Deutschen Einheit
„Man muss immer im Gespräch bleiben“

Interview mit dem außen- und sicherheitspolitischen Experten Horst Teltschik
Transparent am 9. Oktober 1990
Dem Mauerfall folgte die Deutsche Einheit: Rund eine Million Menschen feierten gemeinsam die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 auf den Straßen Berlins. © dpa - Bildarchiv

Horst Teltschik gehörte zu den engsten Vertrauten von Helmut Kohl. Als außenpolitischer Berater des Bundeskanzlers war er ein Architekt der europäische Einigung und der Deutschen Einheit. Wir haben mit ihm über den Mauerfall und über die Lehren aus den historischen Erfahrungen gesprochen.

Die Fragen stellte Karen Horn.

Der Mauerfall vor 30 Jahren war ein seltener Glücksmoment der Geschichte. Warum war gerade 1989 die Zeit reif dafür?

Da kam eine Reihe von günstigen Entwicklungen zusammen. Begonnen hat es schon Anfang der achtziger Jahre mit den Demokratisierungsbestrebungen vor allem in Polen, mit Solidarność. Dann war wichtig, dass wir im Bundeskanzleramt regelmäßig im Kontakt mit Ungarn waren. Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn war klar, dass das Land wirtschaftliche und politische Reformen brauchte. Weil Deutschland ihnen half, waren sie 1989 bereit, die Grenzen zu öffnen. Von zentraler Bedeutung waren natürlich die Reformbestrebungen Michail Gorbatschows in der Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost – und die Tatsache, dass er den Warschauer-Pakt-Staaten vermittelt hatte, er werde sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Bündnispartner einmischen.

Die Entspannungspolitik, die nach dem Kalten Krieg und dem langen Wettrüsten eingesetzt hatte, spielte auch eine wichtige Rolle, nicht wahr?

Natürlich. Die Grundlagen für die Entspannungspolitik waren in der Nato schon mit dem „Harmel-Bericht über die künftigen Aufgaben der Allianz“ von 1967 bereitet, mit jener Doppelstrategie, die militärische Sicherheit und Entspannung als gleichzeitig zu verfolgende Ziele festlegte. Darauf baute Willy Brandts Ostpolitik auf. Wesentlich war auch der 1973 beginnende Prozess der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE),  in dem die FDP-Außenminister Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine maßgebliche Rolle spielten. Doch dann begann die Sowjetunion mit der Aufrüstung neuer Mittelstreckenraketen. Die Atlantische Allianz antwortete mit dem sogenannten Nato-Doppelbeschluss, und der amerikanische Präsident Ronald Reagan goss mit der SDI-Initiative noch Öl ins Feuer. Es herrschte Eiszeit zwischen Ost und West. Erst 1985 kam mit der Wiederaufnahme der Gipfeldiplomatie, für die sich Bundeskanzler Helmut Kohl nach Reagans Wiederwahl in Amerika eingesetzt hatte, und mit Gorbatschow im Amt, alles wieder in Bewegung, und der Prozess, den wir kennen, nahm seinen Lauf.

Sie haben oft darauf hingewiesen, dass für das Zustandekommen der deutschen Einheit nicht zuletzt entscheidend war, dass es Kohl gelungen ist, ein Vertrauensverhältnis zu Gorbatschow aufzubauen, und dass man der Sowjetunion die gewünschten Sicherheitsgarantien gab.

Ja, das war sehr wichtig. Die Sowjetunion lag zwar wirtschaftlich am Boden, in einem Ausmaß, das wir uns im Westen kaum vorstellen konnten. Aber es galt eben ständig in Gesprächsbereitschaft zu sein, die Reformen zu unterstützen, auf Augenhöhe mit den Russen zu verhandeln und im Westen nicht etwa in Triumphgeheul darüber auszubrechen, dass wir den kalten Krieg gewonnen hatten. Als Gorbatschow wegen einer dramatischen Versorgungskrise um Hilfe bat, hat Deutschland für 1,5 Milliarden DM Lebensmittel geliefert, und als die Sowjetunion zahlungsunfähig zu werden drohte, haben wir Kredit gegeben. Der Durchbruch kam mit dem Angebot, den gesonderten sogenannten Großen Vertrag mit den Sowjets noch vor der Wiedervereinigung zu verhandeln. Da gab Deutschland die für die Sowjets so wichtigen sicherheitspolitischen Garantien, auf Gewalt zu verzichten, dass es keinen Erstangriff geben werde und dass keine ABC-Waffen zum Einsatz kommen würden.

Heute ist die geopolitische Lage unübersichtlicher, und zunehmend haben wir es mit Herrschern zu tun, die nationalistisch, autoritär, manchmal auch irrational handeln. Können wir trotzdem aus den historischen Erfahrungen etwas für den Umgang mit Russland heute lernen, mit Wladimir Putin?

Bei uns im Westen, vor allem in Deutschland, besteht die Gefahr, Putin als unseren Hauptgegner auszumachen und uns selber damit auszubremsen. Die europäische Sicherheit hängt von Russland ab, und da sucht man sich sein Gegenüber nicht aus. Man muss immer im Gespräch bleiben, das ist die wichtigste Lehre. Mit Entspannung und Wiedervereinigung wäre es nichts geworden, wenn wir seinerzeit nicht mit Breschnew gesprochen hätten, obwohl er den Prager Frühling plattgewalzt hat, und mit seinem Nachfolger Andropov, obwohl dieser uns den dritten Weltkrieg androhte. Außerdem muss man sich auch daran erinnern, dass Putin durchaus einmal der Meinung war, dass Russland Mitglied der Nato werden sollte. Und als der amerikanische Präsident George W. Bush nach 9/11 eine globale Allianz gegen den Terrorismus ankündigte, war Putin neben den Bündnispartnern in der Nato der erste, der sagte „Ich bin dabei“. Wir waren also schon einmal viel weiter. Dass wir so uneins sind, ist fatal in einer zunehmend multipolaren Welt, in der zum Beispiel auch China auf Mitsprache dringt. Die EU freilich ist gerade mit dem Brexit dabei, ihren künftigen Einfluss zu schwächen.

Das bringt uns zur Frage nach Europa, wo es in der Tat gerade ganz gewaltig knirscht. Kohl hat die deutsche Einheit und die europäische Einigung immer zusammengedacht. Wo steuert das hin?

Ich glaube, das Problem mit der EU ist, dass sie ziellos agiert. Niemand weiß, was die führenden Politiker als Zielsetzungen in Europa haben. Die Bundesregierung will ein stabiles Europa, definiert aber nicht, wie man sich dieses Europa vorzustellen hat. Die Bürger wissen nicht, ob jetzt noch mehr europäische Integration kommt und wie die aussehen soll. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist nach wie vor der Schlüssel für die Arbeit in der EU, aber sie funktioniert derzeit nicht. Die Vorstöße des französischen Präsidenten Emmanuel Macron sind ja weitgehend ohne Antwort geblieben.

 

Zur Zeit der Wende gehörte der studierte Politologe Horst Teltschik, geb. 1940 in Nordmähren, als stellvertretender Kanzleramtschef zum engsten Beraterstab von Helmut Kohl (CDU). Später leitete er zehn Jahre die Münchner Sicherheitskonferenz. Er ist einer der Architekten der deutschen Einheit.