Deutschland kann sich Mittelmaß nicht länger erlauben

Deutschland spielt bei der Digitalisierung bislang nicht an der Spitze mit. Ein Grund dafür ist der schleppende Breitbandausbau.

Nachricht20.06.2016Steffen Hentrich/ Liberales Institut
Bunte Kabel werden in die Erde verlegt.
CC0 Public Domain/ Pixabay

Deutschland spielt bei der Digitalisierung bislang nicht an der Spitze mit. Ein Grund dafür ist der schleppende Breitbandausbau. Den ambitionierten Zielen der Bundesregierung müssen endlich Taten folgen.

Für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ist eine rasche Entwicklung der digitalen Infrastruktur von großer Bedeutung. Leistungsfähige Hochgeschwindigkeitsnetze sind die Grundvoraussetzung für Innovation, Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Ohne eine schnelle und zuverlässige digitale Infrastruktur werden wir die Technologien der Zukunft weniger mitgestalten können und uns Chancen der Digitalisierung entgehen lassen. Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Breitbandausbau? Was treibt den Ausbau moderner Netzwerkinfrastruktur an und was bedeutet das für die Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen? Eine Auswahl aktueller Studienergebnisse zum Thema Digitalisierung und Breitbandnetzausbau gibt Antworten auf diese Fragen.

Die Bedeutung von Breitbandnetzen für die Wirtschaft und Verbraucher

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gilt als globaler Wachstumstreiber in verschiedenen miteinander vernetzten Dimensionen. Die Digitalisierung durchdringt nahezu alle Lebensbereiche. Digitale Prozesse und Steuerungen ermöglichen eine vernetzte Produktion, deren Produkte vielfältige Schnittstellen zwischen Herstellern und Kunden aufweisen und neuartige datenbasierte Dienstleistungen ermöglichen. Damit erzeugt die Digitalisierung Veränderungen, die sich in nahezu allen Lebensbereichen niederschlagen, in Bildung, Gesundheit, Mobilität oder Freizeit. Neue Märkte und Produkte ermöglichen Effizienzgewinne für mehr Lebensqualität, verändern aber auch die Arbeits- und Lebenswelt.

Das Wertschöpfungspotenzial der Digitalisierung ist erheblich. In einem aktuellen, unter Federführung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Vodafone Institute für Kommunikation und Gesellschaft erstellten Gutachten werden Schätzungen zitiert, nach denen 20 bis 30 Prozent mehr industrielle Bruttowertschöpfung in den nächsten zehn Jahren realistisch erscheinen. Auch für die Beschäftigung werden Impulse erwartet. Auch wenn es in einigen Wirtschaftszweigen zu Beschäftigungsabbau aufgrund von Automatisierung und Unternehmensumstrukturierung kommen dürfte, werden in anderen Bereichen neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen, die nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten negative Beschäftigungseffekte in der Summe verhindern.  

Nach Aussage des IW-Gutachtens kommen Versuche, den Fortschritt der Digitalisierung mit Indikatoren zu erfassen, zu dem gemeinsamen Ergebnis, dass Deutschland bislang nur einen Mittelfeldplatz belegt und die Weltspitze von Südkorea angeführt wird. Deutlich wird gemacht, dass die Veränderungen der Digitalisierung keine Selbstläufer sind und erheblichen Anpassungsbedarf erfordern. Die Politik steht vor der Herausforderung, mit den richtigen Rahmenbedingungen die Potenziale der Digitalisierung  für die Volkswirtschaft auszuschöpfen, ohne die Risiken für die Sicherheit und Lebensqualität der Bürger aus den Augen zu verlieren.

Breitbandanschlüsse, -nutzung und -preise im internationalen Vergleich

Ohne eine moderne und leistungsfähige Infrastruktur werden die Potenziale digitaler Technologien nicht zu heben sein. Verschiedene empirische Studien legen nahe, dass eine signifikant positive Korrelation zwischen Breitbanddichte und Wirtschaftswachstum besteht. In ihrem Gutachten berechnet das IW Köln, dass eine Erhöhung der Telekommunikationsinvestitionen um 1 Prozent mit einem BIP-Anstieg von 0,04 Prozent einhergeht; steigt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Internetanschlüsse um 1 Prozent lassen internationale Schätzungen einen BIP-Anstieg von 0,07 Prozent erwarten, was sich beim derzeitigen BIP immerhin auf einen Wohlstandsgewinn von 2 Mrd. Euro belaufen würde. Der Ausbau der zukunftssicheren glasfaserbasierten Internetanschlüsse (Next Generation Access, NGA) dürfte besonders hohe Wachstumsimpulse auslösen.

Zwar sind in den vergangenen Jahren erhebliche Erfolge beim Breitbandausbau erzielt worden, doch nimmt Deutschland im internationalen Vergleich noch keinen Spitzenplatz ein. Laut OECD-Statistik verfügten knapp 37 Prozent aller Einwohner im Jahr 2015 über einen schnellen Breitband-Festnetzzugang zum Internet, auf 100 Einwohner kommen gut 65 mobile Breitbandanschlüsse. Internationale Spitzenreiter sind die Schweiz mit mehr als 50 schnellen Breitbandanschlüssen pro 100 Einwohner im Festnetz und Finnland bei mobilen Breitbandanschlüssen, wo jeder Einwohner statistisch über 1,38 mobile Internetanschlüsse verfügt.

Über modernste Glasfaseranschlüsse bis in das Gebäude verfügt laut OECD-Statistik nur ein geringer Teil der Einwohner in Deutschland, lediglich 1,3 Prozent aller Breitbandanschlüsse nutzen reine Glasfaserkabelanschlüsse, mit denen sich derzeit die höchsten Datenübertragungsraten realisieren lassen. In Japan hingegen werden bereits 70 Prozent aller Breitbandanschlüsse via Glasfaserkabel realisiert, der Durchschnitt der OECD-Länder beträgt hier knapp 18 Prozent. Unter den EU-Mitgliedsländern stechen hier Schweden und Estland mit 46 und 33 Prozent hervor. Es besteht erheblicher Nachholbedarf, soll die Netzinfrastruktur auch den zukünftigen Anforderungen an schnellen Datentransfer genügen. In Deutschland dominiert noch immer der Glasfaserausbau bis zum Verteiler (FTTC/VDSL), von wo aus die „letzte Meile“ zu den Haushalten mit konventionellen Kupferkabeln geführt wird, was beim derzeitigen Stand der Technik zwar die Kosten des Breitbandausbaus vermindert, aber auch die Datentransferrate gegenüber einer reinen Glasfaserinfrastruktur reduziert. Laut IW-Gutachten basieren mehr als drei Viertel aller Anschlüsse noch auf dieser Technologie. Schnelle Internetanschlüsse über 50 Mbit/s werden überwiegend über das TV-Kabel realisiert. Bislang können hierzulande weniger als 30 Prozent der Haushalte auf Anschlüsse dieser Geschwindigkeit zurückgreifen. 

Dementsprechend zeigt der jüngste State of the internet-Report des IT-Dienstleisters Akamai, in dem ein internationales Ranking der Breitbandentwicklung fortgeschrieben wird, dass Deutschland bei der Einführung von Breitbandinternetanschlüssen keine Spitzenplätze erzielen kann. Zwar lag der Anteil von Festnetzanschlüssen mit mehr als 4 Mbit/s im vergangenen Jahr bei 89 Prozent (Rang 25), doch mit mehr als 15 Mbit/s wird lediglich von 24 Prozent (Rang 26) der Anschlüsse aufs Internet zugegriffen. Weder bei der durchschnittlichen Anschlussgeschwindigkeit an das Internet reicht es für einen Platz unter den Top 10, noch bei der durchschnittlichen Spitzengeschwindigkeit von Internetanschlüssen. Mit knapp 13 Mbit/s bei der durchschnittlichen Anschlussgeschwindigkeit und mit gut 51 Mbit/s bei der durchschnittlichen Spitzengeschwindigkeit rangiert Deutschland weltweit lediglich auf Platz 22 bzw. 36. Problematisch ist aber auch die räumliche Verteilung der Breitbandanschlüsse. Während in den meisten Ballungsgebieten eine relativ gute Versorgung besteht, sind die ländlichen Räume mit geringer Bevölkerungsdichte eher schlecht abgedeckt.  Gemäß IW-Studie sieht die Situation für die Wirtschaft ähnlich aus. Rund 59 Prozent aller Unternehmen verfügen über einen Breitbandzugang von mehr als 50 Mbit/s, wobei die Verfügbarkeit in den Städten mit 82 Prozent wesentlich über der im ländlichen Raum liegt, wo lediglich 29 Prozent der Unternehmen diesen Luxus genießen. Für die Attraktivität ländlicher Räume als Wirtschaftsstandort ist das ein klarer Nachteil.

Auch beim mobilen Breitbandnetz findet sich Deutschland nicht an der Spitze des internationalen Ranking wieder. Im Jahr 2013 profitierten 92 Prozent der Einwohner vom 3G-Netz (UMTS, HSDPA, HSDPA+); in den Genuss des noch schnelleren mobilen Internets der 4. Generation (LTE) kamen 81 Prozent. Während die meisten Industrieländer mit nahezu vollständiger 3G-Netzabdeckung Deutschland in den Schatten stellen, liegt die 4G-Abdeckung über dem Durchschnitt anderer Länder. Dennoch konnte Deutschland nicht mit den Spitzenreitern Korea, den USA, Japan oder den Niederlanden mithalten, die bereits 2013 mehr als 95 Prozent 4G-Netzabdeckung vorwiesen. Drei Jahre später ist dieser Wert noch immer nicht erreicht. Das schlägt sich auch in der durchschnittlichen Geschwindigkeit mobiler Datennetze in Deutschland nieder. Mehr als 4 Mbit/s erreichen nur 69 Prozent der mobilen Anschlüsse und die durchschnittliche Übertragungsrate lag 2015 bei 9 Mbit/s. Eine ganze Reihe anderer europäischer Länder erreicht hier bereits Werte von deutlich mehr als 10 Mbit/s.

Deutschland kann sich Mittelmaß nicht länger erlauben

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit