Der Citoyen vom Sonnenberg

Lars Fassmann saniert in Chemnitz ganze Stadtviertel
Kunstprojekt Sonnenberg Chemnitz
Kunstprojekt am Sonnenberg in Chemnitz. © CC BY-SA 2.0 Flickr.com / gravitat-OFF
Der Artikel erschien zuerst im liberal-Magazin. Die Botschaft für Lars Fassmann war unmissverständlich. „Hau ab vom Sonnenberg!“ Gleich zweimal innerhalb weniger Tage waren kürzlich in seinem Kulturclub „Lokomov“ die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Eine Neonazi-Gruppe namens „Rechtes Plenum“, die in Chemnitz den Kampf gegen Andersdenkende ausgerufen hat und den Stadtteil Sonnenberg in einen Nazi-Kiez verwandeln will, hat Lars Fassmann ganz oben auf die Liste derer gesetzt, die man aus dem Viertel vertreiben will. Leute wie Fassmann, weltffen, liberal, kulturffin, experimentierfreudig und ganz bestimmt ohne jedes Faible für rechtes Gedankengut, sind den selbsternannten Nationalrevolutionären ein Dorn im  Auge. Auf dem Programm des Lokomov stand am Abend der ersten  Attacke ein Theaterstück über die rechte Terrorzelle NSU. Tags drauf, nachdem der Glaser seine Arbeit getan hat, sitzt Fassmann im Lokomov, einer illustren Mischung aus Bar, Café und Club. Hier trifft man den 40-Jährigen häufig an, meist über sein Notebook  gebeugt in einer Ecke sitzend. Fassmann ist hier Hausherr; das ganze Gebäude gehört ihm. „Ich lasse mich doch hier nicht vertreiben!“,bescheidet der Mann, dessen Lockenfrisur an jene des Sängers der Popkapelle Simply Red erinnert, kurz und knapp. Er ist froh, dass die Polizei jetzt „endlich mal ernsthaft“ gegen die gut vernetzten Neonazis ermittelt. Aber letztlich, sagt er, „kann man halt nur um  Verstand werben“. Lars Fassmann ist der Mann, der sich aufgemacht hat, Licht in einige der dunkelsten Ecken von Chemnitz zu bringen. Viele sehen in ihm einen der Mover & Shaker der südwestlich von Dresden gelegenen 250.000-Einwohner-Stadt. Ein Mann, der ganz nebenbei dafür gesorgt hat, dass man als Investor am Sonnenberg jetzt wieder sein Geld vermehren kann. Lars Fassmann hat bewiesen, dass auch in heruntergerockten Altbauten noch satte Renditen schlummern. Rendite. Ein Wort, das in Chemnitz immer noch einen seltsam unwirklichen Klang hat. Vor allem der Sonnenberg, das größte zusammenhängende Altbauquartier der Stadt, nur durch die Bahntrasse vom Zentrum getrennt, bietet auch 27 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch ein beachtliches Portfolio von Immobilien in unterschiedlichen Stadien der Vergammelung. 
Es ist noch nicht lange her, fünf, sechs Jahre vielleicht, da waren weite Teile des Viertels dem Verfall und dem Kahlschlag preisgegeben. Unablässig rückten die Abrissbagger mit ihren Hummerscheren an und knackten die Wände und Decken von Häusern, die offenbar niemand mehr  brauchte. 

Chemnitz laufen die Menschen davon

Die Kahlschlagsanierung entbehrte nicht einer gewissen Logik. Nach der Wende zählte das frühere „sächsische Manchester“ zu den Städten Ostdeutschlands mit dem größten Aderlass an Einwohnern. Auf den Zusammenbruch der Industrie Anfang der 90er-Jahre folgte der Exodus der Bevölkerung gen Westen. Das Altbauquartier am Sonnenberg verlor zwischen 1990 und 2010 fast ein Drittel seiner ehemals 20.000 Bewohner. Kaum jemand wollte noch in unsanierten  Wohnungen mit räudigen Außenklos hausen. Der Abriss war nicht nur billiger als eine Sanierung der vielfach maroden Häuser, er wurde auch noch aus Städtebaumitteln gefördert – mit 50 bis 60 Euro pro Quadratmeter abgerissenem Wohnraum.

Die Geschichte von Lars Fassmanns Wirken am Sonnenberg ist die eines erfolgreichen Unternehmers, dem es einfach nicht egal war, in welch tristem Zustand sich diese Ecke seiner Stadt befand. Fassmann, einst zum Studium nach Chemnitz gekommen, hatte im  Jahr 2001 gemeinsam mit Kommilitonen eine Firma gegründet, die Chemmedia AG, und daraus binnen weniger Jahre einen weltweit agierenden Spezialisten für digitale E-Learning- und Weiterbildungslösungen geschmiedet. Heute beschäftigt das von Fassmann geführte Unternehmen rund 50 Mitarbeiter; unter den Kunden-Referenzen finden sich klangvolle Namen wie Daimler, BMW, Procter & Gamble, Allianz, Metro und Bayer.

Im Frühjahr 2010 erfuhren Fassmann und seine Lebenspartnerin Mandy Knospe, eine in Chemnitz durchaus bekannte Grafikerin, dass wieder mal ein Haus abgerissen werden sollte; ein einzeln stehender, um 1900 erbauter vierstöckiger Backsteineckbau am südlichen Rand des Sonnenbergs. Es ist das Haus, in dem jetzt der Club Lokomov residiert. „Insgesamt war der Zustand durchaus akzeptabel“, erinnert sich Fassmann an seine erste Besichtigung, „jedenfalls nicht so schlecht, dass man das Haus abreißen musste.“ Fassmann bot, „mehr so aus dem Gefühl heraus“, 30.000 Euro. Der Abriss des seit 1997 leer stehenden Gebäudes hätte 90.000 Euro gekostet. Fassmann bekam das Haus.

Lars Fassmann, ein Mann mit leiser Stimme, der mitunter ganz  gezielt leise sirrende Pfeile der Ironie abschießt, hatte schon eine Idee für die Immobilie entwickelt. Schließlich hatte seine Lebenspartnerin ihm oft genug von den Problemen der ortsansässigen Künstler und Kreativwirtschaftler, Kulturvereine und Initiativen erzählt, geeignete Räume zu finden – für Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen, Lager, Galerien, Bandproben und Theaterprojekte. In den leer stehenden Häusern auf dem Sonnenberg war genug Platz für ganze Künstlerkolonien. Eins davon hatte er sich jetzt gesichert. Eine aufwendige Sanierung kam nicht infrage. Aber das Haus für kleines Geld in einen nutzbaren Zustand bringen und es dann Leuten anbieten, von denen er ja wusste, dass sie Räume suchten, das könnte funktionieren. Die Zentralheizung aus den 70ern ließ sich ohne großen Aufwand wieder in Gang setzen, Elektrik und Wasserleitungen wurden erneuert oder geflickt. Innerhalb weniger Wochen war das Gebäude komplett vermietet.

Endlich keimte wieder Leben in der todgeweihten Ecke. Es kamen, blieben und gingen Schauspieler und Bildhauer, Maler und Designer, Musiker und Fahrradrestauratoren, Fotografen und eine Druckwerkstatt, Architekten, der Chaos Computer Club und das Lokomov, das in Chemnitz mittlerweile zu den Club-Geheimtipps zählt. Manche Nutzer zahlten Miete, anderen überließ Fassmann die Räume für einen Obolus, der gerade mal die Nebenkosten abdeckte. Zwei Jahre darauf langte Fassmann einmal quer über die Straße und kaufte das gegenüberliegende Eckhaus. Ins Erdgeschoss zog ein Musikclub ein, das Nikola Tesla. Darüber ließ der neue Eigentümer einen Coworking Space einrichten, einen Arbeitsbereich für vernetzungsaffine Freiberufler und Mini-Start-ups, mit 30 Schreibtischen, WLAN, Telefon, Drucker, Scanner, Küche und Garten. In der dritten und vierten Etage wohnen vor allem Künstler und Studenten. Lars Fassmann hatte eine Lanze ins wunde Fleisch des Viertels gerammt und bewiesen, dass es selbst in dieser vergessenen Ecke  Alternativen zur Abrissbirne gab.

Und er ging weiter auf Einkaufstour, avancierte sozusagen im Vorbeigehen innerhalb von nur zwei Jahren zum vermutlich größten privaten Immobilienbesitzer auf dem Sonnenberg. Nicht die  besten Häuser sah er sich an, nicht die gut oder halbwegs vermieteten, sondern die schlechtesten, die leer stehenden, die kein anderer anpacken wollte. Er kaufte billig, aus Zwangsversteigerungen und Insolvenzverkäufen. Wie viele Häuser ihm gehören? Er überlegt kurz. „Vielleicht 15 oder so.“ Hinzu kommen noch einmal ebenso viele Gebäude in anderen Stadtteilen von Chemnitz. Seltsam nebulös wird der sonst messerscharf analysierende Fassmann bei der Frage, welchen Plan er denn mit all den Häusern, in die er investiert, verfolgt. Schon das Wort „Plan“ missfällt ihm. „Kreativität lässt sich nicht planen“, springt ihm Mandy Knospe zur Seite. „Gesunde Stadtentwicklung funktioniert nur von unten.“ So  wie sich ein Hallimasch langsam ins Holz frisst, über die Jahre.

Der Initiator wartet die Reaktion auf seine Impulse ab

Auf dem Sonnenberg präsentiert sich Lars Fassmann – bislang – weniger als Geschäftsmann, sondern als Stadtbürger. Als Citoyen, nicht als Bourgeois. „Wenn hier wieder Leben einzieht, indem wir einer  gewissen Szene ein Zuhause geben, gewinnt doch die gesamte Stadt an Attraktivität.“ Das meint Fassmann, wenn er von der „gesellschaftlichen Rendite“ spricht. Es ist eine Wette auf die Zukunft des Sonnenbergs, auf die Zukunft der Stadt. Fassmann hat ein paar Züge gemacht. Zwei weitere Häuser, die noch zu DDR-Zeiten halbwegs saniert wurden, sind komplett vermietet. Jetzt wartet er und beobachtet, welche Reaktionen seine Impulse auslösen. So langsam könnte es mal weitergehen, heißt es hier und da. „Ich kann nicht alles auf einmal machen“, entgegnet Fassmann. Einfach nur Wohnungen sanieren, zack, zack, mit Laminat und billigen Armaturen aus dem Baumarkt, und dann vermieten, das sei ihm zu langweilig, sagt er. Das sollen andere machen.

Fassmann ist Geschäftsmann – und als solcher betrachtet er letztlich auch den Sonnenberg. „Natürlich will ich hier auf Dauer nicht ständig Geld reinstecken“, sagt er. „Aber wenn ich schnell ein paar Millionen verdienen wollte, würde ich sicher einfachere Wege finden.“ Irgendwann begann, angelockt durch die Kunde von Fassmanns Wirken, die Riege der Immobilienentwickler Witterung vom Sonnenberg aufzunehmen. Nachdem Berlin, Dresden und Leipzig abgegrast und zu teuer geworden waren, suchten sie neue Betätigungsfelder. Ihr Blick fiel nun auf Städte in der dritten Reihe. Auch auf Chemnitz. Wer beizeiten investiert hat, profitiert jetzt von steigenden Preisen. Vor vier Jahren ging ein Haus mit passabler Bausubstanz im Schnitt für 7.500 Euro weg; mittlerweile wird das Zehn- bis Fünfzehnfache geboten. Für Investoren ist der Sonnenberg anscheinend so lukrativ geworden, dass der Markt durchaus noch ein paar Ruinen verkraften könnte.

„Es kommen derzeit viele Investoren zu mir, die etwas kaufen wollen“, berichtet der ortsansässige Makler Sandro Schmalfuß, „aber ich kann ihnen so gut wie nichts mehr anbieten.“ Überall im Sonnenberger Straßenbild offenbart sich der Immobilienboom. An vielen Hauswänden ragen Baugerüste empor. Bauarbeiter wuseln herum, schleppen Säcke mit Putz, Raufaserrollen, Laminatpakete, Toilettenschüsseln, Rohre, Duschtassen und Armaturen in die Häuser. Maklerinnen tänzeln auf Pumps durch die Straßen, fotografieren Bruchbuden und versuchen zwischendurch, den Hundehaufen auszuweichen. Das Viertel liegt derart im Sanierungsfieber, dass Lars Fassmann, der Billardspieler, der mit einem beherzten Eröffnungsstoß sämtliche Kugeln in Bewegung versetzt hat, schon befürchtet, alles könnte zu schnell gehen. „Die Freiräume, nach denen immer alle rufen“, versucht er das richtige Maß auszuloten, „die gehen halt damit einher, dass manches unfertig, provisorisch, laut und ein bisschen schmutzig ist. Wenn alles saniert ist, sind die Freiräume weg."

Zur Person: Andreas Molitor arbeitet als feier Journalist in Berlin. Bei seiner Recherche im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg beeindruckte ihn besonders das bürgerliche Engagement vieler alteingesessener Bewohner der sächsischen Arbeiterstadt für ihr Viertel.