Corona-Pandemie in Spanien
Eingeschlossen in Madrid - Eindrücke aus dem europäischen Corona-Hotspot

Straßensperren in Madrid
Straßensperren in Madrid © picture alliance / NurPhoto | Juan Carlos Lucas

Die kleine Bar in der Calle de Fortunyin der Madrider Innenstadt ist gut gefüllt, so wie viele andere dieser Tage. Die Madrilenen lassen sich das Ausgehen mit Freunden nicht nehmen. Und doch ist alles anders seit dem Wochenende: Es ist wieder still geworden in den Straßen, die sonst so quirlige spanische Hauptstadt abgeriegelt. 850 Infektionsfälle auf 100.000 Einwohner hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die Region zum wiederholten Male zum Epizentrum der Pandemie in Europa gemacht. Spanien hat aktuell 32.000 Corona-Tote zu beklagen und 800.000 Corona-Fälle zu verzeichnen, fast vierzig Prozent davon entfallen auf Madrid. Mit voller Wucht ist die zweite Welle über die Stadt hereingebrochen. In ihr versinken tausende Arbeitsplätze in Hotels, Restaurants, Blumenläden, Reiseagenturen. Die Pandemie trifft Spanien nicht nur im geographischen Sinne mitten ins Herz.

Wer Madrid in den kommenden zwei Wochen verlassen möchte, muss dafür gute Gründe haben. Mit Freunden oder Angehörigen darf man sich höchstens noch zu sechst treffen. Restaurants und Bars müssen um 23.00 Uhr schließen und ihre Kapazitäten halbieren. Immerhin fühlen sich die neuen Regeln lange nicht so drastisch an wie der Lockdown im Frühjahr, als die Madrider monatelang ihre Wohnungen praktisch nicht mehr verlassen durften.

Nur widerwillig setzte die konservative Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso die Anordnung letzten Freitag in Kraft und legte gleichzeitig Berufung ein. Die sozialistische Zentralregierung hatte angesichts des rapiden Anstiegs an Neuinfektionen interveniert. Gestern weigerte sich der Oberste Gerichtshof von Madrid den Erlass zu ratifizieren, weil er nicht über die notwendige rechtliche Grundlage verfüge und die Grundrechte der Bürger verletze. Damit können keine Geldstrafen bei Verstößen mehr verhängt werden. Ob alle Maßnahmen ganz ausgesetzt werden müssen, wird vom nationalen Gerichtshof von Spanien noch geprüft. Und jetzt? Alles in der Schwebe.

Wie im Brennglas werden Trennlinien der spanischen Politik sichtbar: Seit Wochen liefern sich die Zentralregierung und die Madrider Regionalregierung einen erbitterten Schlagabtausch im Ringen um die richtige Eindämmungsstrategie zwischen Gesundheitsschutz und Erhaltung der Wirtschaft. Es ist ein Balanceakt: Wer die wirtschaftliche Freiheit stark und dauerhaft einschränkt, gefährdet letztendlich auch die Gesundheit. Andererseits ist ohne eine Eindämmung des Virus an eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung nicht zu denken – erst Recht in der Tourismusbranche, von der Spanien so sehr abhängt.

Auch innerhalb der Koalition aus konservativer Partido Popular(PP) und liberalen Ciudadanosin der Autonomen Region Madrid knirscht es. Während Regionalpräsidentin Ayuso auf Konfrontation setzt und in dem Durchgreifen der Zentralregierung einen rein politisch motivierten Schachzug wittert, distanzierte sich der liberale Koalitionspartner von der öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung. Ciudadanosfordert eine konstruktive Zusammenarbeit aller Seiten zur Bekämpfung des Virus und stimmte der Abriegelung der Stadt zu.

Angesichts der rigorosen europäischen Ausgangssperren im Frühjahr stellt sich die Frage, warum Spanien nur drei Monate nach dem Ende des Alarmzustands erneut so schlecht dasteht. Eine mögliche Erklärung: In der spanischen Politik hat sich eine destruktive Dynamik entwickelt, die ähnlich dem Virus eine toxische Wirkung entfaltet. Allzu oft lassen sich spanische Politiker im Kampf gegen das Coronavirus von politischen Erwägungen und persönlichen Interessen anstelle von wissenschaftlichen Kriterien leiten. Die Polarisierung im spanischen Parteiensystem erschwert eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen. Während im Nachbarland Italien im Angesicht der Krise die Nation zusammensteht, scheinen viele spanische Politiker die Spaltung des Landes noch verschärfen zu wollen. 

In der emotional aufgeladenen Auseinandersetzung ist ein kühler Kopf gefragt, um sich auf Vernunft und Verantwortung zu besinnen. Ignacio Aguado, Vize-Präsident der Hauptstadt-Region (Ciudadanos), stellte fest: „Uns bleibt Zeit, die Situation unter Kontrolle zu bringen, wenn wir nur in der Lage sind, uns selbst eine politische Atempause zu verschaffen. Wir müssen aufhören, anderen die Schuld zuzuweisen.“

Dem werden viele Madrilenen zustimmen. Die Bevölkerung ist zunehmend genervt vom Krisenmanagement in der spanischen Hauptstadt. Es herrscht Verwirrung über die neuen Maßnahmen, viele halten sie ohnehin für wirkungslos und absurd. Die Tageszeitung „El Pais“ titelte: „Madrid, Hauptstadt der Konfusion“. Parks werden geschlossen, aber Bars dürfen geöffnet bleiben, man kannaus Berlin nach Madrid reisen, aber nicht aus dem nahegelegenen Toledo.

Gutes Krisenmanagement beinhaltet, einen Lernprozess zu durchlaufen, die neue Realität anzuerkennen und aus Fehlern zu lernen. Die spanische Regierung lehnte es bisher ab, den Umgang mit der Pandemie von einer unabhängigen Expertenkommission untersuchen zu lassen. Eigentlich hatte die Regierung eine vorbildliche Strategie, dem Alarmzustand folgte ein Deeskalationsplan mit Regeln für die "neue Normalität". Dies beinhaltete eine asymmetrische Lockerung innerhalb des spanischen Territoriums in vier Phasen ohne feste Termine, je nach Übertragungsrate und Auslastung des Gesundheitssystems in der jeweiligen Provinz. Doch viele Regionen übersprangen Phasen oder kamen den Auflagen zur Überwachung der Fallzahlen nicht nach, insbesondere eines funktionierenden Systems der Nachverfolgung von Corona-Fällen. Es gibt eine Reihe an Verbesserungsvorschlägen, sei es die Einführung eines modernen Systems der Datenerfassung,die Definition transparenter epidemiologischer Indikatoren, um ein gemeinsames Vorgehen mit den Regionen und Gemeinden zu erleichtern oder die Stärkung einer effizienten Verwaltung und Gesundheitsversorgung.

Für Madrid kommen solche Maßnahmen zu spät. Die zweite Welle hat die Stadt schon jetzt im Griff. Jeder Einzelne ist angesichts dieser Situation aufgefordert, Eigenverantwortung zu übernehmen und auf andere Acht zu geben.

 

 

Rahel Zibner ist Programm-Managerin für Spanien, Italien und Portugal.