Deutsche Einheit
Die große Leistung der Ostdeutschen

Die Wiedervereinigung Deutschlands ist gelungen, auch wenn der gemeinsame Weg von Ost und West noch immer beschwerlich ist und so manches Unbehagen fortbesteht.
Bild eines Trabbis auf der ehemaligen Mauer
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Dreißig Jahre nach dem Mauerfall zeigt sich: Die Wiedervereinigung Deutschlands ist gelungen, auch wenn der gemeinsame Weg von Ost und West noch immer beschwerlich ist und so manches Unbehagen fortbesteht. Um die entstandenen Ressentiments aufzulösen und die Integration voranzubringen, bedarf es sowohl einer selbstkritischen, respektvollen Perspektive im Westen als auch eines deutlichen wirtschaftspolitischen Impulses.

„Wir sind ein Volk!“ Keine Formel verdeutlich besser, dass die Dynamik der friedlichen Revolution, die zur Wiedervereinigung führte, vom Wunsch vieler Deutscher ausging, sich hinter einer gemeinsamen historischen, kulturellen und sprachlichen Identität als Nation zu versammeln. Die Verwirklichung dieses Wunsches war nicht einfach. Damit ein Ganzes entstand, genügte es nicht, die Teilung aufzuheben. Die Annäherung der beiden im Laufe der vielen Jahrzehnte sehr unterschiedliche Wege gegangenen Gesellschaften in Ost und West war eine Herausforderung, und sie war asymmetrisch.

Wie auch in diesem formalen Verfahren der staatlichen Vereinigung war von vornherein klar, dass es vor allem der Osten war, wo sich die Dinge ändern mussten. Die beiden Deutschlands fusionierten nicht, sondern die DDR trat der Bundesrepublik bei, und es galt alle gesellschaftlichen Prägungen durch das nunmehr abgeschüttelte realsozialistische und autoritäre – in früheren Jahrzehnten totalitäre – System zu erkennen und aufzuarbeiten. Dabei gab es keine Institution, die sich in dieser Hinsicht der Bürger angenommen und sie in die Einheit geleitet hat. Ihre Einstellungen und Werte zu prüfen und anzupassen, blieb die Angelegenheit der Bürger selbst. Heute möchte so gut wie niemand mehr zurück in den Mief des Honecker-Staats. Dass dieser geistige Wandel gelungen ist, diese Wiedervereinigung von unten, das ist die große Leistung der Ostdeutschen. Es ist auch ein im Westen oft verkanntes Zeichen ihrer Liberalität. Ihrem Selbstbewusstsein täte eine stärkere Anerkennung gut.

Aus Sicht der aktiven Patrioten im Westen, in Bonn, die den Prozess von oben operativ ermöglicht haben, war die Transformation eigentlich ein Selbstläufer. Als sich die Chance der Wiedervereinigung ergab, ergriff man sie, unter vehementer Zustimmung und Begeisterung allerorten. Als der Prozess in Gang gekommen war, hatten die Ostdeutschen jedoch von Anfang an die größere Bürde zu tragen. Schon Max Weber hatte die Gefahr der Veralltäglichung des Charismas gekannt, in diesem Fall des friedlichen Revolutionscharismas. In den Niederungen der Ebene tat sich nun in den neunziger Jahren so manche hinterlassene Zumutung auf, die unvorbereitet und unbeabsichtigt zu bewältigen war. Die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ gab es nicht sofort.

Die Zumutungen der Ebene indes überforderte in vielen Fällen die Bewältigungskompetenz der Menschen. Daraus entstand ein Unbehagen an der Einheit, eine wachsende Ungeduld angesichts der zunächst ausbleibenden Erfolge, so gut der Einigungsprozess insgesamt dann auch gelang. Es kam die fixe Idee auf, der Treuhandanstalt zuzuschreiben, was es an sozialen Belastungen im Osten auszuhalten galt. Es blieb nicht aus, dass sich Unmut dagegen regte, dass manche strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland nicht immer weiter staatlich gefördert werden sollten. Man spießte die ungleiche Verteilung von politischen wie auch wirtschaftlichen Führungsaufgaben zwischen Ost und West Deutschland auf. Manche Leute sprachen gar von neokolonialen Zuständen. An Vorurteilen und Kontroversen fehlt es bis heute nicht. Das sich verfestigende Unbehagen aufzulösen, setzt nicht zuletzt auch eine selbstkritische Perspektive im Westen voraus, in Deutschland wie in ganz Europa.

Die Teilung hat Spuren hinterlassen, und seit der Wende sind Vernachlässigungen festzustellen, die es nicht hätte geben müssen. Es gehört zu den schmerzlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der deutschen Einheit, dass sich vor diesem Hintergrund auf der linken und später auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums Ressentiments entwickelten, die gleichsam nur darauf warteten, von Parteien abgeschöpft zu werden. Im Westen war man darauf nicht angemessen vorbereitet. Viele Menschen verfielen in eine Belehrungshaltung, als ob es nur gelte, die armen Verängstigten im Osten darüber aufzuklären, welche Regeln im Zeitalter der Globalisierung und unter den Bedingungen der Freiheit gelten. Dabei verdienen andere Auffassungen zu Fragen der Moderne auch dann Respekt, wenn man sie nicht teilt. In Ostdeutschland ist man zum Beispiel schlicht nicht überzeugt, dass so viel Zuwanderung wie im Westen sinnvoll ist. Man kann auch sagen: Es herrscht im Osten eine größere kulturelle Distanz in Angelegenheiten der Migration; man hegt dort mehr Reserven als im Westen, wo die Menschen entspannter sind. Die größere kulturelle Distanz kennzeichnet indes ganz Osteuropa, besonders die Visegrád-Staaten. Ist kulturelle Distanz illegitim? Muss sie beseitigt werden? Wer mit solchem Anspruch auftritt, läuft Gefahr, die offensichtlich in Deutschland und Europa fortbestehenden Gräben zu vertiefen und rechtspopulistischen Parteien die Wähler frei Haus zuzuliefern.

Kulturelle Selbstbestimmung ist kein illiberaler Wunsch, aber man kann über sie streiten. Es ist korrekt, dass Migration eine Bereicherung darstellen kann. Es gilt anzuerkennen, dass Nationen nicht nur Geburts- und Abstimmungsgemeinschaften, sondern auch Gemeinschaften sind, die sich durch Zuwanderung entwickeln. Doch auf jeden Fall gibt es die Nation als solche, sie lässt sich nicht einfach „dekonstruieren“. Als die Ostdeutschen 1989 die nationale Frage revolutionär, aber friedlich lösten, waren sie darin jedenfalls eine fortschrittliche Kraft. Daran gilt es zu erinnern und anzuknüpfen, umso mehr, als es Differenzen gibt, die das Zusammenwachsen von Ost und West auch weiterhin belasten können. Deutschland befindet sich in einem fortgeschrittenen nationalen Integrationsprozess, in dem man Unterschiede struktureller oder ideeller Art nicht ignorieren darf. Auch die Pluralismustoleranz ist in Ostdeutschland noch etwas geringer ausgeprägt als im Westen. Man darf das ruhig zu Anlass nehmen zu fragen, ob nicht vielleicht manches, was im Westen toleriert wird, durchaus Kritik verdient.

Zu denken sollte geben, dass die Demokratieverankerung in Ostdeutschland seit 1990 manches Auf und Ab erlebt hat. Im Westen fand die Demokratie in den Anfängen der Bundesrepublik leichter ihren Weg in die Herzen der Menschen, weil parallel die soziale Marktwirtschaft deutlich spürbar ihre für jedermann wohlfahrtssteigernde Wirkung entfaltete. Im Osten stehen die Dinge auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch lange nicht so günstig. Dem unmittelbaren Einigungsboom folgte die Stagnation. Die Abwanderung vieler Menschen hat schwerwiegende, auch strukturelle Folgen. Die Bevölkerung altert insgesamt stark. Ganze Landstriche veröden, selbst Mittelstädte verlieren an Substanz. Hier gilt es endlich wirksame wirtschaftspolitische Akzente zu setzen und mit spürbaren Impulsen nachhaltige Wachstumsprozesse in Gang zu bringen. Deindustrialisierung und Verfall, Leerstand und Brachen sind kein Schicksal, das es zu ertragen gilt. Was ist also konkret zu tun? Es wäre zu überlegen, in der Ausgabenpolitik des Bundes für eine systematische Ost-Akzentsetzung zu sorgen – mit dem Ziel, alles zu fördern, was nach einem breiten Konsens der gesellschaftlichen Integration Deutschlands dient.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
Jordi Razum
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