Interview mit Alexander Nanau
„Rumänien ist die sich am schnellsten verändernde Gesellschaft Europas“

Interview mit dem preisgekröntem Regisseur Alexander Nanau zu seinem neuen Film „Colectiv“
Alexander Nanau
Regisseur Alexander Nanau

Am 15. März werden die Finalisten der diesjährigen Oscar-Filmpreisverleihung verkündet. Mit zwei Nominierungen für den besten internationalen Film und den besten Dokumentarfilm schaffte es der deutsche Regisseur Alexander Nanau mit seinem Film „Colectiv“ in die engere Vorauswahl. Der Film erzählt die Geschichte des ersten Jahres nach dem verheerenden Brand im Bukarester Club Colectiv 2015, bei dem 64 Menschen starben. Er folgt Behörden, Opfern, Whistleblowern und Journalisten und deckt dabei die maroden und korrupten Strukturen des rumänischen Gesundheitssystems nach und nach auf. Der Skandal veränderte die rumänische Gesellschaft grundlegend. Alexander Nanau, in Bukarest geboren, wanderte 1990 nach Deutschland aus. Raimar Wagner, Leiter des Rumänien-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, und Aurelia Brecht, Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen in Hermannstadt (rum. Sibiu), sprachen mit ihm über den Film und die rumänische Gesellschaft. Am 13. März um 17:00 Uhr können Sie den Hermannstädter Gesprächen mit Alexander Nanau auf +Freiheit folgen.

Kurz nach den Ereignissen von 2015 waren Sie vor Ort und haben Journalisten bei der Aufarbeitung der Ereignisse mit ihrer Kamera begleitet. Wie gestalteten sich die Dreharbeiten, und wie haben Sie die Ereignisse im Nachgang zur Brandkatastrophe erlebt?

Es waren praktisch die größten Demonstrationen nach der Revolution von 1989. Hier ist eine neue Generation auf die Straßen gegangen, um gegen eine korrupte politische Klasse und vor allem gegen eine Gesellschaft zu demonstrieren, die eher zu der Generation ihrer Eltern gehört hat. Ich wollte von Anfang an verstehen, wie sich diese Beziehung zwischen der korrupten Macht und den Bürgern gestaltet. Zugleich wusste ich, dass ich einen beobachtenden Dokumentarfilm machen will. Dafür musste ich die richtigen Protagonisten finden, denen man gut folgen kann, um durch ihre Augen zu verstehen, was wirklich in der Gesellschaft passiert. Nicht zuletzt auch, um zu verstehen, wie die Beziehungen eines Bürgers zu seiner Gesellschaft wirklich sind. Dafür haben wir im Vorfeld mit Opfern, mit Eltern der Opfer, mit Ärzten, mit Politikern, mit Whistleblowern und mit Journalisten gesprochen. Allmählich wurde uns klar, dass eine unglaubliche Manipulation stattgefunden hatte und auch nach dem Brand aufrechterhalten wurde. Politiker belogen zusammen mit der Führung des Gesundheitssystems und mit Ärzten das ganze Land: Sie behaupteten, dass sie die Brandopfer behandeln könnten, dass das rumänische Gesundheitssystem genauso gut sei wie zum Beispiel das deutsche, und dass die Verletzten auf höchstem europäischen Niveau versorgt würden. So haben wir verstanden, dass Journalisten, die das Gesundheitssystem unter die Lupe nehmen, wahrscheinlich die richtigen Protagonisten für den Film sein würden. Es waren die Journalisten um Cătălin Tolontan, sein Team bei der Gazeta Sporturilor, die als Erste vor Ort waren und die richtigen Fragen gestellt haben, um das ganze Netz an Lügen aufzudecken

Ich glaube, man kann heute ruhig behaupten: Bei Rumänien handelt es sich um die sich am schnellsten verändernde Gesellschaft in Europa.

Alexander Nanau
Alexander Nanau

Sie sind ein Regisseur aus Berlin. Ihr Film ist gegenwärtig in der engeren Auswahl für zwei Oscar-Nominierungen. Allerdings ist der Film in Deutschland noch wenig bekannt. Wie ist das zu erklären?

Das ist vor allem durch die Pandemie zu erklären. Wir haben es vorher nicht mehr geschafft, den Film in Deutschland in den Kinos zu zeigen. Deswegen ist der Film dort gleich in der Mediathek gelandet. Der Film hat einen erheblichen deutschen Anteil, nicht nur durch meine Präsenz als Regisseur, sondern vor allem durch den Beitrag des MDR, einer der Produktionspartner. Der Film wird jetzt bekannter, weil die Presse natürlich über die engere Oscar-Auswahl auch mehr darüber berichtet.
 

In Rumänien sollte Ihnen auf Vorschlag des Kulturministeriums über das Präsidialamt der Verdienstorden für Kultur verliehen werden. Das haben Sie abgelehnt. Warum?

Ich habe abgelehnt, weil mir dieser Orden anscheinend für meinen Beitrag zur rumänischen Kultur während der Pandemie verliehen werden sollte. Ich kann aber von einem Staat, dessen Kulturpolitik während der Pandemie versagte, einen solchen Orden nicht annehmen. Vom Kulturministerium bis zum Präsidialamt wurde die Kultur in keiner Weise unterstützt. Dem Bankrott der verschiedenen kulturellen Branchen ist man nicht entgegengetreten. Theater mussten schließen, Kinos haben zugemacht, Schauspieler sind arbeitslos geworden, und vor allem das Kino als Wirtschaftszweig wurde komplett fallen gelassen. Es gab 2020 in Rumänien keine einzige Finanzierungsrunde seitens des rumänischen Filmfonds. Das ist katastrophal und bedeutete für Tausende von Menschen, die hinter den Produktionsfirmen stecken, den Bankrott. Ich kann vom rumänischen Staat nicht als Symbol dafür benutzt werden, dass die Kultur und der Staat eigentlich gut miteinander auskommen und dass der Staat richtig gehandelt hat. Es ist einfach eine Prozedur, die typisch ist für den rumänischen Staat, der so tut, als ob alles in Ordnung wäre, wobei sich dann im Grunde eine unglaubliche Inkompetenz hinter jeder rumänischen Institution verbirgt.

Trailer zum Oskar-nominierten Film 'Colectiv' von Alexander Nanau

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Ihr Film hatte eine sehr positive Resonanz in Rumänien. Was hat sich nach dem Film aus ihrer Sicht verändert?

Es ist schwer zu messen, was sich in der Gesellschaft nach dem Film verändert hat. Was gemessen werden kann, ist, dass der Film von sehr vielen jungen Leuten zwischen 16 und 30 Jahren gesehen wurde. Dies ist die Generation, die in Rumänien wirklich Antworten braucht auf eine ganz einfache Frage: Bleibe ich in Rumänien oder wandere ich aus, in Länder, in denen ich meine Lebenszeit nicht verschwende - oder gibt es einen Weg, diese Gesellschaft zu verändern? In allen Gesprächen, die wir mit den Leuten im Kino während der Vorstellungen im Land hatten, kamen diese Fragen auf. Es gab eine Zuschauerin, die mir sagte: „Wir hatten die Koffer gepackt und wollten abhauen, aber nach diesem Film habe ich es mir anders überlegt. Wir werden bleiben und das nicht mehr mit uns machen lassen. Nicht wir, sondern die müssten das Land verlassen.“

Das andere Messbare sind die Whistleblower: Ihre Zahl ist nach dem Start des Films explodiert. Journalisten hatten pro Tag etwa 10 Personen, die mit belastbaren Informationen zu Korruptionsfällen ausgepackt haben. Nach dem Kinostart waren es dann 120 am Tag. Das kann man messen. Das ist etwas, was der Film bewirken konnte – etwas, was die Leute dahin bringt, über ihre Haltung nachzudenken. Ich bin sicher, dass in der rumänischen Gesellschaft sehr viele Menschen täglich neu über ihre Haltung entscheiden müssen: Mache ich mit, partizipiere ich an der verdeckten Korruption, oder wehre ich mich dagegen? Versuche ich Dinge öffentlich zu machen? Über die Whistleblower ist dann auch die Zahl der journalistischen Investigationen gestiegen.

Colectiv, nicht der Film, sondern die Brandkatastrophe und die Enthüllungen, die der Brandkatastrophe gefolgt sind, waren für die Gesellschaft ein Wendepunkt. Wir sehen, dass es neue Parteien gibt, die gegründet wurden. Frische, jüngere Leute, die aus der Privatwirtschaft kommen, treten in die Politik ein und gründen Parteien, damit sich etwas ändert. Wir sehen eine Zivilgesellschaft, die es vor „Colectiv“ nicht gab, die zum Beispiel Krankenhäuser baut, Equipment für Ärzte kauft, während der Staat weiterhin das macht, woran wir uns gewöhnt haben: Seltsame Aufträge an Briefkastenfirmen zu vergeben, die Equipment liefern, das nicht einmal dem Standard entspricht. Alle modularen Covid-Krankhäuser, die vom Staat gebaut wurden, stehen still und können nicht benutzt werden.

Ich glaube, man kann heute ruhig behaupten: Bei Rumänien handelt es sich um die sich am schnellsten verändernde Gesellschaft in Europa.

Am 13. März um 17 Uhr diskutieren Alexander Nanau, sowie der Regisseur Günter Czernetzky bei den Hermannstädter Gesprächen live aus Siebenbürgen über den Film „Colectiv“ und die tödliche Verflechtung von Politik und Gesundheitssystem.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dem Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt (DFDH) und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und wird mit Mitteln des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Pressereferentin & stellv. Pressesprecherin Ausland
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