"Die Schulen hinken technisch und personell immer zwei Schritte hinterher."

Im Gespräch mit Chemielehrer Sven Störmer über die Digitalisierung der Schulen.

Meinung09.09.2016
"Eine Mischung aus „herkömmlichen“ und „neuem“ Unterricht wäre aus meiner Sicht der beste Weg."
"Eine Mischung aus „herkömmlichen“ und „neuem“ Unterricht wäre aus meiner Sicht der beste Weg."CC0 Public Domain pixabay.com/ Pily63/ bearbeitet

Digitale Medien in Schulen sind nützlich und notwendig. Das Schulsystem schafft es allerdings nicht Schritt zu halten, meint der Chemielehrer Sven Störmer. Wie man das ändern kann und warum er weiterhin für das dreigliedrige Schulsystem ist, freiheit.org hat mit ihm gesprochen.

Herr Störmer, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Lehrer an einem Gymnasium und sind dort auch Mitglied der erweiterten Schulleitung, wo sehen Sie aktuell die größten Hürden, deutsche Schulen in "SMARTschools" umzuwandeln?

Ich würde nicht so weit gehen, ausschließlich auf digitale Medien zu setzen. Aber sie bereichern die Schule enorm und sind nötig zur schnellen Informationsbeschaffung. Aber nur eine Mischung aus „herkömmlichen“ und „neuem“ Unterricht wäre aus meiner Sicht der beste Weg – genau wie bei der Ernährung: von allem etwas. Hierzu muss natürlich jede Schule in die Lage versetzt werden, digitale Medien zu nutzen. An der Ausstattung und Pflege hapert es in der schnelllebigen digitalen Welt sehr: Die Schulen hinken technisch und personell immer zwei Schritte hinterher. Die zweite große Hürde ist die Unsicherheit der Benutzer der digitalen Medien. Ich denke da an den Daten-, Jugendschutz, Lizenzbestimmungen, Recht am eigenen Bild, Urheberrecht usw. Aber auch der Umgang bei Funktionsstörungen will gelernt sein. Eine dritte große Hürde sehe ich beim Einhalten von Regeln durch die Gesellschaft allgemein. So verwundert es keinen, dass in jeder mir bekannten Hausordnung ein Verbot der Benutzung von mobilen Elektronikgeräten zu finden ist – in Zeiten von digital abzurufenden Stundenplänen nicht mehr zeitgemäß, aber leider nötig, da die Schüler eben auch viel unkontrollierbaren Unsinn mit den Geräten treiben wie „erwachsene“ Autofahrer mit dem Handy am Ohr auch.

Wie sehen Ihrer Meinung nach gute Lösungsansätze aus, um diesen Herausforderungen zu begegnen?

Ich stelle mir da eine Abwrackprämie für die Hardware vor, die nur von Schulen bzw. deren Träger genutzt werden könnte, damit die Schulen technisch Schritt halten können. Kooperationen mit der Wirtschaft und Betrieben sollten auch denkbar sein. Das einfachste für die Pflege wäre, die technischen Assistenten, die es ja mal an fast allen Schulen gegeben hat, wieder einzustellen! Alternativ könnten Firmen mit der Pflege der Computersysteme betraut werden. Die Bürokratie bei den Vergaben solcher Aufträge sollte sich aber in Grenzen halten. Weiterhin müssen natürlich Angebote für Fort- und Weiterbildung geschaffen werden. Im Endeffekt wird es uns Zeit und Geld kosten, aber bei den sprudelnden Steuereinnahmen und für die Ausbildung unserer Kinder sollte uns das nicht schwer fallen. Für die Erziehung der Kinder im sinnvollen Umgang mit den digitalen Medien müssen aus meiner Sicht die Eltern mehr Verantwortung übernehmen: das Handy beim Autofahren ausschalten, nicht jeden Blödsinn in den sozialen Netzwerken kommentieren, auf die Seriosität der geposteten Bilder achten und einfach einen sinnvollen Umgang mit den Geräten vorleben sowie Schulen bei ihrer Erziehungsarbeit unterstützen.

Sie sind Verfechter des mehrgliedrigen Schulsystems. Warum ist es so wichtig unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Kinder zu schaffen?

Die Antwort steckt ja schon in Ihrer Frage: Wir Menschen sind alle unterschiedlich, haben unterschiedlichste Talente und Begabungen, die erstmal erkannt und dann auch gefördert werden müssen und wir lernen natürlich auch unterschiedlich schnell. In einer Einheitsschule sind die starken Schüler schnell frustriert, da sie keine neuen Herausforderungen bekommen und schwache Schüler sind schnell überfordert, da sie keine geeigneten Förderungen bekommen. Diese beiden beobachtbaren Extreme korrelieren aus meiner Sicht mit den stark gestiegenen Mobbingfällen. Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft und in einer sehr spezialisierten Welt. Und um in der globalisierten Welt als rohstoffarmes Land bestehen zu können, müssen wir unseren bisherigen Wissensvorsprung sowohl in der beruflichen wie auch akademischen Bildung halten. Das geht nur mit unterschiedlichen, weiterführenden Schulen, also durch das mehrgliedrige Schulsystem, das sich jahrelang bewährt hat.

Sven Störmer

"Digitale Medien bereichern die Schule enorm."

Sven Störmer

Die Digitalisierung von Schulen ist nicht damit getan, dass Lehrern und Schülern Tablets in die Hand gedrückt werden, welche zusätzlichen Voraussetzungen müssen gewährleistet sein?

Hier sind aus meiner Sicht drei grundlegende Dinge von den verantwortlichen Bildungsministerien sicherzustellen:

1. Die Manpower für die Wartung und Pflege der Hard- und Software sowie der Internetauftritte der Schulen durch flächendeckende Einstellung von technischen Assistenten – kein mittelständisches Unternehmen kann es sich heute noch leisten, ohne entsprechenden Internetauftritt bzw. ohne Computer zu arbeiten. Für die Pflege schaffen sie eigene Vollzeitstellen bzw. sourcen out. An Schulen mit 1000 „Beschäftigten” hat eine Lehrperson neben ihrer Lehrtätigkeit ca.5 Schulstunden die Woche für die Pflege der ca. 100 Computer/Laptops/Tablets/ Beamer/Smart-, White-, Blackboards etc. Zeit. Für die Pflege der Homepage werden zur Zeit 2 Schulstunden pro Woche veranschlagt.

2. Die Lizenzsicherheit muss gewährleistet sein – es kommt oft zu Kompatibilitätsproblemen, da PC´s und Board´s an Schulen je nach Haushaltslage mit unterschiedlichen Softwarepaketen und unterschiedlichen Funktionen ausgestattet sind.

3. Es müssen Zeiträume geschaffen werden für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrerschaft.  

Schulen wird oft vorgeworfen zu theoretisch zu lehren. Wie gestalten Sie Ihren Schulunterricht möglichst praxisnah?

Als Chemielehrer habe ich es da sehr leicht, da chemische Prozesse unser Leben bestimmen, d.h. wir machen schon viele Schülerexperimente, sofern es die Sicherheitsbestimmungen zulassen. Bei zu großen Klassen oder bei zu gefährlichen Experimenten greife ich natürlich dann gern auf Medien im Netz zurück. Trotzdem ist die reale der digitalen Erfahrung stets vorzuziehen, da es einen größeren Lernerfolg gibt. Was prägt sich besser ein, als hergestellten Rotkohlsaft als Indikator oder seine selbst hergestellte Seife zu benutzen. Auch in der Mathematik kommt viel Alltag vor: Dreisatzrechnen im Supermarkt, Prozentrechnen bei Sonderangeboten, Anwendung der Strahlensätze oder Pythagoras beim Hausbau und Wahrscheinlichkeitsrechnung bei Glücksspielen usw. sind grundlegende Kulturgüter, um das Leben zu bestehen. Nichtsdestotrotz müssen auch die theoretischen Hintergründe betrachtet, Vokabeln gelernt, Verallgemeinerungen gebildet und Naturgesetze abgeleitet werden – daher ist dieser Vorwurf für allgemein bildende Schulen an den Haaren herbeigezogen: Auch beim Führerschein gibt es Theoriestunden und nicht nur Praxis!