Deutsche Einheit
Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: Von Deutschland nach Deutschland

Meine Zeit als Bildungsbeauftragter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Sachsen im Einheitsjahr 1990
Sachsen

Vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Mit dem Mauerfall stellte sich uns die Frage, wie Stiftungsarbeit in den damals noch anderen Teil Deutschlands zu tragen sei, wo parallel zum institutionellen Integrations- und Vereinigungsprozess demokratisches und marktwirtschaftliches Denken aufzubauen war.

Ich kam mit einem weißen VW Passat als Dienstwagen, den ich nach dem Stasi-Minister „Mielke“ nannte, und einem Tisch-Kopierer als Büro-Basis-Ausstattung Anfang April 1990 nach Dresden, um im entstehenden Bundesland/Freistaat Sachsen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Netzwerk-Arbeit und Seminar-Organisation zu leisten. Als freiberuflicher Seminarleiter und Ausstellungsmacher hatte ich in den beiden Jahren zuvor zu den beiden westdeutschen Stiftungs-Standorten Gummersbach und Königswinter tragfähige Beziehungen aufgebaut. Als Ulrich Wacker, der damalige Verantwortliche für die Seminarreihen der Stiftung innerhalb und außerhalb der Theodor-Heuss-Akademie, mir telefonisch das Angebot unterbreitete, für ein halbes Jahr Bildungsbeauftragter der Stiftung in Sachsen zu werden, willigte ich in einer Mischung aus Abenteuerlust und Neugierde dankbar und umgehend ein.  Zuvor unerreichbare 5.000 DM Honorar monatlich + auskömmliche Spesen erleichterten die Zusage. Schnell gelang es mir, im Tannenberger Weg 3 (bei Albert) in der Plattenbau-Hochburg Dresden-Gorbitz eine kleine Wohnung zu beziehen. Ich hatte erfolgreich auf eine Zeitungs-Anzeige reagiert, zahlte brav monatlich bar 150 DM Miete und war die ganze Zeit an meinem neuen Wohnort - in einem untergehenden Staat - nicht angemeldet. Einen Mietvertrag gab es auch nicht. Frei nach dem gebürtigen Dresdner Erich Kästner: „Was waren das für Zeiten!“

In meinem mehretagigen Wohnhaus prangte unten im Flur eine große DDR-typische Tafel mit folgenden Hinweisen. „Eigentümer: Eigentum des Volkes. Verwalter: VEB (Volkseigener Betrieb)……“ Um im Kollektiv der Hausgemeinschaft nicht unangenehm aufzufallen, leistete ich ordnungsgemäß meinen Flurdienst. Nach drei Wochen merkte ich aber, dass außer mir keiner (mehr) den Putzdienst im Treppenhaus übernahm. Diese ersten Zeichen der sanften Anarchie in einer zerfallenden staatlichen Ordnung und im Rahmen eines massiven gesellschaftlichen Umbruchs prägte die ganze Phase meines Wirkens in Sachsen (oder damals: den Bezirken Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt). Die staatlich-kommunistischen Autoritäten insbesondere in Polizei, Verwaltung und Militär, aber auch in Hochschulen, Parteien und Betrieben waren tief verunsichert. Alles war im Fluss. Früheren „Machthabern“ auch auf mittlerer und unterer Ebene wurde sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen, und man sah es ihrem Blick an. Andererseits war in der breiten Bevölkerung ein Grundvertrauen in eine bessere, vor allem auch freiheitliche Zukunft unübersehbar.

Als ich in Dresden meine Arbeit aufnahm, war der Weg zur staatlichen Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 unter westlichen Vorzeichen unumkehrbar vorgezeichnet. Als Etappen fungierten: die Kommunalwahlen im Mai, die Währungsunion im Juli, die Landtagswahlen im Oktober und die gesamtdeutschen Bundestagswahlen im Dezember. Der Beitritts-Beschluss der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer im August 1990 wurde eigentlich nie in Zweifel gezogen.  Auch mit Blick auf die Situation im sich parteipolitisch aus alten und neuen Kräften sortierenden „liberalen Milieu“ musste ein schnelles Arrangement mit der westdeutschen F.D.P. gefunden werden. Das „window of opportunity“ war nie wieder so weit offen wie damals.

Zielgruppen-Ansprache im entstehenden liberalen Spektrum

Liberale politische Bildung in einem sozialistischen Land muss ein entsprechendes Interessenten-Milieu suchen und entwickeln. Dazu bot sich für mich im entstehenden Parteien-Spektrum der DDR vor allem der Ende März 1990 in einem Übernacht-Zusammenschluss aus den beiden Blockparteien LDPD und NDPD zustande gekommene „Bund Freier Demokraten“ (BFD) an. Auf den ersten Blick verfügte er über eine üppige Infrastruktur (etliche große Kreisgeschäftsstellen) und zählte nach eigenen Angaben etwa 30.000 Mitglieder in Sachsen. Die im August 1990 neben dem BFD mit den West-Liberalen ebenfalls fusionierende Ost-F.D.P. sowie die Deutsche Forum-Partei waren in Sachsen nicht von besonderer Bedeutung. Spannungen ergaben sich stillschweigend oder offen um die Frage, wer wen als (echten) Wendehals bzw. (falschen) Märtyrer bezeichnete. Für die Bildungsarbeit in Sachsen kam mit Blick auf das parteiorganisatorische Umfeld erschwerend hinzu, dass im Juli 190 von insgesamt 234 hauptamtlichen Parteiangestellten des BFD entlassen und die drei Bezirksverbände zugunsten der Gründung eines Landesverbandes Sachsen (am 15.7.) aufgelöst wurden.

Meine Netzwerk-Aktivitäten im entstehenden liberalen Spektrum konzentrierten sich auf den persönlichen Kontakt mit dem mittleren und oberen Apparat und auf Informationsabende und -stände am Rande von Parteiversammlungen unterschiedlichster Art – bei Parteitagen ebenso wie bei Wahlveranstaltungen. Hilfreich war für mich die frühzeitige Bereitstellung eines Turmzimmers in der Bezirks- (später Landes-) Geschäftsstelle des BFD am Wasa-Platz in Dresden, einer großbürgerlichen Villa der Jahrhundertwende. Die neuen Partner behandelten mich freundlich, hilfsbereit und kollegial. Die unterschiedlichen Mentalitäten traten spätestens dann hervor, wenn ich routinemäßig mitteilte, dass ich „mit Sicherheit“ noch am Nachmittag wiederkäme oder „operative“ Empfehlungen für die Liberalen in Sachsen machte: beides durch die „Staatssicherheit“ kontaminierte und damit gefürchtete Begriffe.

Übrigens belastete das allgegenwärtige Thema „Stasi-Mitarbeit“ den entstehenden Landesverband Sachsen der Ost-Liberalen in besonderer Weise. Sowohl der erste Landesvorsitzende wie auch der Spitzenkandidat zur Landtagswahl im Oktober wurden in ihrer privaten Informanten-Tätigkeit von der Presse zeitlich wohl kalkuliert „enttarnt“ und mussten umgehend zurücktreten – letzterer wenige Tage vor der Landtagswahl. Die Wahlfeier im Zelt am Elb-Ufer fiel nach 5,3 Prozent der Stimmen naturgemäß gedämpft aus. Kaum zwei Monate später konnte die sächsische FDP das Ergebnis bei den Bundestagswahlen mehr als verdoppeln.  

Besondere Genugtuung bereitete mir die Zusammenarbeit mit der „Jungliberalen Aktion Sachsen“  (JuliA), wo mit Tom Steinborn ein blitzgescheiter und strategisch versierter Vorsitzender innerhalb und außerhalb der sächsischen FDP zu überzeugen verstand. Er beeindruckte sicher auch die JuLi-Bundesvorsitzende Birgit Homburger, die wie viele Liberale aus dem Bundesgebiet mehrmals in Sachsen Station machte. Gerade die jüngeren Liberalen im entstehenden Freistaat waren auch ein dankbares Publikum für meine Seminarangebote.

Liberale politische Bildung in Sachsen konkret

Der Umbruch in der DDR verlangte den Menschen im Einigungsjahr enorme Anpassungs-Anstrengungen ab, was zum einen das Interesse an unserer politischen Bildung minderte, zumal wenn man darunter „Schulungen“ oder „Lehrgänge“ alter DDR-Prägung verstand. Bei anderen, ja vielen, wurde aber eine erfreuliche, mithin  bewegende Neugierde mit eigenen Veränderungswünschen freigesetzt: Wir packen es jetzt an und beginnen neu!

Und so startete ich von meiner Wohnung in Dresden-Gorbitz und von meinem „Dienstzimmer“ am Wasa-Platz eine Kontakt-Offensive, die sich zunächst auf Briefe an Parteigliederungen, Institutionen, Verbände und Privatpersonen sowie auf persönliche Begegnungen mit aufwändigen (Recherche-) Autofahrten durch ganz Sachsen konzentrierte. Soviel Anfang war nie, zumal wenn man - wie ich – mit „Mielke“ 50.000 km auf Erkundungsfahrt durch Sachsen war. Die DDR-Telefonleitungen erwiesen sich als mäßig leistungsfähig und führten bisweilen zu einer abenteuerlichen oder gar keiner Kommunikation. Die erste Telefonzelle der Bundespost war im 150 km von Dresden entfernten Plauen eingerichtet worden. Von dort konnte ich dann auch nach Gummersbach, Königswinter oder Berlin telefonieren, um Seminarabsprachen zu treffen. Einmal habe ich auch ein museales Telex-Gerät in Dresden als Übertragungsmedium genutzt, das mich irgendwie an meine Bundeswehrzeit als Fernschreibmelder Ende der siebziger Jahre erinnerte.

Besonders reizvoll waren wilde Infostände an den Hochschulen in Dresden, Leipzig oder Zwickau, meist im Mensa-Bereich, wo ich Hinweise auf die Begabtenförderung der Stiftung machte und Sonderdrucke von Karl-Hermann Flach, Ralf Dahrendorf oder „liberal“ verteilte. In Leipzig wurde ich einmal spontan eingeladen, vor 200 Studenten im Hörsaal die Arbeit der Stiftung vorzustellen bzw. liberale politische Bildung zu veranschaulichen. An der Pädagogischen Hochschule Zwickau lernte ich mit der Rektorin Professor Elke Mehnert eine Liberaldemokratin als Partnerin für politische Bildungsveranstaltungen kennen, die später in den Vorstand der Naumann-Stiftung aufstieg.

Es war eine Zeit ungemein spontaner und kreativer Entfaltungsmöglichkeiten. Hier mal die Besichtigung einer möglichen Tagungsstätte für unsere Seminare, da mal ein Interview für das „Sächsische Tageblatt“, dann spannende Kontakte zu dialektisch geschulten Offizieren der Militärakademie, und zum Sommerfest der Stiftung in Königswinter (Motto “Allerlei aus Sachsen“) durfte ich noch Altenberger Kräuterschnaps und Meißner Wein beisteuern. Die Koordination mit der Stiftung erfolgte neben den NRW-Standorten über das zu Dresden nähergelegene Büro Berlin der Stiftung, wo der machtvolle Geschäftsführer der niedersächsischen Rudolf- von-Bennigsen-Stiftung Heinz Karow auf mittlerer Strecke die Vorgesetzten-Funktion über die Bildungsbeauftragten in der DDR übernahm. Er war später auch der erste Leiter des Büros Berlin, als unsere Arbeit als Bildungsbeauftragte auslief. In Berlin fanden Besprechungen statt, und die Materialauffüllung (insbesondere Publikationen) konnte sichergestellt werden. Um die Stiftungs-Spitze in Königswinter zu informieren, legten die Bildungsbeauftragten in regelmäßigem Abstand mehrseitige schriftliche Berichte über die politische Lage und die eigenen politischen Bildungs-Aktivitäten vor.  

 

Seminarorganisation am Beispiel der kommunalpolitischen Initiative

Mein Kern-Auftrag war neben der Bekanntmachung der Stiftung in allen Teilen eines entstehenden liberalen Interessenten-Kreises vor allem die Durchführung von politischen Bildungsveranstaltungen. Dass in der Anfangsphase vor allem Tages- und Abendveranstaltungen angeboten wurden - ich selbst hielt Liberalismus-Vorträge -, hatte mehrere Gründe. Wir wollten informativ und kompakt anfangen und dann übergehen zu intensiveren und vor allem partizipativeren Formen moderner politischer Weiterbildung.  Zudem gab es in der Anfangszeit das Problem, geeignete Tagungsstätten zu finden. Manche Hotels/Ferienheime verfügten über hinreichende Gäste-Zimmer, hatten aber keine angemessenen Seminarräumlichkeiten. In den Bezirks-, zum Teil auch Kreisgeschäftsstellen des BFD (aus staatlicher Blockpartei-Vergangenheit) gab es gute bis sehr gute Tagungsräumlichkeiten, aber eben keine nahegelegenen Hotels. Um eine Vorstellung über die Mangel-Situation zu geben, so mag der Hinweis reichen, dass es im Frühjahr 1990 in ganz Dresden etwa ein Dutzend Hotels plus einige Pensionen gab! Diese wurden mehr und mehr auch von großen West-Unternehmen, Geschäftsreisenden und bald auch westdeutschen Reisegesellschaften in Beschlag genommen.

Für die große kommunalpolitische Initiative der Stiftung nach den auch in Sachsen vor allem in ländlichen Gebieten erfreulichen Ergebnissen für die Liberalen (über 8 %) suchte ich deshalb hotelähnliche Einrichtungen außerhalb der drei Bezirks-Metropolen. Ich wählte für den Zeitraum August bis Dezember 5 Tagungsstätten - verkehrsgünstig über Sachsen verteilt - mit 30 Wochenendterminen, darunter auch ein ehemaliges Stasi- bzw. SED-Bezirksleitungs-Ferienheim mit Zimmerdusche und: Schwimmbad. Für manchen Ferienheim-Geschäftsführer bestanden bei den Verhandlungen Probleme bei der Umstellung auf Gewinn-Kalkulation, weil man die Non-Profit-Haltung des untergehenden kommunistischen Staates erst ablegen musste.    

Etwa zwei Drittel der Termine wurden erfolgreich durchgeführt, was angesichts der Schwierigkeit, die gewählten liberalen Ratsmitglieder in Sachsen bei zusammenbrechenden Parteistrukturen und ohne funktionierenden Telefonkontakt zu ermitteln, ein Erfolg war. Dies war übrigens die erste gemeinsam von allen Bildungsbeauftragten parallel durchgeführte Veranstaltungsreihe im großen Rahmen und mit zentralisierten Kommunikationsformen auf dem Gebiet der DDR. Jetzt konnten wir auch unsere methodischen Kompetenzen als Stiftung über drei Tage politische Bildung voll ausspielen. Verdiente und erfahrene Seminarleiter wie Ulla Schröder aus Konstanz und Dr. Walter Hartmann aus Niedersachsen haben sich dieser fachlich-pädagogischen Herausforderung gerne gestellt - zum Teil Wochenende für Wochenende.  Das Grundrüstzeug für eine freiheitliche Kommunalpolitik wurde lebensnah und kompakt vermittelt.

Einladungen zu anderen Themen wie „Schüler- und Jugendzeitung“, „Grundlagen des Liberalismus“ oder -  sehr begehrt – „Rhetorik“ schrieb ich alle selbst auf meiner Elektro-Schreibmaschine und vervielfältigte sie mit meinem Tisch-Kopierer in meiner Wohnung. Wenn man über einzelne fähige Seminar-Partner im entstehenden organisierten Liberalismus oder unternehmerisch-universitären Bereich verfügte, klappte die Akquise wegen der Bindungswirkung dieser Personen sehr gut. Fehlschläge minderten nicht die Euphorie unserer demokratischen Mission. Eine Seminar-Assistentin etwa, die bei dem Transport von Seminarmaterialien (inkl. Metaplantafeln) von Gummersbach nach Sachsen auf der holprigen A-4 einen schweren Verkehrsunfall erlitt, war wenige Wochen später wieder im Einsatz für die Stiftung. Es war eine atemberaubend aufregende Zeit, und jeden Tag passierte irgendetwas Außergewöhnliches: und wenn es ein Fastfood-Küchen-Bus von „Burger King“ war, der vor dem Dresdener Bahnhof zur bleibenden kulinarischen Attraktion wurde. „Go West“ von den Pet Shop Boys war übrigens der Sommer-Hit 1990.  Und die deutsche Nationalmannschaft gewann auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft in Italien – wenn auch ohne die Sachsen Matthias Sammer und Ulf Kirsten!     

Politik-Abenteuer Sachsen im Rückblick

Das Zeitgefühl im Sommer 1990 war voller Optimismus, Dynamik und Patriotismus. Nie waren Freiheit und Einheit für die Menschen in ganz Deutschland greifbarer als damals. Ich schüttelte nur den Kopf über Oscar Lafontaines Wahlkampf-Auftritt vor dem Schloss in Dresden im September 1990 – typisch für die verknöcherte 68er Generation West. Sie konnte mit der nationalen Einheit nichts anfangen.

Die liberale Partei Hans-Dietrich Genschers hingegen hatte trotz der geschilderten Rückschläge Rückenwind. Und so waren die Auftritte von Otto Graf Lambsdorff in Zwickau (vor fast 1.000 Menschen auf dem Rathausplatz) und des Stiftungs-Vorsitzenden bzw. gebürtigen Dresdners Wolfgang Mischnick für mich unvergleichliche und inspirierende Erlebnisse. Dem damaligen LDPD-Partei-Funktionär in Karl-Marx-Stadt und ersten Landesgeschäftsführer der F.D.P.-Sachsen, Peter-Andreas Bochmann, der heute für die Stiftung in Georgien arbeitet, fühle ich mich nach wie vor in besonderer Weise verbunden. Er wurde nach der Einheit Leiter der einzigen Bildungsstätte der Naumann-Stiftung auf dem Gebiet der früheren DDR, der Wolfgang-Natonek-Akademie im sächsischen Vogtland, dem früheren Johannes-Dieckmann-Ferienheim der LDPD. Eine weitere Freundschaft entwickelte sich über den ganzen Zeitraum zu Hans-Georg Menzer, einem der Nachfolger von Bochmann im Amt des F.D.P.-Landesgeschäftsführers. Er zeigte mir Dresden mit anderen Augen und brachte mir die DDR-Realität in dichten, auch biographischen Schilderungen nahe.   

Auch andere wunderbare Menschen mit einem besonderen, nicht immer leicht zu verstehenden Dialekt machten mich in meiner Zeit als Bildungsbeauftragter in Dresden gleichermaßen mit den Tiefen der DDR-Unfreiheit wie mit den Höhen der sächsischen Kultur hautnah vertraut. Der Stolz auf diese Stadt, die am Ende des Krieges so starke Wunden erlitten hatte, aber nie ihre Magie nie verlieren konnte und kann, war prägend für die Dresdener. Wer genau hinsah, erkannte an manchen Häusern im Vorstadt-Bereich einen nicht nach westlicher Manier wegmodernisierten Schriftzug „Kolonialwaren“ oder erfreute sich an dem unvergänglichen Flair einer nicht nach östlicher Manier verfallbeschleunigten Villa einer Opern-Diva der Jahrhundertwende.

Das Bedürfnis nach Anerkennung der eigenen individuellen Biographie und Persönlichkeit „im anderen Teil Deutschlands“ und der Wunsch nach einer tragfähigen nationalen Identität in einem aus Ost und West gebildeten „einig Vaterland“ (wie es die DDR-Hymne verhieß) war damals schon mit Händen greifbar. Dies ist auf Westseite fataler Weise geringgeschätzt worden, eigentlich bis heute. Erbärmlicher Ausdruck dieses Versäumnisses ist der zwei Jahre alte SPIEGEL-Titel nach den Vorkommnissen in Chemnitz: ein brauner Sachsen-Schriftzug vor schwarzem Hintergrund. Nazi-Land.

In diesem Sommer war ich nach dreißig Jahren wieder in Dresden und bin irgendwie stolz darauf, dass das „Elb-Florenz“ nach dem Ruhrgebiet und dem Kino meine dritte Heimat geworden ist. 

 

 

Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: So viel Anfang war nie!

Dresden 1990

Vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Ulrich Wacker war der damals in der Stiftung für „Deutschlandpolitische Bildungsarbeit“ verantwortliche Leiter des Referats Seminarreihen; er beginnt heute den Reigen dreier Beiträge über die Anfänge von Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands.

Zum Artikel

Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: Aus der Ferne so nah

Schwerin, 1990

Am 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Michael Roick berichtet aus seiner Zeit als Bildungsbeauftragter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Mecklenburg im Einheitsjahr 1990.

Zum Artikel