Corona
Erster Coronafall in Nordkorea?

Lockdown in Kaesong nahe der Grenze zu Südkorea
Lockdown in Kaesong nahe der Grenze zu Südkorea © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Naohiko Hatta

Seit einem halben Jahr praktiziert Nordkorea eine totale Abschottung, um das Coronavirus außerhalb der Landesgrenzen zu halten. Ausgerechnet diese hat nun ein Rückkehrer schwimmend überwunden. Die Behörden der Demokratischen Volksrepublik haben die Befürchtung, dass er das Virus eingeschleppt hat. Der Süden hält dies für ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Geschichte trägt einige bizarre Züge.

Die Grenze zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) und der Republik Korea (Südkorea) gilt weltweit als eine der am besten gesicherten. Sie trennt eines der am konsequentesten abgeschotteten Länder von ihren Landsleuten im Süden - die es seit 67 Jahren nun schon nicht mehr sind. Die Überwindung dieser Grenze gilt als fast unmöglich. Einem Überläufer in den Süden aus dem nordkoreanischen Kaesong ist dies vor drei Jahren gelungen, indem er zur südkoreanischen Insel Ganghwa schwamm: Nun ist er, wieder schwimmend, in den Norden zurückgekehrt. Die nordkoreanischen Behörden befürchten, dass er das Corona-Virus in sich trägt.

Mehr Coronaprävention als in Nordkorea, geht eigentlich nicht: Bereits am 30. Januar schloss Nordkorea seine Grenze zu China. Der internationale Flugverkehr ist komplett eingestellt, die meisten Ausländer sind ausgereist. Stets hat das Land behauptet, nicht einen einzigen Coronafall zu haben. Angesichts der unmittelbaren Nachbarschaft zu Südkorea und China, erschien dies vielen zwar als unwahrscheinlich, doch könnte es auch durchaus so sein, wie die Führung behauptet. Es gab verschiedene Formen von Lockdown und große Einschränkungen für die Bevölkerung. Auch die Versorgung mit Importen aller Art verschärfte die ohnehin schwierige Versorgungslage noch weiter.

Flucht vor Strafverfolgung? Heimweh? Was man über den Rück-Flüchtling weiß

Der 24-jährige Rück-Überläufer soll seinem Land aus Unzufriedenheit über seine Lebenssituation und wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven vor drei Jahren den Rücken gekehrt haben. In den nordkoreanischen Medien wird er als „Ausreisser“ bezeichnet. Anstatt des von früheren Überläufern bevorzugt gewählten Weges über China, der in über Jahre sich hinziehende Odysseen münden kann, wählte der junge Mann den direkten Weg: Er schwamm. In einem Youtube-Video gab er später zu Protokoll, diese erste Flucht habe anstatt der erwarteten einen Stunde tatsächlich siebeneinhalb gebraucht.

In Südkorea lebte er zuletzt in Gimpo, wo zurzeit keinerlei Covid-19-Fälle registriert sind. So richtig Fuß gefasst hat er in dem für ihn fremden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht. Für Überläufer aus dem Norden ist die Integration in die von Schnelligkeit und Wettbewerb geprägte Gesellschaft des Südens schwierig. Das Gefühl der Diskriminierung und der Einsamkeit kann schnell die Oberhand gewinnen. Vor einigen Jahrzehnten haben zu Zeiten der deutschen Teilung Übersiedler aus der DDR in die BRD oft ähnliche Erfahrungen gemacht.

Begibt man sich deswegen aber wieder auf die Rückreise in die alte Heimat? Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap meldete, dass der junge Mann ein Gerichtsverfahren wegen Vergewaltigung auf sich zukommen sah. Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, dass es  einen sichereren Ort als Nordkorea gibt, wenn man sich der Verfolgung durch südkoreanische Behörden entziehen möchte. Der Preis dafür ist aber hoch.

Herr Kim, so sein Nachname, machte sich also wieder auf die Rückreise und schwamm vermutlich erneut von der Insel Ganghwa zurück in nordkoreanische Gestade. Die Strapaze, die das bedeutete, dürfte ihm bewusst gewesen sein. Er nahm sie auf sich, unentdeckt von der süd-, wie auch von der nordkoreanischen Grenzsicherung.

Covid oder nicht Covid? Das ist hier die Frage – mit einschneidenden Konsequenzen

Der 24-jährige Rücksiedler soll am 19. Juli seinen Heimatort, die Grenzstadt Kaesong erreicht und sich dort erst einmal für einige Tage unbemerkt aufgehalten haben. Nachdem er einige Nächte bei einem Bekannten zugebracht hatte, stellte er sich den Behörden. Er befindet sich nun in Gewahrsam der Staatssicherheit. Nach einer 30-tägigen Quarantäne sollen Ermittlungen gegen ihn durchgeführt werden.

Sein Handeln sorgte für beträchtliche Unruhe in Politik und Verwaltung, denn bei seinem Auffinden wies er Erkältungssymptome auf, die auch bei einer Covid-19-Infektion auftreten können. Eindeutige Testergebnisse wurden, aus welchen Gründen auch immer, von den nordkoreanischen Behörden nicht vermeldet. Aus dem Süden wurde berichtet, dass man eine Infektion bei ihm für ausgesprochen unwahrscheinlich halte, da es in Gimpo keine aktuellen Fälle gebe und alle Personen aus seinem Umfeld negativ getestet worden seien. In der Pandemie ist Südkorea für sein effektives Aufspüren von Infektionen und Übertragungswegen weltberühmt geworden. Es ist kaum anzunehmen, dass das hoch gepriesene Krankheitsmanagement ausgerechnet in diesem Einzelfall nicht funktioniert haben soll.

Kim wurde zwar mehrfach Untersuchungen unterzogen, doch waren die Ergebnisse nicht eindeutig. Ob Test-Kits zur Verfügung standen, lässt sich ebenfalls nicht mit Bestimmtheit sagen. Die WHO stellte kürzlich fest, dass bis Juli in Nordkorea 1.117 Tests auf Corona durchgeführt worden sind, die sämtlich negativ verlaufen seien. Vor einigen Tagen war gemeldet worden, dass 12.000 Test-Kits aus dem Ausland in Nordkorea erwartet würden, doch ist unklar, ob diese bereits eingesetzt werden.

Aus Laiensicht drängt sich jedenfalls ein ganz banaler Gedanke auf: Welcher Mensch würde nach stundenlangem Schwimmen keine Erkältungssymptome aufweisen? Und kann man mit einer Covid-19-Infektion überhaupt solcherlei körperliche Höchstleistungen erbringen?

Ein heikler Fall für die Führung und die Staatsmedien

Umso bemerkenswerter ist die Reaktion von Regierung und Verwaltung: Kurz nach Bekanntwerden des Falls berief Staatsführer Kim Jong-un am Freitag eine Krisensitzung des Politbüros der Partei der Arbeit ein, in der in gewohnter Weise rigorose Maßnahmen beschlossen wurden. Die Stadt Kaesong wurde komplett abgeriegelt und es wurde der Notstand ausgerufen.

Durchaus erwähnenswert ist, dass auch die Staatsmedien auf den Fall eingingen. Das erfolgt sehr dosiert und hat seine Grenzen, denn es wirft kein gutes Licht auf die Grenzsicherung, wenn man einfach unbemerkt nach Nordkorea schwimmen kann.

Der Staat formuliert fortwährend den Anspruch, die Bevölkerung gegen alle Bedrohungen von außen schützen zu können, womit ja auch das Rüstungsprogramm begründet wird. Die Mobilisierung der Bevölkerung war in den letzten Monaten beträchtlich, nicht nur wegen Corona, sondern auch nachdem sich der Ton gegenüber Südkorea und den USA wieder enorm verschärft hatte, bis hin zur Sprengung des Verbindungsbüros mit dem Süden, ebenfalls in Kaesong. Die Tür für weitere Gespräche mit den USA wurde aber wieder nicht völlig zugeschlagen.

Wohin die Argumentationslinien der Staatsmedien mittelfristig zeigen werden, muss abgewartet werden, denn es gibt einige mögliche Optionen. Sicherlich böte sich gerade jetzt eine gute Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem verfeindeten Süden, der seit Jahren seine Hilfe anbietet, ohne dass sie zum Tragen kommen würde. Eine so gesichtswahrende Möglichkeit zur Kooperation bietet sich nur selten. Im Lichte der letzten Monate ist es aber auch jetzt unwahrscheinlich, dass der Norden Hilfe aus dem Süden annehmen könnte.

Der mögliche Coronafall bietet aber sicherlich gegenüber der Bevölkerung eine weitere Erklärung für die Abschottung des Landes, wirtschaftliche Probleme und die Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Konsumgütern und Lebensmitteln.

Dr. Christian Taaks ist Projektleiter Korea der FNF. Er lebt in Seoul.

Zusammen mit einem südkoreanischen Experten bemühte er sich am 27. Juli (in englischer Sprache) im Fernsehsender Arirang TV um eine Einschätzung der Lage, die Sie hier sehen können.

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Johann Ahlers
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