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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Corona
Lockdown 2: Wir brauchen eine nachhaltige Strategie statt planlose Restriktionen

Die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Corona-Pandemie wirken unstrukturiert und planlos, gerade der Appell an junge Menschen
Karl-Hein Paqué

Alle horchten auf, als Angela Merkel auf der gestrigen Pressekonferenz nach dem kuriosen Corona-Gipfel plötzlich ein „längerfristiges Konzept“ zur Bekämpfung der Pandemie ankündigte. Die Bundeskanzlerin war zuvor mit ihrem Beschlusspapier, das drastische Kontaktbeschränkungen und Restriktionen für den Unterricht in Schulen vorsah, an der breiten Front der Länderchefs krachend gescheitert. Nun also soll eine neue Strategie dabei helfen, Transparenz, Akzeptanz und einen gewissen Grad an Planungssicherheit für die Bevölkerung zu schaffen.

Guter Gedanke, bravo! Man fragt sich allerdings: Warum denn erst jetzt? Und vor allem: Welche neue Idee der nachhaltigen Infektionsbekämpfung hat die Kanzlerin im Sinn? Oder redet sie über etwas, das es nicht gibt?

Ein Blick auf die vergangenen Monate weckt kaum Hoffnung. Seit mittlerweile zehn Monaten grassiert das Corona-Virus in Europa, schon im März warnten Epidemiologen, Virologen und selbst Vertreter der Großen Koalition wie Karl Lauterbach vor steigenden Infektionszahlen im Herbst und Winter. Die Bundesregierung hatte deutlich mehr als ein halbes Jahr Zeit, sich und vor allem das Land auf das Kommende vorzubereiten.

Aber es geschah viel zu wenig. Während die slowakische Regierung alle Bewohner über einem Alter von zehn Jahren testet und so 38.000 positive Fälle entdeckt, scheitern hierzulande allein schon flächendeckende Tests in Pflegeheimen am fehlenden Personal. Während Taiwans hervorragende digitale Infrastruktur den Einsatz von Spitzentechnologie zur Bekämpfung der Pandemie ermöglicht, sind einige deutsche Labore noch immer nicht an die Corona-Warn-App angeschlossen. Während Südkorea die Produktion von medizinischen Masken schon zu Beginn des Jahres hochskalierte, sollen in Deutschland erst jetzt besonders gefährdete Menschen mit FFP2-Masken ausgestattet werden.

Auch in den Schulen ist hierzulande kein nachhaltiger Fortschritt zu erkennen. Sinnvolle Vorschläge von Interessensvertretern und Gewerkschaften bleiben ungehört, so wie die Forderung der GEW „Digital nachsteuern, Lehrpersonal aufstocken, kostenfreie Coronatests für Kita-Betreuer“. Auch die simple Idee, den Schulunterricht versetzt beginnen zu lassen, um überfüllte Schulbusse zu verhindern und den ÖPNV zu entlasten, wäre leicht umsetzbar. Aber nichts dergleichen geschieht.

Und dies, obwohl sich alle einig sind, dass vor allem junge Menschen unter der Corona-Pandemie zu leiden haben. Es ist das skandalöse Defizit an Digitalisierung in den Schulen, das verhindert, dass hierzulande hybrid unterrichtet werden kann. Wenn die Bundesregierung mit aller Macht versucht, die Schulen offen zu halten, liegt das schlicht daran, dass sie überhaupt keine Alternative hat. Beim Lockdown im März fiel der Unterricht einfach aus. Und es ist vorauszusehen: Wenn die Infektionszahlen im Herbst und Winter weiter steigen, wird wieder die Schließung der Schulen drohen.

Wie überhaupt ein undifferenzierter Lockdown nur zu rechtfertigen ist, wenn man über das Infektionsgeschehen wenig weiß, was die Kanzlerin erst jüngst einräumte. Aber die Frage ist: Warum wissen wir so wenig? Spätestens seit der flächendeckenden Erhebung von Kontaktdaten in Restaurants, Kinos und Theatern steht der Wissenschaft ein riesiger Datensatz zur Verfügung, mit dessen Hilfe man anonymisierte statistische Auswertungen über den Zusammenhang von Restaurant-, Kino- und Theaterbesuchen und den Corona-Infektionen hätte durchführen können. Bis die Datensätze nach einigen Wochen gelöscht werden, hätten Statistiker die nötige Evidenz erarbeiten können. Es ist fast ein Hohn: Alle reden von „evidenzbasierter“ Politik, aber dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird, findet sie nicht statt. Genau deshalb wissen wir so wenig!

Nun gibt es wenigstens Anlass zur Hoffnung, dass Pharmaunternehmen wie Pfizer, BioNTech und Moderna, kurz vor der Genehmigung wirksamer Impfstoffe stehen. Das Corona-Virus wird also irgendwann besiegt werden, und eine Rückkehr ins „normale“ Leben ist nicht mehr allzu fern. Doch bis zu diesem Zeitpunkt muss die Pandemie effizient bekämpft werden – mit einer nachhaltigen Strategie statt planlosen Restriktionen. Davon jedoch sind wir noch immer ein gutes Stück entfernt.

Dieser Beitrag erschien erstmalig am 17.11.2020 in der Welt.

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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