Chinesischer Feiertag
Zwei ungleiche Geschwister feiern Geburtstag

Die Volksrepublik China und die Republik China, also Taiwan, verbindet viel. Doch in manchen Bereichen könnten sie kaum unterschiedlicher sein.
links Peking, rechts Taipeh
links Peking, rechts Taipeh

Auf den meisten Weltkarten gibt es heute zwei Chinas – eine Volksrepublik mit Peking als Hauptstadt und eine Republik mit Taipeh als Hauptstadt. Die beiden Geschwister verbindet viel mehr als nur ihr „Nachname“, zum Beispiel ihre Sprache und ihre Geschichte. In anderen Bereichen, etwa ihr politisches System - könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Der Blick in die Zukunft lässt eher weitere Entfremdung erwarten als baldige Harmonie.

Gibt es zwei Chinas? Wenn ja, warum? Die chinesische Bezeichnung für das Land China bedeutet „Reich der Mitte“ - eine reichlich unspezifische Beschreibung. Sie signalisiert allerdings einen gewissen Anspruch auf den eigenen Platz in der Welt. Schließlich liegt das Gelbe vom Ei bekanntlich in der Mitte. Wo aber China anfängt und wo es aufhört, darüber sind sich Peking und Taipeh nicht einig.

Bürgerkrieg bis heute nicht formal beendet

Fakt ist, dass es im Oktober zwei Nationalfeiertage gibt: Die Volksrepublik feiert am 1.10., die Republik am 10.10. An beiden Tagen erinnert man sich an eine Revolution, an einen Neubeginn. Am 10. Oktober 1911 gab es in Wuchang, nahe der Stadt Wuhan, einen erfolgreichen Aufstand gegen das Kaiserreich. In der Folge wurde die Republik China ausgerufen. Knapp 38 Jahre später, nämlich am 1. Oktober 1949, wurde erneut ein politisches System von einem anderen abgelöst: Mao Zedong rief auf dem Tiananmen Platz die Volksrepublik aus. Seine Kommunisten hatten einen langen und harten Bürgerkrieg gegen die Vertreter der Republik gewonnen, gegen die Guomindang. Aber anders als bei der Revolution von 1911 wurde dieses Mal das alte Regime, die Republik der Guomindang, nicht ausgelöscht. 1949 flohen die Guomindang auf die Insel Taiwan und erklärten Taipeh zur temporären Hauptstadt der Republik China. Auf der Insel lebten ab 1949 die alten Eliten Chinas, angeführt von Chiang Kai-shek, sowie etwa zwei Millionen Zivilist:innen und Soldaten, die mit nach Taiwan geflohen waren. Von Taipeh aus wollte Chiang Kai-shek die Rückeroberung des Festlandes organisieren. Der chinesische Bürgerkrieg ist formal bis heute nicht beendet. Es gibt keinen Friedensvertrag oder ähnliches. Beide Seiten sahen die Anderen als abtrünnig an, und beide hielten den ihren für den einzigen legitimen chinesischen Staat. Taipeh hat seinen Anspruch auf das Festland mit der Abschaffung seiner Nationalversammlung 1994 de facto aufgegeben. Ganz anders sieht es in Peking aus: Der Staatspräsident Xi drohte Taiwan in seiner Neujahresansprache 2019 ganz offen damit, dass es keine Alternative zur Wiedervereinigung mit dem Festland gäbe. Er schloss die Anwendung von Gewalt zu diesem Zweck ganz explizit nicht aus.

Wechsel der internationalen Anerkennung

Zunächst wurde Chiang Kai-sheks Republik von der internationalen Gemeinschaft als „China“ anerkannt, samt Vertretung in den UN Organisationen und im Weltsicherheitsrat. Pekings Kommunisten waren nicht vertreten. Das änderte sich im Jahr 1971, als die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschloss, fortan die Vertreter*innen aus Peking, also die der Volksrepublik, als legitime Vertretung Chinas anzuerkennen. Zudem zog die „Ein-China-Politik“ ein: die Staaten der Welt mussten sich für diplomatische Beziehungen mit nur einem China entscheiden, also entweder mit der Volksrepublik oder mit der Republik. Fast alle Staaten entschieden sich für Pekings Volksrepublik. Taipehs Republik China darf nicht mehr Mitglied der Vereinten Nationen sein.

Trotzdem verlief die wirtschaftliche Entwicklung der Republik China rasant. Taiwan schaffte den Sprung von einem Empfänger US-amerikanischer Hilfe zu einem der Tigerstaaten Asiens, die durch eine freie, offene Wirtschaft den Sprung von der dritten Welt zu einem Industriestaat schafften. Politisch war Taiwan damals nicht frei. Es galt Kriegsrecht, es gab weder freie Wahlen noch Bürger- oder Freiheitsrechte. Diese Zeit ist als „Weißer Terror“ bekannt. Zehntausende Menschen wurden für ihre tatsächliche oder unterstellte Opposition zum Regime verschleppt und erschossen. 1987 wurde das Kriegsrecht in den meisten Teilen Taiwans aufgehoben. Es folgte ein eigenständiger, weitestgehend friedlicher Wandel zur Demokratie. 1991 fanden die ersten freien Wahlen statt. Heute ist Taiwan eine erwachsene, lebendige, liberale Demokratie. Zivilgesellschaftliche Proteste wie die „Sonnenblumenbewegung" im Jahr 2014 können die Politik der Regierung beeinflussen. So überrascht es nicht, dass Taiwan im Freedom House Index 93 von 100 Punkten erreicht – einen weniger als Deutschland, drei mehr als Frankreich. Taiwan zeigt, dass chinesische Kultur, Demokratie und freie Wirtschaft sehr wohl zusammenpassen. 

Peking: nur wirtschaftliche Reform

Die Volksrepublik und ihre Führung in Peking wurde nach 1949 zunächst vom Westen ignoriert und sanktioniert – niemand wollte einen weiteren, kommunistischen Flächenstaat. Das Land war nach japanischer Besatzung, nach dem zweiten Weltkrieg und nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg am Boden. Die Kommunisten organisierten die Wirtschaft nachdem sowjetischen Vorbild der Planwirtschaft. Um die Transformation zum Kommunismus schneller abzuschließen, rief Mao Massenkampagnen wie den „Großen Sprung nach vorne" aus. Maos Politik resultierte in einer riesigen Hungersnot und im Tod von schätzungsweise 30 Millionen Menschen. Erst die „Reform und Öffnungspolitik" unter Deng Xiaoping brachte ab den 80er Jahren eine substanzielle Verbesserung der materiellen Lage der chinesischen Bevölkerung. Die Wirtschaft wuchs und wuchs. Auf dieser Basis entwickelte sich die Volksrepublik zu der globalen Wirtschaftsmacht, die sie heute ist. Allerdings versucht das aktuelle Regime in Peking eher wieder, die Zeit zurück zu drehen und wirtschaftliche Freiheiten zu beschneiden. Politisch gab und gibt es de facto keine Freiheit in der Volksrepublik: keine freien Wahlen, keine Meinungs-, keine Versammlungsfreiheit. All das forderten 1989 Hunderttausende auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens. Die Führung der Volksrepublik räumte den Platz mit Waffengewalt, tausende Demonstrant*innen starben, die Demokratiebewegung wurde im wahrsten Sinne des Wortes überrollt. Während einer Europareise sagte Präsident Xi Jinping 2014, China habe mit verschiedenen politischen Systemen experimentiert. Aber keines außer dem aktuellen habe funktioniert. Dazu passen die Stimmen, die Demokratie samt individuellen Menschenrechten als ein westliches und damit für China nicht geeignetes Konzept abtun. Dabei war die politische Großwetterlage nicht immer so – im Jahr 2006 veröffentlichte Yu Keping, seines Zeichens immerhin Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas und Professor an der Peking Universität, einen Essay mit dem Titel „Demokratie ist eine gute Sache". Heute, im Jahr 2020, erreicht die VR China auf dem Freedom House Index gerade einmal 10 von 100 Punkten. 

Volksrepublik und Republik: beide sind Ergebnis eines Umsturzes und einer Revolution. Beide nennen sich China, beide wollen es besser machen als das vorhergegangene Regime. Mit gemeinsamer Sprache und Kultur sowie mit gemeinsamer, früherer Geschichte scheinen sie viel gemein zu haben. Doch heutzutage, wenn beide ihre unterschiedlichen Nationalfeiertage begehen, haben die beiden Geschwister sich arg auseinandergelebt.