Umgang mit der AfD

„Die Menschen
erwarten
Entscheidungen
und
Handlungsfähigkeit“

Mit dem Umfragehoch der AfD droht sich das politische Machtgefüge bei den Landtagswahlen 2024 nach rechts zu verschieben. Hans Vorländer, Direktor des Dresdner Forschungszentrums „Mercator Forum für Migration und Demokratie“, erklärt, warum die Rechtsextremen aufsteigen.

Interview: Jenni Roth


Umgang mit der AfD

„Die Menschen
erwarten
Entscheidungen
und
Handlungsfähigkeit“

Mit dem Umfragehoch der AfD droht sich das politische Machtgefüge bei den Landtagswahlen 2024 nach rechts zu verschieben. Hans Vorländer, Direktor des Dresdner Forschungszentrums „Mercator Forum für Migration und Demokratie“, erklärt, warum die Rechtsextremen aufsteigen.

Interview: Jenni roth


Die AfD hat in den vergangenen Monaten in den Umfragen immer weiter zugelegt. Müssen wir befürchten, dass sie demnächst auch auf Länder- oder Bundesebene mitregiert?

Umfragen fallen oft ganz anders aus als das Wahlverhalten, man denke nur an die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dort führte nach Umfragen die AfD, und schließlich gewann die CDU mit Reiner Haseloff die Wahlen doch deutlich. Umfragen sind Stimmungsbilder. Tatsächlich ist die AfD bei Wahlen auf Landes- und Bundesebene in den letzten Jahren nicht viel stärker geworden, vor allem mit Blick auf die absoluten Zahlen. Allerdings gibt es eine Konsolidierung auf hohem Niveau, vor allem im Osten. Dazu kommt unser Mehrheitswahlrecht bei der Erststimme. Es kann dazu führen, dass die AfD wie in Sachsen bei der letzten Bundestagswahl sechs von zehn Parlamentssitzen über Direktmandate gewinnt.

Ist auch die Schwäche der anderen Parteien ein Grund? Oder die Politik der Bundesregierung, die ja eine Vielzahl von Interessen berücksichtigen muss?

Sicher, es gibt eine große Unzufriedenheit mit der Regierung. Da ist diese zerstrittene Ampel, in der jede Partei ihr eigenes Programm verfolgt, von gemeinsamen Projekten ist nicht viel zu spüren. Das Bild von vor der Sommerpause ist unverändert. So kann man nicht reüssieren, vor allem nicht in dieser multiplen Krise: Klimawandel, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Migration – da erwarten die Menschen Entscheidungen und Handlungsfähigkeit. Außerdem wird die AfD immer noch vom Aufwind von der Flüchtlingskrise 2015/16 getragen. Sie hat damals die Unzufriedenheit aufgenommen und ist in eine Lücke im Parteiensystem gestoßen.

Die Krisen von Pandemie bis Inflation haben auch zu größerer sozialer Ungleichheit geführt. Ist die daraus resultierende Unsicherheit und Unzufriedenheit auch die Grundlage für antidemokratische Tendenzen?

Man muss das Problem AfD analytisch sauber angehen, das ist die Voraussetzung für einen Handlungserfolg gegen sie. Es gibt ein Moment der Unzufriedenheit und des Misstrauens gegenüber der gegenwärtigen Regierungspolitik. Aber man muss differenzieren zwischen West- und Ostdeutschland, und dort noch einmal zwischen Süden und Norden. Wer unzufrieden ist, sucht eher nach einem Sündenbock, da sind fremd wirkende Personen oder Randgruppen willkommen, egal ob Asylsuchende, Muslime oder die queere Community.

Zum Erfolg der AfD gehört jedoch auch, dass viele ihrer Wähler, im Osten stärker noch als im Westen, rechte Weltbilder teilen. Sie sind autoritär und nationalistisch, auch ethno-chauvinistisch, völkisch eingestellt. Sie sind empfänglich für fremdenfeindliche Rhetoriken und lehnen Zuwanderung ab. Hinzu treten populistische Einstellungen: Sie glauben, die Politiker machten ja doch nur, was sie wollten, und hörten nicht auf das Volk. Und die Medien verfolgten eine „woke“ Agenda der Bevormundung.

In einer Reihe von Studien wird festgestellt, dass zwischen 10 und 15 Prozent der Bevölkerung rechtspopulistisch eingestellt ist, und ein Drittel immerhin latent rechtspopulistisch tendiert.

Gerade das rechtspopulistische Muster ist in Ostdeutschland weiter verbreitet: Dort sind viele unzufrieden mit DER Regierung, DER Politik, DER Elite. Weil diese sich nicht nach dem Volk richte. Und darauf springt die AfD auf, sie verschärft dieses populistische Grundmotiv und heizt es an. Sie versteht sich als Bewegung für den „wahren Willen“ des Volkes. Damit diese Propaganda Erfolg haben kann, braucht man aber einen Resonanzboden. Sei es eine antielitäre Haltung oder die Annahme, dass die Politik ja nur eigene Interessen verfolge. Hinzu kommt, dass sich viele als Bürgerinnen oder Bürger zweiter Klasse fühlen und den Westen als dominant empfinden. Die AfD bedient und verstärkt das Opfernarrativ, das sich aus diesen Quellen speist.

Vor den Wahlen im thüringischen Sonneberg begründeten AfD-Anhänger ihre Wahl unter anderem mit der Bedrohung des Waldes durch Abholzung, Trockenheit und Borkenkäfer. Wie rational ist das? Was will denn das Volk? 

Politik ist immer mit Emotionen verknüpft. Deshalb lässt sich auch leicht Empörung generieren und Stimmung machen. Das konkrete Thema spielt dann eine untergeordnete Rolle. Oft geht es auch um eine nativistische Einstellung, also um den Kampf um die sogenannte Heimat mit einer homogenen ethnischen Gemeinschaft gegen eine böse bevormundende Welt. Die sozialen Medien verstärken das. Ihr Prinzip der Aufregung ist in der analogen Welt reproduzierbar.

Wie gespalten ist denn unsere Gesellschaft? Sind Dialoge wirklich nicht mehr möglich?

Wir, das Forschungszentrum „Mercator Forum für Migration und Demokratie“ (MIDEM), haben gerade die Studie „Polarisierung in Europa und Deutschland“ vorgelegt. Es ging darum, welche Themen affektiv am meisten polarisieren. Die größte Polarisierung haben wir in Deutschland bei den Themen Zuwanderung, Klimawandel und Pandemie festgestellt. Dabei sind die Wählerschaften von AfD und Grünen deutlich stärker polarisiert als andere. Im innerdeutschen Vergleich zeigten sich Ostdeutsche beim Thema Zuwanderung stärker polarisiert als Westdeutsche. Aber eine große affektive Polarisierung heißt nicht automatisch großes Spaltungspotenzial: Beim Thema „Sozialleistungen und ihre Finanzierung“ zum Beispiel wird in beiden Landesteilen ein großes Spaltungspotenzial wahrgenommen, obwohl die tatsächliche Polarisierung vergleichsweise klein ist. Dagegen wird beim Klimawandel ein vergleichsweise geringes Spaltungspotenzial vermutet, obwohl dieses Thema mit am stärksten affektiv polarisiert. Ein großes Spaltungspotenzial gibt es vor allem in Ostdeutschland beim Thema „Krieg in der Ukraine“.

Viele AfD-Wähler glauben, 
die Politiker machten ja doch nur,
was sie wollten.

Hans Vorländer ist Seniorprofessor für Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden und Direktor des Mercator Forums Migration und Demokratie (MIDEM).

Hans Vorländer ist Seniorprofessor für Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden und Direktor des Mercator Forums Migration und Demokratie (MIDEM).

Wie könnten denn solche Dialoge aussehen, wenn die Menschen so emotionalisiert sind? Was kann die Politik tun?

Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben. Gerade auf Landes-, Kreis- oder kommunaler Ebene ist das persönliche Gespräch entscheidend. Politikerinnen und Politiker müssen auf die Menschen zugehen – auch wenn sie dabei riskieren, angeschrien zu werden. Das ist wenig komfortabel. Grenzen liegen dort, wo Hetze und Hass den Dialog unmöglich machen. 

Wie wirkt sich die starke Rechte auf die anderen Parteien aus?

Nehmen wir die Union. Der normale Gang der Dinge wäre, dass die größte Oppositionspartei weiter gestärkt wird, wenn die Leute mit einer Regierungskoalition unzufrieden sind. Die Union wäre die natürliche Alternative zur Regierung. Nur funktioniert das nicht. Zum einen saß die Union zu lange mit in der Regierung. Zum anderen fährt die CDU keinen klar erkennbaren Kurs, sie mäandert zwischen thematischer Anbiederung an die AfD und einer moderat modern-liberalen Linie. Da gibt es von der Parteiführung weder eine Entscheidung noch eine Moderation. Wenn die CDU sich weiter nach rechts öffnen würde, würden wohl viele die Partei verlassen. Und umgekehrt würde die CDU Terrain an die AfD verlieren. Es fehlt eine Lichtfigur, eine strahlende und integrierende Führungskraft. Weil es all das nicht gibt, erstarkt die „fundamentale Alternative“, deren Geschäftsmodell es ist, einfach gegen alles zu sein.

Und die auch von einer wachsenden Demokratieverdrossenheit profitiert?

Das ist die Frage nach Henne oder Ei – was war zuerst da? Es gibt eine klare Korrelation, die besagt: Menschen, die sich dem AfD-Umfeld zugehörig fühlen, haben tendenziell weniger Vertrauen in die Demokratie und hängen eher Verschwörungstheorien und rechten beziehungsweise rechtsextremen Weltbildern an. Politikverdruss kommt hinzu.

Spiegelt die erstarkte AfD auch einen Trend wider, der in ganz Europa zu beobachten ist?

Natürlich gibt es diesen Rechtsruck, ob man nach Finnland, Schweden, Polen, Ungarn oder Spanien schaut. In Deutschland ist relativ neu, dass mit der AfD eine etablierte rechtsextreme Partei im Parlament sitzt. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern regiert sie in Deutschland immerhin nicht mit. In anderen Ländern sind rechte Regierungen oder Regierungsbeteiligungen fast schon zur Normalität geworden, aber vor unserem historischen Hintergrund ist eine solche Entwicklung abschreckend.

Zumal AfD-Politiker inzwischen auch Bürgermeister- und Landratsposten bekleiden?

Das macht die Sache ja so brenzlig. Es könnte ein Normalisierungsprozess einsetzen, an dessen Ende eine Regierungsbeteiligung oder eine verabredete Tolerierung durch die AfD auf Länderebene steht. Theoretisch ist immerhin denkbar, dass sich einzelne Funktions- oder Mandatsträger durch die Arbeit in den Kommunen, wo es um Verwaltungs- und Sachfragen geht, wo man etwa über Kindergärten, Straßen oder Schwimmbäder diskutiert, deradikalisieren. Doch wird man das sehr genau beobachten müssen.

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach der Aufstieg der AfD bremsen?

Ich fürchte, viele AfD-Anhänger lassen sich nicht mehr umstimmen. Die Partei ist in manchen Regionen, vor allem im Osten, zu stark verwurzelt. Es geht dabei auch um DDR-Hinterlassenschaften, um die teils als traumatisierend empfundene Transformation nach der Wende, um ökonomische, soziale und demografische Umbrüche. Teile der Bevölkerung sind verbittert, für sie ist die AfD das Medium des Protests. Zudem sind wichtige AfD-Persönlichkeiten aus dem Westen in den Osten gegangen, siehe Björn Höcke, und haben dort massiv geholfen, einen organisatorischen Unterbau zu schaffen. Es gibt im Osten auch deutlich erkennbare Bemühungen, rechtsextreme Weltbilder hegemonial werden zu lassen. Das Institut für Staatspolitik von Kubitschek – eine Denkfabrik der Neuen Rechten – arbeitet daran und liefert den intellektuell-propagandistischen Überbau. Das alles zeigt, dass die AfD nicht so einfach zu bremsen ist. Ein Verbot ist da zunächst auch keine schnelle Lösung, zumal durch ein solches Verfahren, das Zeit braucht, der Außenseiterstatus der AfD bestärkt und sich ihre Gefolgschaft in einer Art Märtyrerschaft gefallen wird.

Um die AfD zu bremsen, braucht es gute, konsistente Politik, die für die Menschen nachvollziehbar ist und sie nicht überfordert. Und es braucht überzeugende Politikerinnen und Politiker.

Seit einigen Wochen bewegen sich die Umfragewerte der AfD wieder nach unten. Eine Trendwende?

Vorsicht mit Stimmungsbarometern!
Es gibt immer statistische Fehlermargen, ein Prozent mehr oder weniger sagt wenig aus – vor allem über das konkrete Wahlverhalten.

Jenni Roth lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt vor allem Reportagen zu gesellschaftlichen Themen für namhafte Zeitungen und Magazine sowie Skripte für Hörfunk-Features im Deutschlandradio. Ihre Beiträge wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Jenni Roth lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt vor allem Reportagen zu gesellschaftlichen Themen für namhafte Zeitungen und Magazine sowie Skripte für Hörfunk-Features im Deutschlandradio. Ihre Beiträge wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

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