#ClapforCrap
„Ironisch klatschen ist besser als ein frecher Spruch zurück.“

#ClapForCrap: Ann Cathrin, Du bist als Frau in einem Bereich unterwegs, der sehr stark männerdominiert ist. Begegnet Dir da nicht jeden Tag reichlich sexistischer Crap?

Ann Cathrin Riedel: Gute Frage, das könnte man vermuten. Aber eigentlich ist mir das bisher in diesem Themenfeld nur einmal passiert. Da musste ich mich von einem älteren Mann, der in der Vergangenheit irgendwann einmal irgendjemand Wichtiges war, dauernd unterbrechen und belehren lassen, obwohl der keine Ahnung vom Thema hatte. Er war aber ganz offensichtlich davon überzeugt, dass ich als junge Frau dazu überhaupt nichts zu sagen haben konnte.

#ClapForCrap: Was hast Du Dir in dem Augenblick gedacht?

Ann Cathrin Riedel: Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wichtig es ist, ein starkes Netzwerk zu haben. Zu wissen, dass ich alle Zuhörer auf meiner Seite habe, während sich der Mann um Kopf und Kragen geredet hat - das hat mir Stärke gegeben.

#ClapForCrap: Würdest Du sagen, Du bist eine geborene Netzwerkerin?

Ann Cathrin Riedel: Nein, auf keinen Fall. Ich musste das erst lernen. Ich hatte aber Glück, dass ich immer Menschen hatte, die mir geholfen haben und an mich geglaubt haben, wenn ich es selbst noch nicht getan habe. Die Zahl der weiblichen Vorbilder in dem Bereich, in dem ich unterwegs bin, war in der Vergangenheit überschaubar. Das muss sich ändern, um es den nächsten Generationen leichter zu machen. Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass man überall und zu allen Themen Frauen auch auf Podien sieht, die nicht versuchen, die besseren Männer zu sein. Ich nehme so gut wie jede Einladung an, und wenn ich dafür bis nach Hongkong fliegen muss, wie vor ein paar Tagen.

#ClapForCrap: Und Du meinst, das wirkt?

Ann Cathrin Riedel: Ich weiß es. Ein Beispiel: Seitdem ich Vorsitzende von LOAD geworden bin, sind immer mehr junge Frauen beigetreten, die vorher Respekt hatten vor dem, was sie von außen als Altherrenklub wahrgenommen haben. Zu Unrecht, wohlgemerkt. Aber die Wahrnehmung bestimmt das Handeln.

#ClapForCrap: Warum hast Du Dir überhaupt die Netzpolitik als Feld für Dein politisches Engagement ausgesucht? Es ist ja tatsächlich bis heute so, dass man Frauen eher in Bereichen wie Familienpolitik oder Sozialpolitik findet.

Ann Cathrin Riedel: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt überhaupt keine Gedanken gemacht. Mich hat das Thema Vorratsdatenspeicherung umgetrieben, das war der Auslöser. Ich mache allerdings auch nur ungern immer das, was andere von mir erwarten. Aber im Ernst: Netzpolitik ist ein Thema, dass Frauen mindestens genauso betrifft wie Männer. Und wenn Frauen sich an der Debatte nicht beteiligen, bleibt ihre Perspektive im Zweifel auch unberücksichtigt. Denn gerade im Netz haben Frauen durchaus mit Themen zu kämpfen, die Männer nicht unbedingt auf dem Schirm haben.

Wenn Frauen sich an der Debatte nicht beteiligen, bleibt ihre Perspektive im Zweifel auch unberücksichtigt.

Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel

#ClapForCrap: Zum Beispiel?

Ann Cathrin Riedel: Man hört doch eher selten, dass Frauen fremden Männern unaufgefordert Bilder ihrer primären Geschlechtsorgane schicken, oder? Aber das ist nur ein Thema unter vielen. Frauen werden auch viel häufiger Opfer von Doxing, also dem ungewollten Veröffentlichen privater Informationen. Und auch Hate Speech unterscheidet sich je nachdem, ob es gegen Männer oder gegen Frauen gerichtet ist. Frauen sind also nicht nur öfter, sondern vor allem auch anders von netzpolitischen Themen betroffen. Und deshalb brauchen wir auch mehr Frauen, die sich um dieses Politikfeld kümmern.

#ClapForCrap: Hört sich ein wenig so an, als ob Männer im Allgemeinen das Problem und Frauen die Lösung wären.

Ann Cathrin Riedel: Nein, so meine ich das auf gar keinen Fall. Ich hatte immer auch männliche Mentoren, die mir Türen geöffnet und mich mit ihrem Netzwerk bekannt gemacht haben. Und es gibt Frauen, gerade unter den etwas älteren, die anderen Frauen nicht das Schwarze unter den Nägeln gönnen. Wenn man bei denen anklopft und auf Unterstützung hofft, hört man dann Sätze wie „Mir hat auch niemand geholfen, ich musste mich auch nach oben kämpfen“. Das ist zwar in der Analyse sicher richtig, aber natürlich nicht besonders zukunftsweisend. Allerdings wird es bei den jüngeren Frauen schon deutlich besser, das freut mich sehr.

#ClapForCrap: Jetzt müssen wir doch noch einmal nachfragen. Welche Rolle siehst Du für die Männer?

Ann Cathrin Riedel: „Die Männer“ gibt es doch gar nicht. Es wird immer Typen geben, die sich nicht zu benehmen wissen und verbal oder sogar körperlich übergriffig werden. Von den Männern, die das unerträglich finden und selbst niemals so etwas tun würden, wünsche ich mir klare Kante in solchen Situationen. Gerade dann, wenn Menschen sich zu Wort melden, die nicht selbst betroffen sind, hat das doch gleich ein anderes Gewicht. Vor allem dort, wo es Machtverhältnisse gibt, die dazu einladen, ausgenutzt zu werden, ist Zivilcourage gefragt.

#ClapForCrap: Hast Du ein Beispiel? An welche Situation denkst Du gerade?

Ann Cathrin Riedel: Ich erinnere mich gut daran, wie es war, als ich während meiner Schul- und Studienzeit gekellnert habe. Nicht zum Spaß übrigens, sondern um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da kamen von älteren Herren immer wieder widerwärtige Sprüche. Aber ich habe mich nicht getraut, meine Chefs anzusprechen, weil ich davon ausgehen musste, dass diese sich eher auf die Seite ihrer Stammgäste stellen. Das wäre ein Beispiel, bei dem ich mir mehr Bewusstsein und Rückgrat von den Verantwortlichen wünsche, denn solche Fälle gibt es auch heute noch jeden Tag in Deutschland.

#ClapForCrap: Wie bist Du denn damals aus den Situationen rausgekommen? Reicht da nicht manchmal ein flotter Spruch zurück?

Ann Cathrin Riedel: Ja, das dachte ich früher auch. Aber erstens fällt einem in solchen Situationen nicht immer etwas Kluges ein. Und zweitens halte ich das inzwischen auch für falsch. Denn wenn man mit einem frechen Spruch zurückantwortet, tut man selbst so, als ob das lustig gewesen wäre. Das reicht aber nicht.

#ClapForCrap: Also einfach #clapforcrap?

Ann Cathrin Riedel: Da würde ich tatsächlich gerne die Gesichter von den Herrschaften sehen, wenn sie vor allen Leuten ironisch weggeklatscht werden. Auf jeden Fall sollte man aber dafür sorgen, dass eine Situation entsteht, in der der Gegenüber versteht, dass er zu weit gegangen ist und es vielleicht auch für ihn ein kleines bisschen unangenehm wird – und nicht mehr für die junge Frau. Das kann man durch Klatschen erreichen, oder – wenn man sich dafür sicher genug fühlt – mit einer ganz ernsthaften Ansprache.

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