrer wegen mangelnder IT-Ausstattung auf den Einsatz digitaler Medien. Die IT-Ausstattung an deutschen Schulen befindet sich auf dem Stand von 2006. Wen wundert es da, dass Deutschland bei der Nutzung von Computern im Unterricht internationales Schlusslicht unter Industrieländern ist.

Laut EU-Kommission erfordern künftig 90 Prozent aller Berufe digitale Kompetenzen. Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Vorstand und Experte für den Arbeitsmarkt 4.0, sieht einen deutlich veränderten Qualifikationsbedarf. Bildung – Verlernen, Umlernen, Neulernen – wird seiner Meinung nach zum Nadelöhr.

Die Anpassung der Berufsbilder in Deutschland läuft aber zäh. Ab 2017 sollen die ersten Azubis mit einer Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce beginnen können – 22 Jahre nach der Gründung von Amazon. Dieses Tempo ist für die Zukunft eindeutig zu langsam.