Digitale Arbeit

Die virtuelle
Migration

Die Digitalisierung macht es möglich: Immer mehr Unternehmen beschäftigen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter im Ausland. Das bringt Vorteile für alle.
Jetzt muss nur noch die Politik mitmachen.

Text: Stefan Schott


Digitale Arbeit

Die virtuelle Migration

Die Digitalisierung macht es möglich: Immer mehr Unternehmen beschäftigen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter im Ausland. Das bringt Vorteile für alle.
Jetzt muss nur noch die Politik mitmachen.

Text: Stefan Schott


Die Kenianerin Jane Odhiambo kommt meist erst gegen 15 Uhr an ihren Schreibtisch in Nairobi. Dann beginnen die ersten Meetings mit ihrem Arbeitgeber in den USA. Odhiambo arbeitet als Teamleiterin für einen amerikanischen Headhunter. Ihr siebenköpfiges Team sitzt in Ägypten, Ghana, Südafrika und Pakistan. Sie ist die einzige Mitarbeiterin in Kenia. Im Auftrag ihrer Firma sucht sie Fach- und Führungskräfte für Kunden aus den USA. Ihre Chefs, Kollegen und Kunden trifft Odhiambo nur virtuell. Trotzdem funktioniert das Modell – auch für Odhiambo. Sie wurde erst vor einem halben Jahr befördert und verdient jetzt umgerechnet 3500 US-Dollar im Monat – in Kenia ein exzellentes Gehalt.

Das Beispiel illustriert ein Phänomen, das für immer mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer Realität ist. Angesichts des Fachkräftemangels werden Unternehmen in den traditionellen Industriestaaten erfinderisch. Bei der Suche nach Mitarbeitenden wenden sie ihren Blick ins Ausland. Immer häufiger werden sie im globalen Süden fündig, wo eine zunehmend gut ausgebildete Generation von jungen Arbeitskräften auf Chancen wartet.

Das Thema ist akut wie nie zuvor. Jahrzehntelang wurde über die Folgen des demografischen Wandels gesprochen, jetzt kommt das Problem mit voller Wucht bei den Unternehmen an. Die ersten Jahrgänge der Babyboomer-Generation verabschieden sich in den Ruhestand. Die offenen Stellen, die sie hinterlassen, sind immer schwerer zu besetzen. In Deutschland und anderen Ländern des Nordens fehlen die jungen Menschen, die die Jobs übernehmen könnten. „Arbeiterlosigkeit“ ist die zentrale Herausforderung für immer mehr Branchen – nicht nur in der IT, der Pflege und der Gastronomie.

 Die Bundesregierung hat den Fachkräftemangel auf dem Radar. Doch der wirtschaftlich sinnvolle Zuzug von Hundert-tausenden Arbeitskräften wirft auch Probleme auf.

Viel mehr als Jobs in Callcentern

Die Bundesregierung hat das Problem auf dem Radar. Bei Besuchen in Lateinamerika, Afrika und Asien werben Bundeskanzler Scholz und seine Ministerinnen und Minister offensiv um Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt. Mit einem halben Dutzend Ländern verhandelt die Regierung über Abkommen zur Fachkräftemigration. Doch der wirtschaftlich sinnvolle Zuzug von Hunderttausenden Arbeitskräften wirft Probleme auf.

Nach der Aufnahme von Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine mehren sich in Deutschland und anderen Staaten Europas die Stimmen, die den Zuzug von Menschen begrenzen oder am liebsten ganz stoppen wollen. Die Sorge vor der vermeintlichen Überfremdung macht vielen Bürgerinnen und Bürgern Angst und treibt die Umfragewerte der AfD in die Höhe. Können wir in der Situation wirklich eine große Zahl von Fachkräften aus dem globalen Süden ins Land holen und integrieren?

Auch aus dem Süden gibt es Kritik: Das Abwerben der bestqualifizierten Arbeitskräfte durch den Norden sabotiere die eigene wirtschaftliche Entwicklung, so der Vorwurf. Stichwort Braindrain.

Diese Probleme lassen sich vermeiden, wenn Nachfrage und Angebot von Arbeit nicht durch Wanderung zusammenkommen, sondern über digitale Netze. Fachkräftemigration ohne Migration sozusagen. Das Beispiel von Jane Odhiambo zeigt, wie gut dieses Modell funktionieren kann.

Dabei geht es nicht nur um Callcenter-Jobs, die schon seit vielen Jahren zigtausendfach nach Indien und Osteuropa verlagert werden. Viele Verwaltungsaufgaben, die Buchhaltung, Kundenbetreuung, aber auch die Produktentwicklung, Teile des Marketings sowie IT-Leistungen von der Software-Entwicklung bis zum Support lassen sich von virtuellen Teams bearbeiten. Wo die Schreibtische der Teammitglieder stehen, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur Anschluss an ein stabiles Breitbandnetz.

Viele Unternehmen, besonders die großen, haben das Potenzial von grenzübergreifendem Business-Process-Outsourcing (BPO) für sich erkannt, andere denken zumindest darüber nach. Spezialisierte Dienstleister helfen insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen – etwa dabei, arbeitsrechtliche Hürden zu überwinden.

Unterstützung der Politik fehlt

Für die Länder des Südens hat das Modell ebenfalls entscheidende Vorteile. Qualifizierte und gut bezahlte Jobs helfen nicht nur den Beschäftigten selbst. Ihr Konsum im Heimatland ist Einnahmequelle für andere. So entsteht ein Multiplikator-Effekt, der weitere Arbeitsplätze schafft und damit Steuer- und Sozialabgaben generiert. Das Angebot von qualifizierten Arbeitskräften im Land stärkt zudem die Attraktivität des Standorts. So können die Jobs in der digitalen Welt mittelfristig auch dazu beitragen, ausländische Investitionen ins Land zu holen und analoge Jobs zu schaffen.

Was bisher aber fehlt, ist Unterstützung seitens der Politik. Diese neue Form der Arbeitsteilung ist noch nicht auf der politischen Tagesordnung angekommen. Entsprechend mangelt es an Konzepten und vielfach auch an Daten. Wie groß ist das Potenzial für das grenzübergreifende Outsourcing? Welche Flaschenhälse gibt es, und wie lassen sie sich überwinden? Welche Qualifikationen brauchen die Unternehmen des Nordens in fünf, zehn oder zwanzig Jahren? Wie müssen die Staaten des globalen Südens ihre Bildungssysteme reformieren, um diese Nachfrage bedienen zu können? Wie kann der Norden dabei helfen? Welche Investitionen in die digitalen Netze sind nötig? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich kulturelle Hürden überwinden?

Der „Global Partnership Hub“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ist eine Einheit der Abteilung „Globale Themen“. Im Dezember lädt er Fachleute, Politikerinnen und Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft zu einer Konferenz in Nairobi ein. Das Ziel ist ein Win-win-Konzept für eine neue und faire Arbeitsteilung zwischen Nord und Süd. Die Zeit dafür ist reif.

Die Konferenz der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit „Globalization 2.0: A New Concept for Sharing Skills and Labor Between the Global South and North“ findet am 11. und 12. Dezember in Nairobi statt.

Stefan Schott ist Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für Ostafrika und den Global Partnership Hub.

Stefan Schott ist Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für Ostafrika und den Global Partnership Hub.

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