Shortlist

Das sind die mutigsten Journalisten der muslimischen Welt

Die Nominierten für den Raif Badawi Award 2018

Nachricht30.08.2018
Collage der Nominierten für den Raif Badawi Award
Die Nominierten für den Raif Badawi Awardcc-by-sa-3.0 / wiki commons / Claude Truong-Ngoc // ARIJ // Fahad al-Fahad // Amal Habani // Mohammad Al-Salloum

** Click here for English version **

Sie kämpfen für Pressefreiheit und Meinungsvielfalt unter Regimen, die Andersdenkende verfolgen und sogar einsperren. Teilweise bezahlen sie ihren Mut mit der Freiheit – umso wichtiger ist es, die couragierten Journalisten und Journalistinnen in islamisch geprägten Gesellschaften niemals zu vergessen. Einer der bekanntesten ist der saudische Blogger Raif Badawi, der 2012 ins Gefängnis kam und zu 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde.

Der nach ihm benannte Award wird nun bereits zum vierten Mal von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit vergeben – und wieder sind es fünf Journalisten beziehungsweise Organisationen, die des Preises würdig sind. Ihre Geschichten sind genauso berührend wie ihre Arbeit großartig ist: Das sind die diesjährigen Nominierten für den Raif Badawi Award.

Kamel Daoud (Algerien)

Kamel Daoud aus Algerien ist vieles: Schriftsteller, Poet und natürlich Journalist.  Der Kolumnist und ehemalige Chefredakteur der französischsprachigen Tageszeitung „Le Quotidien d’Oran“ eckt auch mal an mit seiner Meinung. 

Insbesondere in Frankreich wird er von Intellektuellen angegriffen, wenn er beispielsweise die Kulturunterschiede zwischen europäischen und arabischen Gesellschaften betont oder sich kritisch über den Islam äußert: „Kulturelle Unterschiede zu leugnen, ist keine Lösung. Sie bewusst ins Auge zu fassen, ist der Beginn einer Lösung." 

Für die arabische Welt wünscht er sich eine Gleichberechtigung der Frau. „Ich glaube, wir werden ohne die Freiheit der Frau nicht begreifen, was Freiheit ist", sagte er 2016 in einem ZEIT-Interview. An der schwierigen Situation hat sich seitdem nahezu nichts geändert – deshalb legt Daoud weiterhin den Finger in die Wunde und schreckt auch vor unangenehmen Wahrheiten nicht zurück.  

Kamel Daoud
Aufmerksamer Zeitzeuge: Kamel Daoudcc-by-sa-3.0 / wiki commons / Claude Truong-Ngoc

Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ, Jordanien)

Qualitätsjournalismus stößt an seine Grenzen, wo der Staat Pluralismus verwehrt. Umso wichtiger sind Organisationen wie die „Arab Reporters for Investigative Journalism“ (ARIJ), die sich auf die Fahnen geschrieben haben, die Wächterrolle der Medien zu verteidigen.

„Ich bin Perfektionistin. Ich wurde mit der Überzeugung erzogen, dass nichts umsonst ist und man hart arbeiten muss, um etwas im Leben zu erreichen – zusammen mit der Überzeugung, dass man nett sein und Menschen helfen muss. Ich gebe niemals auf“, sagte Rana Sabbagh, Gründerin und Leiterin von ARIJ, kürzlich in einem Interview

Die 2005 in Amman, Jordanien, gegründete Nichtregierungsorganisation ist einzigartig in einer Weltregion, in der Presse- und Meinungsfreiheit wenig Wert haben. Aus Kooperationen im Netzwerk entstehen investigative Recherchen zu sensiblen Themen wie Skandale in jordanischen Waisenhäusern oder Missbrauch von Geldern für Schulbauprojekte im Irak.

Rana Sabbagh
Sie gründete ARIJ: Rana SabbaghARIJ

Rana Sabbagh selbst hat journalistische Ethik, Integrität und Unabhängigkeit immer vorgelebt: Als erste Chefredakteurin in der Region leitete sie die Jordan Times – bis sie entlassen wurde, weil sie ihre Mitarbeiter ermunterte, tiefgründig  zu recherchieren und auch kritisch über die Regierung und Verwaltung im Land frei zu schreiben.

Sie gibt den Verzweifelten eine Stimme und versucht, die Lebensbedingungen zu verbessern. Als couragierte Kommentatorin legte Sabbagh auch zweifach ihren Posten nieder – wegen der Zensur ihrer Artikel.

„Journalisten sind generell Opfer des repressiven politischen und gesellschaftlichen Systems in der arabischen Welt. Wir haben Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Justizirrtümer und Konsumprobleme in einer Region aufgedeckt, die zu den schlechtesten der Welt für Medienfreiheit und freie Meinungsäußerung zählt“, sagte sie im Interview mit Irivaban.net.

Fahad al-Fahad (Saudi-Arabien)

Fahad al-Fahad, Autor und Blogger zahlreicher Artikel zum Thema Menschenrechte in Saudi-Arabien, ist im April 2016 verhaftet und nach mehr als einem Jahr Untersuchungshaft im Juni 2017 zu einer fünfjährigen Strafe verurteilt worden. Der Richter sprach zudem ein lebenslanges Schreibverbot aus. Die Vorwürfe gegen ihn beziehen sich auf die Verletzung der Cybergesetze, allgemeine Kritik am Justizsystems Saudi-Arabiens und den Vorwurf der Korruption innerhalb der Regierung. Zu diesem Urteil trug der Vorwurf der nicht näher spezifizierten „Hilfe“ für die Saudische Vereinigung für Bürger- und politische Rechte bei.

Fahad al-Fahad
Fahad al-Fahad kritisiert unermüdlich das JustizsystemFahad al-Fahad

Als Blogger forderte Fahad al-Fahad unermüdlich Reformen, mehr noch, sich nicht dem staatlich verordneten Common Sense anzupassen, sondern Bürgerrechte einzufordern.

„Dank jeder Frau meines Landes, die einen Wandel zum Guten befördert; Dank an alle, die es weiter versuchen. Man mag deine Artikel vergessen, aber die Geschichte tut es nicht“, sagte der Unterstützer der Frauenrechte in einem Interview.

Doch was macht ihn aus Sicht des saudischen Königshauses zu einem gefährlichen Bürger? Es sind seine ironischen Versuche, die Diskrepanz zwischen dem Außenbild des Königshauses und der gesellschaftlichen Realität, wie er sie erlebt, aufzuzeigen. Dazu gehört auch das ambivalente Verhältnis des Königshauses zum Terrorismus als Waffe außerhalb des eigenen Landes: „Historisch betrachtet, hat Saudi-Arabien Jihadisten als Trumpf ausgespielt, um seine politischen Interessen durchzusetzen: Von Afghanistan über Tschetschenien bis zum heutigen Syrien. Und kein Ende ist in Sicht“, so al-Fahad.

Amal Habani (Sudan) 

Amal Habani steht für Menschen- und Bürgerrechte in einem Land, das Transparency International zu den korruptesten Staaten weltweit zählt (Platz 175/180). Sie ist dabei zu einer Hoffnungsträgerin für Frauen geworden, die in dem überwiegend muslimischen Land für Gleichberechtigung und eine offene Gesellschaft kämpfen. Als Koordinatorin des Programms „Gegen die Unterdrückung von Frauen“ zog sie den Hass konservativer Kreise auf sich. Besonders lautstark bezieht Habani Stellung gegen die „Public-Order-Gesetze“, nach denen Frauen für „moralische Vergehen“ – wie das Tragen von Hosen – zu Haftstrafen und Peitschenhieben verurteilt werden können.

„Im Juli 2009, als meine Kollegin verhaftet wurde und versuchte, Hosen in Khartoum zu tragen, konnte ich nicht länger schweigen. Niemand sollte Angst haben müssen, für das Tragen von Hosen in der Öffentlichkeit verhaftet und geschlagen zu werden“, äußert sich Habani auf dem Amnesty International Blog. Außerhalb ihres Landes erfährt sie dafür Anerkennung: Amnesty International zeichnete sie 2014 mit dem renommierten Ginetta Sagan Preis aus.

Amal Habani
Kämpferin für Frauenrechte: Amal HabaniAmal Habani

„Am meisten ermutigt mich das Gefühl, dass das, was du tust, sich auszahlt und dass es Verbesserungen gibt – auch, wenn sie nur klein sind“, sagte Habani im Interview mit World Pulse.

Für ihr Eintreten für Rechtstaatlichkeit wurde sie mehrfach verhaftet und im Gefängnis misshandelt. Amal Habani hatte Anfang des Jahres über Proteste gegen die Erhöhung von Brotpreisen in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum berichtet und wurde dafür von Sicherheitsbehörden mehrere Monate lang ohne Anklage festgehalten. Doch Habani gibt nicht auf, sondern nutzt Online-Zeitungen wie „Al-Taghyeer“, um Missstände anzuprangern und Veränderungen zu fordern. Durch ihren friedlichen Protest inspiriert sie Frauen im Sudan, mit ihr zusammen mehr Rechte zu fordern.

Mohammad Al-Salloum (Syrien)

Mohammad Al-Salloum stammt aus einer Kleinstadt zwischen Aleppo und Idlib im Norden Syriens. Nach seiner Flucht in die Türkei verbreitete er von dort seine Botschaft der Freiheit über das Radio. Der heute 37-Jährige graduierte an der Universität Aleppo über arabische Literatur und lehrte an der Universität Damaskus moderne arabische Literaturkritik.

Der Bürgerkrieg veränderte sein Leben: Nach Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime gab er die sozialkritische Monatsschrift „al-Gherbal“ („Das Sieb") heraus, in der erstmalig die politischen Verhältnisse auf humorvoll-ironische Weise gespiegelt wurden, ein bis dato im Assad-Reich vollkommen unbekanntes Genre. Die Kritik in seinem Blog betraf alle kriegsführenden Parteien.

Mohammad Al-Salloum
Beleuchtet die Verhältnisse in Syrien kritisch-ironisch: Mohammad Al-SalloumMohammad Al-Salloum

2014 wurde er von einer der rivalisierenden Gruppen in Syrien festgesetzt, bevor er auf Intervention des syrischen Schriftstellerverbandes wieder freikam. Bis heute unterstützt er von der Türkei aus Videos, die von Hoffnungen und Erwartungen syrischer Jugendlicher erzählen, die außerhalb des vom Assad-Regime kontrollierten Gebietes leben. Scharfsinnig analysiert er, wie das Regime von der Vertreibung oppositioneller Syrer in die Türkei profitiert. Meinungsvielfalt und ihre Akzeptanz gehören für ihn zu den wesentlichen Errungenschaften des Aufstandes gegen Assad. „ISIS beschuldigte uns, Säkularisten und Abtrünnige und ein Affront gegen Religion und Rechtmäßigkeit zu sein“, so Al-Salloum in einem Interview mit Syria direct im Jahr 2014.

Der Raif Badawi Award wird am 10. Oktober 2018 zum vierten Mal von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit auf der Frankfurter Buchmesse vergeben.