DNA

Der wirtschaftliche Sinn des Lebens

Die Ökonomisierung des Lebens macht auch beim Nachwuchs nicht halt.

Analyse25.04.2019Thomas Straubhaar
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Forscher schauen sich einen DNA Strang an.dpa-Zentralbild

Sex geht immer - selbst wenn es im eigentlichen Sinne gar nicht um Sex geht. Sondern um Kinder, die ohne Geschlechtsverkehr durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas gezeugt werden. Eine Option, die immer mehr von der Ausnahme zur Regel wird. Ging es zunächst um eine künstliche Befruchtung einer Eizelle durch einen Samenspender, gehört die In-vitro-Fertilisation mittlerweile zum medizinischen Alltag.

In Deutschland ist sie bei ungewollter Kinderlosigkeit eine dankbar genutzte Möglichkeit, Eltern zu werden. Fortschritte in der Genetik sowie Innovationen in der Genomchirurgie (die auch als Gen-Editing-Technik bezeichnet wird)und der Stammzellenforschung eröffnen Eltern zunehmend mehr und mehr Möglichkeiten, den Zufall auszuschalten und wissentlich und willentlich direkten Einfluss auf das Wesen und Werden ihrer noch ungeborenen Kinder nehmen zu können.

Das wird dazu führen, dass Sex seine zentrale Funktion – die Fortpflanzung – verlieren wird und mehr und mehr nur noch dem Spaß dient – das jedenfalls ist die These des Stanford-Professors Henry T. Greely in seinem Bestseller „Das Ende des Sex und die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung“. Zumindest theoretisch vorstellbar wird eine Welt voller gesunder, intelligenter Labormenschen, die sich hedonistisch ihren Trieben und ihrem Treiben hingeben können. Für die einen ein rundum moralisch-ethisch verabscheuter Albtraum, für andere eine Vision, die ein selbstbestimmtes kinderfreies Leben gesellschaftsfähig werden lässt. 

Die Zukunft wird nahezu alles möglich machen, was sich bei der Fortpflanzung denken lässt. Das gilt nicht nur für vielfältige Kombinationen von Samenspendern, Leihmüttern, genetischen und sozialen Eltern. Moderne Gen-Editing-Technik erlaubt es, Erbgut zielgerichtet zu verändern. Eine Vermeidung genetischer Defekte rückt damit genauso in den Bereich des technologisch Machbaren wie Eingriffe, um speziell gewünschte Eigenschaften zu erzeugen, wie beispielsweise Geschlecht, Größe, Augenfarbe bis hin zu charakterlichen Merkmalen.

Möglich wird auch, Erbeigenschaften zu „optimieren“ und künstlich befruchtete Eizellen nach Vor- und Nachteilen zu selektionieren. Für viele eine unfassbare, unmoralische und entsetzliche Option, weil jede Auswahl mit fundamentalen ethischen Konflikten einhergeht. Für manche jedoch eine unverzichtbare wissenschaftliche Weiterentwicklung, um Erbkrankheiten einzudämmen, kinderlose Paare glücklich zu machen, aber eben auch, um Entstehung und Verteilung von Kosten und Nutzen von Kindern und Kinderfreiheit auf völlig neue Grundlagen zu stellen. 

Eltern designen ihr Wunschkind

Wenn das perfekte Designerbaby aus dem Reagenzglas möglich wird, dürfte – so die empirische Erfahrung aus der Diskussion über Impfpflichten, Pränataldiagnostik und die Verbindlichkeit von Tests auf Trisomi 21 – fast zwangsläufig der gesellschaftliche Druck auf werdende Eltern zunehmen, das technologisch Machbare auch mehr und mehr zu tun. Vermutlich werden Versicherungen sogar gewisse Verhaltensweisen einfordern, um gesamtwirtschaftliche Folgekosten eindämmen zu können. Schritt für Schritt dürften werdende Eltern dazu neigen, dem Schicksal ins Handwerk zu pfuschen, um das Wunschkind zu erhalten.

Wenn es nicht mehr der Zufall ist, der die Karten verteilt, sondern die Medizin bestimmen kann, wer welche Trümpfe erhält, um im Leben die Erfolgschancen zu verbessern, muss dann nicht aus Sicht der betroffenen Kinder, ihrer Eltern, aber auch für die Gesellschaft insgesamt alles für das Bestmögliche getan werden? Wer aber entscheidet, wer welche und wie viele Kinder zeugen darf und wer nicht, wer Leihmutter sein darf oder sein muss und wer nicht? Das sind aus heutiger Sicht gruselige Fragen, die aber früher oder später gestellt werden dürften. Zu entscheiden wird somit sein, wie weit Effizienz und Optimierung unverzichtbar sind, aber eben auch, wo und wann sie ebenso unverhandelbar zu enden haben. Wie weit soll und darf oder muss die Wissenschaft gehen, wann gibt es moralisch-ethische Grenzen, die in keinem Falle überschritten werden dürfen?

Weitere medizinisch-technische Fortschritte, Big Data und Big Business werden tiefer ins Mark von Moral und Ethik eindringen als alles bis anhin Denk- und Vorstellbare. Verblüffend ist dabei, dass es der allgemeine Zeitgeist ist, der dabei ohne viel moralisches Bedenken alte ethische Vorbehalte über den Haufen wirft. Nüchtern und sachlich rechnen Frauen, die nicht Mutter werden wollen, der Gesellschaft vor, was anstelle von Kindern alles möglich wäre, wie sehr ein Kinderverzicht die Umwelt entlaste und wie sehr es gerechtfertigt sei, jede 50-Jährige ohne Kinder als Belohnung dafür, dass sie den Planeten schone, mit 50.000 Euro zu entschädigen. 

Jenseits von Moral und Ethik

Denn nicht nur bei der Entstehung des Lebens, sondern auch beim Lebensende werden mehr und mehr Tabus gebrochen und werden Diskussionen über aktive Sterbehilfe salonfähig, die noch vor Kurzem völlig außerhalb des gesellschaftlich Akzeptierten lagen. Wie lange dürfen, müssen, sollen Ärzte gegen den Willen der Sterben den Menschen künstlich am Leben erhalten – wenn diese das wohl nicht gewollt hätten? Wer bestimmt, ob weiter ernährt wird, wie lange Beatmungsmaschinen noch pumpen?

Die Ökonomisierung des Lebens tastet sich weiter in Dimensionen voran, die momentan noch als komplett jenseits von geltender Moral und Ethik liegen. Aber wie lange und wie weit noch halten fundamentale moralisch-ethische Grundprinzipien ökonomischen Kosten-Nutzen-Überlegungen stand? Nicht alles, was technisch machbar ist, sich ökonomisch rechnet, ist eben am Ende moralisch richtig und ethisch gerechtfertigt.

 

Thomas Straubhaar ist Professor an der Universität Hamburg und Direktor des Europa-Kollegs Hamburg. Er hat unter anderem an den Universitäten Bern, Basel, Konstanz, Freiburg und als Helmut Schmidt Fellow an der Transatlantic Academy in Washington, DC, geforscht und gelehrt. Seit 2011 gehört er dem Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit an.