Corona
„Impfnation“ Israel – Vorbild für Deutschland?

Menschen warten in einer Schlange vor einem Veranstaltungsort in Tel Aviv auf die Impfung für ausländische Einwohner in Israel
Schlange vor einem Impfzentrum in Tel Aviv © picture alliance / Kyodo | -

Mit über 100,000 Impfungen am Donnerstag sind in Israel inzwischen über 4.6 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung des Landes – geimpft worden. Über 35 Prozent der Bevölkerung haben bereits die immunisierende zweite Dosis erhalten. Nach dem Staunen über den israelischen Start-up-Boom der letzten beiden Jahrzehnte blickt die internationale Gemeinschaft auf das erwartete „Geheimrezept“ des israelischen Impf-Wunders. In Israel selbst traut man dem Erfolg der Impfungen noch nicht ganz. Für das gestern begonnene fröhliche Purimfest wurde sicherheitshalber eine abendliche und nächtliche Ausgangssperre verhängt, denn noch vor einem Jahr waren die Infektionszahlen nach Purim derartig explodiert, dass Israel in den ersten Lockdown musste. Es ist somit nicht verwunderlich, dass Impfkampagne und Covid-19 zu Wahlkampfthemen für die Knesset-Wahlen am 23. März geworden sind. Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte sich im Januar beim Verteilen von Impfstoffen in arabischen Wohngegenden gezeigt und zum ersten Mal offen um arabische Stimmen geworben, die er noch 2015 als Bedrohung gebrandmarkt hatte. Auch als außenpolitisches Instrument israelischer „Softpower“ plante Netanjahu bereits, Impfstoffe zu verschicken, was dann gestoppt wurde, wie Generalstaatsanwalt Avichai Mendelblit am Donnerstag verkündete. Doch trotz der gemischten Wirkung der Covid-Politik der Regierung und trotz der Politisierung der Impfkampagne gibt es eine Reihe von plausiblen Erklärungsversuchen für ihren Erfolg.

Netanjahu als Pokerspieler und entschlossener Verhandler

Als noch kein Regierungschef wusste, welcher Impfstoff mit welchem Erfolg wann zugelassen werden würde, verhandelte Netanjahu bereits mit dem Pharmakonzern Pfizer um den Erwerb von Impfstoffen. Von der eigenen Opposition wegen der hohen Preise und Risiken scharf kritisiert, zeigte sich der heikle Deal später als entscheidend für die frühe Belieferung mit Impfstoff. Das Verhandlungstalent Netanjahus soll dabei auch zur Geltung gekommen sein. Er hatte wohl Pfizer die Bedeutung Israels mit seiner überschaubaren Bevölkerung von gut 9 Millionen Einwohnern als ideales Testfeld für den Wirkungsgrad der Impfungen vermittelt. In Deutschland reagierte man dagegen viel später und setzte auf eine europäische Strategie zum Einkauf der Impfstoffe, um nicht die eigenen Unionspartner auszustechen.

Eine standardisierte digitalisierte Patientenakte

Tatsächlich lernen kann man von Organisationsprinzipien des israelischen Gesundheitssystems bei der Impfkampagne selbst. Anders als in Deutschland sind die Krankendaten aller Versicherten in einer standardisierten Form digitalisiert und in einer sogenannten elektronischen Patientenakte gespeichert. Durch zentralen Zugriff auf alle elektronischen Patientenakten schafft das einen sogenannten „gläsernen Patienten“ auf dessen persönliche Daten jeder Arzt und jede Einrichtung des Gesundheitssystems Einsicht hat. Dies wäre zwar mit dem deutschen Datenschutzrecht unvereinbar, aber durchaus umsetzbar wäre eine standardisierte Digitalisierung der elektronischen Patientenakten ohne zentralisierte Speicherung und mit eingeschränktem Zugriff. In der heutigen Pandemiesituation würde dies eine viel schnelle Identifizierung von Risikopatienten erlauben und könnte damit erheblich zur effizienten Koordinierung einer umfassenden Impfstrategie beitragen, an der es in Deutschland seit Monaten zu fehlen scheint.

Dezentralisierung und Subsidiarität im Gesundheitssystem

Manche Beobachter loben in diesem Zusammenhang auch die Zentralisierung des israelischen Gesundheitssystems. Während man dies bei der Datenbank der elektronischen Patientenakten nachvollziehen kann – auch wenn hier der Gedanke der Standardisierung stärker im Vordergrund steht als der der Zentralisierung – liegt der eigentliche Erfolg in der subsidiären Struktur des israelischen Gesundheitssystems. Wie bei den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland gibt es einen Basiskorb an Leistungen, die jedem Bürger gesetzlich zusteht. Aber die vier halbstaatlichen Krankenversicherungen (Clalit, Maccabi, Meuhedet und Leumit), über die alle Bürger des Landes versichert sind, bleiben voneinander unabhängig dezentral organisiert. Vergleichbar mit Polikliniken wird die Versorgung in kommunalen Gesundheitszentren organisiert, die einfache Fälle effizient und schnell behandeln können und die Krankenhäuser entlasten. Dieses dezentrale Netz an kommunalen Gesundheitszentren der Krankenkassen erlaubt schnell und flexibel flächendeckend Impfungen zu organisieren.

Die Mitarbeiter des Stiftungsbüros in Jerusalem haben sich bereits impfen lassen.
Die Mitarbeiter des Stiftungsbüros in Jerusalem haben sich bereits impfen lassen. © Privat

Entsprechend der digitalisierten Patientenakte kontaktieren die kommunalen Strukturen der vier Krankenkassen Risikopatienten direkt über Whatsapp, SMS und Telefon. Jeder, der sich impfen lassen will, braucht sich nur über Smartphone oder Computer auf einer Webseite seiner Krankenkasse zu melden, um sofort Impftermine angeboten zu bekommen. Einmal zugesagt schickt die Krankenkasse wieder über WhatsApp und SMS-Bestätigung und Erinnerungen. Durch diese klare Zuweisung von Terminen und unbürokratische Kommunikation kann weiterhin garantiert werden, dass die Patientendichte in den Einrichtungen planbar und überschaubar bleibt. Nach der ersten Impfung wird automatisch eine zweite Impfung zugewiesen und auf gleiche Weise kommuniziert. Über die eigene ID kann dann eine Woche nach der zweiten Impfung der „grüne Pass“ der Immunisierung auf einer Webseite des Gesundheitsministeriums aufgerufen werden, welcher eine neue Bewegungsfreiheit (wie den Besuch von Sportstudios oder Kinos) wieder möglich macht.

Ausblick der Impfkampagne in Israel

Durch die beeindruckend hohe Impfquote liefert Israel jetzt wichtige Daten für den Umgang mit der Pandemie im Rest der Welt. Eine Studie von HMO Clalit zeigt bereits, dass die in Israel verwendeten Impfstoffe von Pfizer und BioNTech eine vergleichbar hohe Immunisierung garantieren, wie die klinischen Studien der Phase III vermuten ließen. Um jedoch die ärmeren und staatsferneren Milieus der eigenen Bevölkerung zu erreichen, braucht es auch in Israel noch Aufklärungsarbeit. In diese Richtung wirken Marktkräfte, nachdem Arbeitgeber bereits Anstellung von Mitarbeitern mit Kundenkontakt von einer Impfung abhängig machen. Bisher hat Israel auch erst 2,000 von versprochenen 5,000 Impfdosen für Mitarbeiter im Gesundheitswesen an die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland gesendet. Mit den vielen Tausenden Arbeitsmigranten, die täglich zwischen Westjordanland und Israel pendeln, und der geteilten Verantwortung mit der Autonomiebehörde muss Israel bald mehr für die Impfung der Palästinenser leisten.

Das politische Kapital „Impfweltmeister“ zu sein, scheint aber nicht zwangsläufig auf das Konto von Netanjahu einzuzahlen. Zwar betont Netanjahu im Wahlkampf ununterbrochen den Erfolg der Impfkampagne, während ihn seine Gegner von rechts wie links für Missmanagement bei Lockdowns sowie Wirtschafts- und Sozialpolitik kritisieren. Nach Umfragen ist inzwischen sogar ein Ende der „Ära-Netanjahu“ wahrscheinlicher als bei den Wahlen davor. Dies ist umso erstaunlicher, da sein persönlicher Beitrag für den Erfolg der Impfkampagne unumstritten ist. Aber es scheint die Zahl der Wähler gestiegen zu sein, die wie im Zitat von Albert Einstein wegen der vielen kleinen Unwahrheiten in den letzten Jahren ihm auch „in großen Dingen nicht“ mehr „vertrauen."

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Johann Ahlers
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