"Der Wechsel war überfällig"

Zehn Jahre war Alexander Görlach Mitglied der CDU - seine Zukunft sieht er stattdessen in der FDP

Meinung04.10.2016Alexander Görlach
Alexander Görlach
Alexander GörlachGuillaume Vaslin

Alexander Görlach ist promovierter Theologe und promovierter Linguist. 2009 gründete er das Debatten-Magazin The European und fungierte viele Jahren als dessen Chefredakteur. Zuvor war Görlach für zahlreiche große deutsche Medienhäuser tätig u. a. war er Online-Ressortleiter des Politikmagazins Cicero. Im Jahr 2014 ging er als J.F.Kennedy Memorial Fellow an das Center for European der Harvard University. Seit September 2015 ist Alexander Görlach als Visiting Scholar in Harvard, wo er an der Divinity School und dem Center for European Studies im Themenfeld Politik und Religion, zur Zukunft von Säkularismus und Pluralismus, arbeitet. Görlach ist Senior Advisor des Berggruen Instituts, eines Think-Tank mit Sitz in Los Angeles.

Nach zehn Jahren Mitgliedschaft in der CDU Deutschlands habe ich mein Parteibuch zurückgegeben. Dieser Schritt ist wohl überlegt und deshalb ist er mir auch leicht gefallen. Als die Bundeskanzlerin dem Youtube-Start LeFloid ein Interview gegeben hatte, war klar, dass mit ihr kein gesellschaftlicher Wandel mehr zu machen sein würde: Frau Merkel erklärte dem jungen Mann, dass es mit ihr weder eine Legalisierung von Cannabis noch eine Ehe für alle geben werde. Frau Merkel hatte sich zuvor schon mit einer Aussage hervorgetan, dass sie vom Gefühl her ein Problem mit der Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare haben. Neben Cannabis und Ehe für alle wird der Stillstand in der Union überdeutlich beim Thema Integration. Denn ein Einwanderungsgesetz, das Deutschland dringend braucht, wäre am Ende nichts anderes, als die Enttarnung der konservativen Lebenslüge, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei.

Die CDU kann sich dazu nicht durchringen, vor allem, weil ihre hässliche Schwester aus Bayern seit der Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr wieder garstig gegen Ausländer hetzt und führende Vertreter dieser Partei in Fernseh-Interviews sich nicht entblöden, „das deutsche Volk“ zu beschwören. In Deutschland leben rund 20 Prozent Migranten und ihre Kinder. Mehr Realitätsverdrängung geht nicht. Die Spitze des Unerträglichen ist, dass die Union, vor allem die CSU, sich als Lordsiegel-Bewahrer des Christentums, als Speerspitze für die Erhaltung des christlichen Menschenbildes in der Politik versteht. Wenn das, was die CSU dazu liefert, wirklich christlich sein sollte, hätte diese Religion im politischen Diskurs absolut nichts mehr zu suchen. Aber: Ich war zehn Jahre lang Messdiener und ich lasse mir ein xenophobes X nicht für ein katholisches U vormachen.

Nichts desto trotz: Das politische Christentum ist in der Krise, nicht nur wegen der CSU. Gleiches gilt für die Sozialdemokratie und auch für den Liberalismus — drei Denkschulen und politische Philosophien, die aus dem späten 19. Jahrhundert stammen und die sich heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, neu definieren müssen. Als erstes hat der Modernisierungshammer die SPD getroffen, als zweites die FDP und er wird auch die Union treffen, spätestens, wenn Frau Merkel nicht mehr Parteivorsitzende sein wird. Die ökologische Bewegung kam
im 20. Jahrhundert als politischer Ideengeber dazu; ihr Problem heute ist nicht ein Modernisierungsstau, sondern die Tatsache,
dass ökologisches Denken und Handeln fester Bestandteil von Politik geworden ist. Ich möchte in einer offenen Gesellschaft leben, die Andersartigkeit nicht als Gefahr begreift.

Ich möchte in einer liberalen Gesellschaft leben, in der alle Menschen lieben und heiraten können, wen sie möchten. Und ich möchte in einem Land leben, in dem jeder und jede Genussmittel ihrer Wahl konsumieren können.
Die großen Fragen, deren Antworten ausstehen — wie sieht ein gerechtes Wirtschafts- und Finanzsystem aus? Wie gehen wir mit den verbliebenen, kargen Ressourcen der Erde um? Wie gestalten wir den digitalen Wandel? —, können nur dann gelöst werden, wenn sie wirklich angegangen werden und nicht im Rückgriff auf die Nation und die Religion umschifft und in ein imaginiertes Feindbild des Fremden verklappt werden. Der Liberalismus hat alle Chance, sich als politische Kraft neu zu finden und zu helfen, Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten. Deswegen ist meinem Austritt aus der Union direkt ein Eintritt in die FDP gefolgt.