"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat"

Kreativität entscheidend für Innovationsstandort Deutschland

Nachricht21.07.2017Julia Kranz
Innovation
„Kreativität ist die menschliche Eigenschaft, die wir nicht hoch genug einschätzen können“istock / Xurzon

Als der Tüftler Philipp Reis vor 150 Jahren das erste Telefonat führte, ahnte er noch nicht, welche bahnbrechende Erfindung ihm da gelungen war. Volker Wissing, stellvertretender Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, erinnerte in seinem Impulsvortrag auf dem Innovationskongress der Friedrich-Naumann-Stiftung mit dem ersten per Telefon übermittelten Satz „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ daran, dass Durchbrüche meistens passieren, während für ein anderes Problem eine Lösung gefunden werden soll. So wollte der Bäckerssohn aus Hessen mit seinem „Ferntonapparat“ eigentlich das Gehör erforschen. Heraus kam eine neue Form der Kommunikation. Eine zweite wichtige Eigenschaft des Innovators: Reis war ein „Dickschädel. So heißt es über den als Lehrer arbeitenden Erfinder: „Wollte er einen wohlerwogenen Entschluss zur Ausführung bringen, ließ er sich durch nichts abbringen.“

Wissing erinnerte in einem weiteren Beispiel daran, dass es Neuschöpfungen zu Beginn meist schwer haben. So wurde auch das Auto anfangs als „zu schnell, zu laut, zu gefährlich“ kritisch beäugt. Dennoch: der mobile Fahruntersatz eroberte die Welt. „Kreativität ist die menschliche Eigenschaft, die wir nicht hoch genug einschätzen können“, ermutigte Wissing die zahlreichen Gäste im Microsoft Forum in Berlin.

„Eine Fähigkeit, die viele Menschen in Deutschland haben und die unabdingbar für unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit ist.“ Als rohstoffarmes Hochlohnland sei Deutschland in besonderer Weise auf Innovationen angewiesen. Es sei wichtig, positiv in die Zukunft zu blicken und Politik so zu gestalten, Erfindungsreichtum möglich zu machen. Auch Wolf-Dieter Zumpfort, Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung, plädierte dafür, den technikfeindlichen und innovationsmüden Tendenzen in der Gesellschaft mit Optimismus zu begegnen.

Deutschland top in Innovations-Rankings

Grund genug, zuversichtlich an die Herausforderungen der Zukunft heran zu gehen, liefern auch verschiedene Innovationsrankings. So hat es Deutschland im Ranking Global Innovation Index 2016 zum ersten Mal in die Top Ten geschafft. Weltweit reicht es für das Land der Dichter, Denker, Currywurst-, Airbag- und Glühbirnen-Erfinder für einen zehnten Platz. Zudem bewiesen deutsche Unternehmen auch im Patent-Ranking 2016 erneut ihre Innovationsstärke: Laut des Jahresberichts des Europäischen Patentamts (EPA) beantragten sie im vergangenen Jahr insgesamt 25.086 Patente und sicherten sich damit im europäischen Vergleich die Spitzenposition.

Gründergeist wecken

Allerdings mahnte Wissing auch, Klagen über den Mangel an geeignetem Fachpersonal, zu hohem unternehmerischen Risiko und einen rückläufigen Gründertrend ernst zu nehmen. „Neugründungen sind der Schlüssel für unsere moderne Gesellschaft. Wir müssen den Gründergeist wieder wecken.“ Gerade Rheinland-Pfalz hat 99.7 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen, für die es „lebensnotwendig“ sei, innovativ zu sein. Als Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau gehe er selbst zu Gründertreffs, um ein Ohr bei den jungen Unternehmern zu haben und herauszufinden, wo der Schuh wirklich drücke, wo es Informationsdefizite und Bürokratiehürden gebe. Wissing: "Eine lebendige Gründerkultur fängt schon in der Schule an: zum Beispiel mit Schülerunternehmen.“

Mit MINT gegen den Fachkräftemangel

Dass eine gute MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) unverzichtbare Voraussetzung ist, um dem Fachkräftemangel von morgen zu begegnen, stellte Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverband Gesamtmetall e. V. heraus. „Wir merken das auch bei uns. Die Zahl der Bewerber ist gering, wir haben immer mehr Probleme, Nachwuchs zu bekommen. Wir haben circa 90.000 Akademiker, die uns im MINT-Bereich fehlen. Die Förderung muss schon im Kindergarten anfangen, ein Projekt, das wir gemeinsam mit der Politik angehen müssen.“ Und appellierte an die zahlreichen Teilnehmer des Kongresses, junge Leute auf die Karriere-Chancen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich hinzuweisen. Zander: „Im vergangen Jahr haben wir 7.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Das sind dann über drei Jahre schon über 20.000 Stellen. Die werden uns auf lange Sicht hin fehlen.“

Als „Herkulesaufgabe“ bezeichnete der Gesamtmetall-Chef es auch, junge Frauen für MINT-Berufsfelder zu begeistern. Zu häufig entschieden sie sich noch für Gewerbe wie dem Handel, die Gastronomie oder den Friseurberuf. „Aus unserer Sicht eine Fehlentscheidung. Weil wir besser zahlen und eine geringere Arbeitszeit haben.“ Zudem seien die Möglichkeiten in großen Unternehmen Familie und Beruf zu vereinbaren, viel mehr gegeben als in kleinen. Was die Berufswahl von jungen Frauen beeinflusst, hat der Verband in einer Studie erforscht, deren - laut Zander - „für uns überraschenden“ Ergebnisse diesen Sommer vorgestellt werden.

Früh übt sich

Einig waren sich die Experten darin, wie wichtig frühkindliche Bildung ist, um dem Fachkräftemangel von Morgen zu begegnen. „Die entscheidenden Bildungsjahre im Leben eines Menschen sind im Alter von drei bis sechs Jahren. Mit Apps lernen Dreijährige bereits spielerisch programmieren“, erklärte Volker Wissing. Uwe Cantner, Vizepräsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena, unterstrich, dass es grundlegender Reformen und neuer Methoden bedürfe, um unternehmerisch denkende Persönlichkeiten zu erziehen. Oliver Zander sagte, dass die Berufsbilder in seiner Branche bereits auf Industrie 4.0 und Digitalisierung angepasst wurden. Mit dem Ziel, im Ausbildungsjahr 2018/19 mit den neuen Ausbildungsinhalte zu starten. „Gerade an Softwareentwicklern haben wir einen Riesenbedarf. Ja, wir geraten unter Druck.“

Innovation

"Die Politik muss ein innovationsfreundliches Klima fördern."

Wolf-Dieter Zumpfort, Mitglied im Vorstand der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Herausforderungen für die Wirtschaft gibt es auch in punkto Ressourcen. So leidet zum Beispiel ein Großteil der Industrie unter den hohen Energiekosten. Grundlegende und wirksame Reformen müssen die nationale Energiewende zum Erfolg führen. Ein wichtiger Punkt auf diesem Werg ist für Eberhard Umbach, Mitglied des Präsidiums bei der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Strom, Wärme und Verkehr zusammen zu denken. Das Klimaziel 2050, die THG-Emissionen um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren, hält der Wissenschaftler aber für  „sehr ambitioniert. Ob wir dieses Ziel erreichen, steht in den Sternen.“

Wie kann die Energiewende gelingen?

„Wir haben es in Deutschland mit 70 Ministerien zu tun, die sich mit der Energiewende befassen. Das sagt etwas über die Schwierigkeit aus. Die Energiewende ist nicht umsonst. Wir müssen uns schon überlegen, wie wir die Kosten verteilen. Den einzelnen Haushalt mit 2000 EUR jährlich mehr zu belasten, wird nicht gehen“, so der Wissenschaftler. Für Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums des Verbands der Chemischen Industrie e. V. ist das Zieldreieck, 1. Versorgungsschutz, 2. Klimaschutz und 3. Bezahlbarkeit, entscheidend. Tillmann: „Wenn wir die Bezahlbarkeit der Energiewende schaffen, bewegen wir uns in die richtige Richtung." Auch Stefan Kapferer, Staatssekretär a. D. und Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. fordert damit aufzuhören, ideologische Debatten über das Jahr 2050 zu führen. Wichtiger sei es vielmehr, die volkswirtschaftliche Effizienz in den Fokus zu rücken.

Innovationsstrategie für Deutschland

Einig waren sich die Experten abschließend, dass Deutschland eine in sich geschlossene, parteiübergreifende Innovationsstrategie brauche, die der Wissenschaft und der Wirtschaft gleichermaßen Impulse für Investitionen in Ausbildung, Forschung und Entwicklung gibt. „Das wird zurecht von der Startup-Community eingefordert“, fand Sebastian Czaja, Fraktionsvorsitzender der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Politik könne nur Anreize schaffen, den Mut zur Risikobereitschaft müsse aber jeder Einzelne von sich aus mitbringen. „Das Beste, was wir für einen jungen Unternehmer machen können, ist sein Geschäft zum Laufen zu bringen“, befand acatech-Präsident Dieter Spath. Und betonte, wie wichtig es dabei sei, auch „die Stigmatisierung des Scheiterns abzubauen.“

Marco Hardt, Mitglied der Geschäftsleitung der Novartis Deutschland GmbH, spannte zum Schluss des Kongresses noch einmal den Bogen ins Hier und Heute, in dem er an die eingangs von Volker Wissing beschriebene Skepsis gegenüber dem Erfinder des Telefons erinnerte. Der Durchbruch einer bahnbrechenden Erfindung sei auch in der Pharmabranche nicht nur eine äußerst seltene Angelegenheit, vielmehr sei der Durchbruch, wenn er denn geschafft sei, häufig nicht besonders willkommen. So wurde ein Medikament gegen Hepatitis C, das vielen Menschen Heilung verschaffte, in Deutschland zunächst lediglich als Bedrohung für die Kassenlage diskutiert.

Zusammenfassung: Auf dem Innovationskongress der Friedich-Naumann-Stiftung waren sich Experten und Wissenschaftler einig, dass Deutschland Reformbedarf hat, um als Innovationsmotor weiter erfolgreich zu bleiben. Vor allem die Bürokratie in der Verwaltung, der Fachkräftemangel und Defizite im Bildungssystem werden als Hürden angesehen. Besonders der Aspekt einer ganzheitlichen, überparteilichen Innovationsstrategie wird als nötig erachtet.