Widerstand

Der Mut des Militärs

Nicht in ihren Irrtümern, wohl aber in ihrer Bereitschaft, ihr Leben im Kampf gegen das Unrecht zu opfern, sind und bleiben die Offiziere des 20. Juli Vorbilder.

Meinung22.07.2019
Henning von Tresckow
Henning von TresckowWikimedia

Magdeburg ist die Geburtsstadt von Henning von Tresckow, einem der engen Freunde und Mitverschwörer von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 auf Hitler ein Attentat ausübte, um das „Unternehmen Walküre“ einen Staatsstreich gegen das nationalsozialistische Regime zu ermöglichen. Attentat und Staatsstreich scheiterten, die allermeisten der Verschwörer wurden erschossen, gehängt oder wählten wie Tresckow den Freitod.

An der Gedenkstele für Henning von Tresckow fand am 20. Juli 2019 zum 75. Jahrestag des Attentats ein Gedenkakt der Bundeswehr statt – in Zusammenarbeit mit der Stadt Magdeburg und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Die Gedenkrede hielt Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit:   

Vor 75 Jahren, am 20. Juli 1944, um 12.43 Uhr, detonierte die Bombe in Stauffenbergs Tasche im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze. Gegen 16.30 Uhr landete Stauffenberg in Berlin. Erst danach gingen die Befehle für den Staatsstreich heraus – viel zu spät, um das „Unternehmen Walküre“ noch erfolgreich durchführen zu können. Bereits nach wenigen Stunden zeichnete sich das Scheitern ab - bis hin zur Hinrichtung von Stauffenberg, Haeften, Olbricht und Quirnheim kurz nach Mitternacht im Hof des Bendlerblocks. Tresckow nahm sich am nächsten Tag an der Front das Leben. Es folgten Verhaftungen. Es folgten die Schauprozesse gegen die „Clique ehrgeiziger Offiziere“, wie sie Hitler nannte. Es folgten weitere Hinrichtungen.

Und es folgte die Fortsetzung des Krieges. Vom Kriegsbeginn 1939 bis zum 20. Juli 1944 gab es 2,8 Millionen Tote, danach bis zum Kriegende 4,8 Millionen. Das Morden in den Gaskammern der Konzentrationslager lief weiter auf Hochtouren. Und viele deutsche Großstädte verloren erst in der Zeit nach dem gescheiterten Attentat durch das Flächenbombardement ihr Gesicht und ihre historisch gewachsene Schönheit. Auch Magdeburg.

Grund also für ein ehrendes Gedenken an jene, die den Versuch unternahmen, diesem grausamen Irrsinn ein Ende zu setzen, und die dafür mit ihrem Leben bezahlten. Es ist merkwürdig, wie schwer sich Deutschland in den vergangenen 75 Jahren mit diesem Gedenken getan hat. Immer wieder wurde es begleitet von einschränkenden Vorbehalten, die der Tat und den Tätern ihre moralische Größe absprechen. Am schlimmsten in den fünfziger Jahren, als viele im Handeln der Verschwörer noch eine Art Landesverrat sahen. Für „Eidbrecher“ hatte man lange kein Verständnis. Erst die Rede von Bundespräsident Heuss zum 10. Jahrestags des Attentats 1954 leitete eine Wende zum Besseren ein, die dann schließlich mit der Aufnahme des militärischen Widerstands in die Traditionslinie der Bundeswehr durch einen Erlass vor genau 50 Jahren, am 20. Juli 1959, dem unwürdigen Missverständnis ein erstes Ende setzte.

Was folgte, waren aber neue Vorbehalte:

Vorgehalten wurde den Verschwörern die frühe Nähe zum Nationalsozialismus. Zentrale Persönlichkeiten des Widerstands, allen voran Stauffenberg und Tresckow, waren zeitweise Anhänger des Hitlerregimes gewesen.

Vorgehalten wurde den Verschwörern die politische Konzeption für die Zeit nach Hitler. Die war bei ihnen nicht zukunftsweisend. Tatsächlich sind in der Nachkriegsgeschichte kaum Spuren ihres Denkens zu erkennen.

Vorgehalten wurde den Verschwörern ihre angeblich zögerliche Haltung. Erst als der Krieg in einem fortgeschrittenen Stadium war, hätten sie zugeschlagen. Erst als Deutschland am Boden lag, seien sie zur Tat bereit gewesen.

Vorgehalten wurde den Verschwörern eine dilettantische Vorbereitung: endlose Diskussionen über Eidbruch und Ehre, endlose Diskussionen über unbedeutende Details und eine geradezu schlampige Vorbereitung im Kernbereich der Planung.

Vorgehalten wurde den Verschwörern in jüngster Zeit vor allem die Mitwisserschaft und die Billigung von Gräueltaten an der Ostfront. Dies betraf vor allem die Heeresgruppe Mitte, also Tresckow und seine engsten Vertrauten.

Vorgehalten wird – ganz aktuell – dem Attentäter Graf Stauffenberg das angebliche Fehlen einer moralischen Motivation. Er sei, so eine jüngste Biografie, fast einzig vom „Mythos der Tat“ angetrieben gewesen, ganz im Stil seiner frühen geistigen Heimat, dem Stefan-George-Kreis.

Diese Vorhaltungen beruhen auf einer Fülle von historischen Einzelforschungen. Und sie enthalten – neben allzu gewagten Deutungen – vieles an Wahrem. Dessen Bedeutung ist aber nur wirklich angemessen zu beurteilen, wenn man die Verschwörer als das sieht, was sie waren: Menschen ihrer Zeit, gebunden im Denken ihrer Zeit und mit der Verantwortung, die ihnen genau diese Zeit aufbürdete.

Tresckow

Tresckow hatte diesen Mut. Und dieser Mut verließ ihn auch dann nicht, als er längst tief pessimistisch geworden war, was die Erfolgschancen des Attentats betrifft.

Karl-Heinz Paqué

So entsprang die frühe Nähe zum Nationalsozialismus dem tiefen Gefühl der Demütigung Deutschlands durch den Vertrag von Versailles. Entsprechend beeindruckte Tresckow der Tag von Potsdam am 21. März 1933, die inszenierte Vermählung der neuen dynamischen NS-Bewe­gung mit der preußischen Tradition. Aber er lernte schnell dazu: Die kaltblütigen NS-Morde im Zuge des Röhmputsches 1934 – ziemlich genau vor 85 Jahren – empörten und ernüchterten ihn zutiefst. Und die feige Haltung der Militärführung in Anbetracht der Ermordung General Schleichers tat ein Übriges. Danach gab es bei ihm keinerlei Sympathien mehr für das NS-Regime.

Aber es blieben tiefe innere Konflikte, die praktisch jeder der Verschwörer mit sich herumtrug. Das Zögern in der Vorbereitung mehrerer Anschläge, die langen Diskussionen über politische Konzepte, die Pannen bei der Planung und Durchführung mehrerer Attentate – sie sind auch Ausdruck und Ergebnis dieser inneren Konflikte. Es ging dabei stets um menschliche Grundwerte: um Ehre und Treue, um Vaterlandsliebe und Christenpflicht. Es sind noble Kategorien aus einer vordemokratischen Zeit. Es steht einer Nachwelt eigentlich nicht zu, sich über diese Konflikte zu erheben. Denn unsere moralische Phantasie kann heute kaum noch ausreichen, um uns in die Lage der Betroffenen zu versetzen.

Auch die Beurteilung der Verhältnisse an der Ostfront verlangt eine gewisse historische Vorstellungskraft, die offenbar heute allzu oft fehlt. Tresckow und andere hohe Offiziere der Heeresgruppe Mitte waren verantwortlich für ihre Soldaten – und dies mitten in einem Partisanenkampf, der an der Ostfront tobte. Man kann sich leicht ausmalen, dass dies zu schwierigsten Konfliktsituationen führte. Zu glauben, dass es in solchen Situationen für einen führenden Militär jederzeit eine einfache Lösung gab, Schuld und Mitverantwortung von sich fernzuhalten, erscheint reichlich naiv.

Die Verschwörer waren eben Menschen mit Fehlern und Schwächen, die Irrtümer begingen und Fehlentscheidungen trafen, auch schwere. Man muss sich deshalb davor hüten, aus Ihnen „heilige Helden“ zu machen, die in jeder Hinsicht unfehlbare Vorbilder waren und noch sind. Solche Menschen gibt es nicht. Was wir allerdings bei den Verschwörern finden, das ist das Vorbild in jener Eigenschaft, ohne die auch eine freiheitliche Demokratie verkümmert: der Mut zum Kampf gegen Diktatur und Totalitarismus.

Tresckow hatte diesen Mut. Und dieser Mut verließ ihn auch dann nicht, als er längst tief pessimistisch geworden war, was die Erfolgschancen des Attentats betrifft. Denn es ging ihm nicht mehr, wie sein berühmtes Wort an Stauffenberg auf der Stele bezeugt, allein um das Ende des Nationalsozialismus, sondern um die Ehre seines Landes. Genau diese Einstellung war nach seinem Tod auch bei den angeklagten Mitverschwörern vor dem Volksgerichtshof zu spüren. Ihre Haltung und Würde im Anblick des Todes wurde zu einem großen Vermächtnis, festgehalten auch in Filmaufnahmen. Sogar Goebbels und Hitler haben das wohl gemerkt, denn sie verzichteten damals darauf, die Aufnahmen der Schauprozesse den Menschen zu zeigen. Sie spürten wohl, dass da etwas stärker war als sie selbst mit ihrer Propaganda, nämlich die Kraft von Moral und Menschlichkeit.

Tresckow war ein verschwiegener Mann. Es gibt nicht viel schriftliche Zeugnisse von ihm über seine Lebenseinstellung. Aber was es gibt, macht deutlich, dass er seine Kraft aus seinem Preußentum bezog. Auch dies ist ein Vermächtnis, gerade auch in Magdeburg, der ehemaligen preußischen Garnisonsstadt. An seine Söhne gerichtet sagte er am 11. April 1943, 15 Monate vor seinem Tod, in seiner Rede zu deren Konfirmation:

„(Das Preußentum) birgt eine große Verpflichtung in sich, die Verpflichtung zur Wahrheit, zu innerlicher und äußerlicher Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum Letzten. Aber man soll niemals vom Preußentum sprechen, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich darin nicht erschöpft. Es wird so oft missverstanden. Vom wahren Preußentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes, zwischen Härte und Mitleid. Ohne diese Verbindung läuft es Gefahr, zu seelenlosem Kommiss und engherziger Rechthaberei herabzusinken. Nur in dieser Synthese liegt die europäische Aufgabe des Preußentums, liegt der „preußische Traum“!“

 

Karl-Heinz Paqué ist Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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