Türkei
„Schönfärberei bei der Statistik“ – Mit neuen Restriktionen will Ankara die zweite Covid-19-Welle stoppen

Istanbul am 23.11.2020
© picture alliance / AA | Ahmet Bolat

Lange hatte sich die Regierung den Rufen nach schärferen Maßnahmen widersetzt. Nun hat Ankara umfassende Restriktionen verhängt. Seit letztem Freitag gelten an Wochenenden Ausgangssperren zwischen 20.00 Uhr abends und 8.00 Uhr morgens. Die Schulen wurden bis Ende des Jahres geschlossen, der gesamte Lehrbetrieb findet online statt. Besonders schmerzlich für die ausgehfreudige Bevölkerung sind die Auflagen für Restaurants und Teehäuser. Diese müssen nicht schließen, dürfen die Kundschaft aber nur mit Außer-Haus-Produkten bedienen. Großzügiger ist die Regelung beim Einzelhandel: Tante-Emma-Läden und Shopping-Zentren bleiben in Betrieb, aber nur zwischen 10.00 und 20.00 Uhr.

Präsident Erdogan hat das Paket nach einer Sitzung mit dem Wissenschaftlichen Rat bekanntgegeben. Dabei legte er Wert auf die Feststellung, dass die Maßnahmen die „Liefer- und Produktionsketten nicht beeinträchtigen“ werden. Wie im Frühjahr, als Fabrikarbeiter und andere für das wirtschaftliche Leben wichtige Berufsgruppen unbeirrt weiterarbeiteten, will die Regierung auch im Angesicht der zweiten Welle die negativen Auswirkungen auf die bereits angeschlagene Volkswirtschaft möglichst gering halten.

„Die radikalen Maßnahmen sind unausweichlich, um den Kurs der Pandemie zu ändern,“ sagte Gesundheitsminister Fahrettin Koca. Nicht allen gehen die Maßnahmen weit genug. Während in Deutschland und andernorts Gegner der Restriktionen auf die Straße gehen, versuchen in der Türkei vor allem die Ärzte-Vertretungen die Botschaft unters Volk zu bringen, das Land benötige wesentlich drastischere Verbote: Der Informationsdienst „Al Monitor“ zitiert eine Vertreterin des Medizinerverbandes TTB mit den Worten: „Ohne Lockdown in der verarbeitenden Industrie und bei den Arbeitern bekommen wir die Pandemie nicht in den Griff“.

Laut offiziellen Angaben sind die Fallzahlen zuletzt auf über 3000 neue „Fälle“ täglich und über 100 Tote gestiegen. Diese Zahlen haben indes nur eingeschränkte Aussagekraft: Ende September wurde bekannt, dass die türkischen Behörden in ihrem Zahlenwerk eine wichtige Gruppe unter den Tisch fallen lassen: Die positiv Getesteten ohne erkennbare Symptome.

Die Schönfärberei bei der Statistik hatte auch diplomatische Folgen. So forderte die Bundesregierung Ankara nach Medienberichten auf, „die Daten wieder an internationale Standards anzupassen“. Da die Türkei die Statistik nicht geändert habe, sei „eine verlässliche Bewertung des tatsächlichen Infektionsgeschehens nicht möglich.“

Die Regierung hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. In einem Klima der staatlich sanktionierten Intransparenz und einem Umfeld, in dem gegängelte und regierungsnahe Medien keinen Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten, haben Gerüchte Hochkonjunktur. Durchaus seriös sind hingegen Hinweise aus der Ärzteschaft, wonach die tatsächlichen Infektionszahlen um ein Zehnfaches über den amtlichen Angaben liegen. „Ein paar Stunden Ausgangssperre pro Tag ist kein wissenschaftlich basierter Ansatz,“ zitiert „Al Monitor“ den Generalsekretär des Medizinerverbandes TTB. Auch könne er nicht verstehen, dass Kinos und Theater dichtgemacht wurden, in den Moscheen des Landes indes nach wie vor große Menschenmengen zusammenkommen. Der Wissenschaftler verwies auf Statistiken aus Spanien und Portugal: Portugal verzeichne geringere Infektionszahlen, weil dort anders als im benachbarten Spanien Gottesdienste ausgesetzt wurden.

Derweilen gab Gesundheitsminister Koca bekannt, dass Ankara zunächst 20 Millionen Dosen eines Covid-19-Impfstoffes von der chinesischen Firma Sinovac Biotech kaufen werde. Nach Brasilien ist die Türkei das zweite Land, das mit der chinesischen Firma im Geschäft ist. Wenn alles nach Plan verlaufe, könne bereits im Januar des neuen Jahres eine weitere Bestellung im zweistelligen Millionenbereich aufgegeben werden, sagte der Minister.

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