Christian Lindner und seine Rede zur Freiheit

"Eine Einladung zur Reflektion"

Nachricht30.05.2017Julia Kranz
Christian Lindner hält 11. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor
"Der Liberalismus ist keine Religion, sondern eine Einladung", sagt Christian Lindner in der 11. Berliner Rede am Brandenburger Tor.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Weiße adidas-Sneaker, Blue Jeans, vor sich auf der rot-weiß-karierten Papiertischdecke ein mit Kuli wild bekritzelter Zettel. Das Bild, das eine Mindmap zeigt, twittert Lindner noch mittags aus dem Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Mit den Worten: „Schreibtisch vor die Tür verlegt: letztes Schleifen an Rede zur Freiheit“. 31 Grad – endlich Sommer in Berlin.

Schon um 19 Uhr am selben Abend will sich der Bundesvorsitzende der FDP in die elfjährige Stiftungs-Tradition der Redner zur Freiheit am Brandenburger Tor einreihen. Die Versuche der Follower in den sozialen Netzwerken die stichpunktartige Ideenskizze in den verbleibenden vier Stunden zu decodieren, zeigt, mit welcher Spannung die Rede erwartet wird.

"Schreibtisch vor die Tür verlegt"

Szenenwechsel. Wer geglaubt hatte, der Dresscode bei der Hitze hieße eher T-Shirt statt Hemd – in Anspielung auf das Video, das den 38-Jährigen in seinem Sportzeug beim täglichen Politik-Marathon zeigt, hatte sich geirrt. Als Christian Lindner kurz nach Sieben die Bühne in der proppenvollen Allianz-Forum betritt - blauer Anzug, Hemd, Krawatte - ist auch das Setting ein anderes. Lindner spricht frei, verzichtet aber kurzerhand nicht wie sonst häufig auf das Rednerpult.

Hemdsärmelig ist auch nicht die Begrüßung Wolfgang Gerhardts. Im Gegenteil. „Wir machen uns keine Illusionen, dass viele Menschen in ihrer Komfortzone das Thema Freiheit als selbstverständlich wahrnehmen. Irgendwie fühlen sich doch alle liberal. Wenn es aber ernst wird, es um den Schutz von Minderheiten geht, um neue Entwicklungen, dann wird es bei den Meisten doch etwas kritisch“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung für die Freiheit. Und empfiehlt, Lindner jetzt live und in Farbe zu erleben.

Briefing: Keine Wahlkampfrede, nicht länger als 45 Minuten

Und der nimmt die Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verbänden wie auch die zahlreich erschienenen Freunde der Stiftung gedanklich zunächst mit zum Rathaus Schöneberg, „ein bis heute bedeutendes Dokument transatlantischer Partnerschaft“. Mit der Erinnerung an den heute vor hundert Jahren geborene John F. Kennedy und sein berühmtes Zitat: „Ich bin ein Berliner“, spannt Lindner den Bogen zur aktuellen Tagespolitik. Nach dem G7-Gipfel mit US-Präsident Trump warnt Lindner vor einer Entfremdung zu den USA. „Ein einziger Präsident gefährdet nicht unsere Freundschaft, die Stärkung Europas darf kein Gegenmodell zur transatlantischen Partnerschaft darstellen.“

Liberalismus – eine Einladung zur Reflektion

Dann erst wendet sich Lindner, der auch Kuratoriumsmitglied der Stiftung für die Freiheit ist, augenzwinkernd an Gerhardt. „Das Briefing, das ich zur Vorbereitung auf die Rede erhalten habe, hieß: keine Wahlkampfrede, nicht länger als 45 Minuten. Heute ist also ein Genrewechsel von mir gefragt: eine Grundierung liberaler Politik vorzunehmen. Darüber nachdenken zu dürfen, bin ich Ihnen als Anstifter dieser Redner-Tradition, dankbar!“  

Christian Lindners Rede zur Freiheit auf youtube

Die wiederkehrenden liberalen Themen, die Entfesselung der Ökonomie, die Ermutigung des leistungsbereiten Einzelnen oder das freiheitliche Lebensgefühl, erklärt Lindner an Beispielen. Liberalismus heiße immer auch Dialog, zudem sei Liberalismus eine Einladung zum Nachdenken. Mit dem Ziel, Menschen immer wieder aufs Neue die Chance zu geben, ihren eigenen Lebensentwurf zu gestalten.

Christian Lindner

Dass mehr Menschen bessere Lebensläufe schreiben können und mehr Chancen erhalten diese zu verwirklichen, ist Intention liberaler Politik.

Christian Lindner

Fleiß, Talent und Risikobereitschaft müssen einen Unterschied machen

Ein Schlüsselthema ist für Lindner dabei Bildung. „Warum diskutieren wir nicht mit Intensität, warum Deutschland nicht auch bei Bildungsinvestitionen zu den Spitzenreitern gehört?“ Lindner will den Menschen keine Schablonen vorgeben, sondern ihnen ermöglichen, ihre individuellen Lebensentwürfe zu verwirklichen. „Fleiß, Talent und Risikobereitschaft müssen einen Unterschied machen dürfen. Vielfalt ist geradezu notwendig.“ Eine soziale Absicherung des Einzelnen sei dabei aber immer die Basis, „deshalb das Plädoyer für einen Sozialstaat, wo Menschen vorangehen, die sich ihren Wohlstand erarbeiten.“

Wie auch in den Jahren zuvor waren die Karten für die beliebte Veranstaltung im Nullkommanichts vergriffen. Auch in diesem Jahr verfolgten zahlreiche Menschen die Rede via freiheit.org oder auf dem Facebook-Profil der Stiftung im Livestream. Erstmals neu: das Hamburger Büro der Stiftung für die Freiheit organisierte ein Public Viewing für alle Interessierten, die nicht vor Ort am Brandenburger Tor sein konnten. Auch in den sozialen Netzwerken wurde unter dem Hashtag #RzF17 viel getwittert.

Seit 2007 leisten Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft oder Kultur in den Reden zur Freiheit ihren gewichtigen Beitrag zum Freiheitsdiskurs. Bisherige Redner der jährlich im Frühjahr am Brandenburger Tor stattfindenden Stiftungs-Veranstaltung sind Udo di Fabio, Heinrich August Winkler, Joachim Gauck, Paul Nolte, Peter Sloterdijk, Karl Kardinal Lehmann, Gabor Steingart, Mark Rutte, Zhanna Nemzowa und Ryszard Petru. Weitere Informationen, alle Videos und Artikel der Reden gibt es auf der Themenseite.

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Grußwort von Wolfgang Gerhardt
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