Cancel Culture
Nur Nuhr? Oder mehr?

Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist tatsächlich in Gefahr. Ausgerechnet das Verhalten der renommierten Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beweist es. Oder doch nicht?
Dieter Fuhr
Dieter Nuhr bei einem Live-Auftritt im August 2020 © picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

In den letzten Tagen spielte sich in der Öffentlichkeit ein merkwürdiges kleines Drama ab, und zwar in drei Akten:

  1. Erster Akt

    Die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) hatte aus Anlass eines stolzen Jubiläums zahlreiche Persönlichkeiten eingeladen, sich auf ihrer Website zur Wissenschaft zu äußern, darunter auch den Kabarettisten Dieter Nuhr. Er nahm die Einladung an. Sein Statement lautete - im Kern zusammengefasst: Auch die Wissenschaft ist fehlbar, aber sie ist der beste Weg der Erkenntnis, den wir haben. Das Statement war im Geiste des Kritischen Rationalismus von Karl Popper verfasst: Wissenschaft als steter Versuch, Hypothesen aufzustellen und zu revidieren, wenn die Realität ihnen widerspricht. Die DFG bedankte sich bei Nuhr für sein "wunderbares Statement" und die "Erklärung der Wissenschaft".

     

  2. Zweiter Akt

    Es folgte nach Veröffentlichung ein Shitstorm gegen die Person Dieter Nuhr als Kommentator der Wissenschaft für die DFG. Er wurde beschimpft als jemand, der von Wissenschaft nichts verstehe. Eindeutiger Hintergrund war, dass er in seinen Kabarettprogrammen, wo es des Öfteren um Wissenschaft geht, vor einem überhöhten Wahrheitsanspruch der Forschung in allen Bereichen warnt, auch in der Klimapolitik. Insbesondere nimmt er die „Fridays for Future“-Bewegung und ihre Protagonistin Greta Thunberg von seiner satirischen Betrachtung nicht aus, was ihm schon seit Längerem scharfe Kritik von der politischen Linken einbringt.
     

  3. Dritter Akt

    Die DFG nahm daraufhin Nuhrs Statement von ihrer Website – als Reaktion auf den Shitstorm. Ihre explizite Begründung gegenüber der „Community“ lautete, dass sie die vielen Kommentare und Hinweise ernst nehme und deshalb den Beitrag von Nuhr entferne. Als es dafür dann von anderer Seite Kritik im Netz hagelte, bot die DFG Dieter Nuhr an, das Statement doch wieder auf die Website zu setzen, aber versehen mit einem distanzierenden Kommentar. Das lehnte der Kabarettist ab und begründete dies ausführlich (und überzeugend) auf Facebook. Insbesondere hab er hervor, dass er – als Kabarettist der aufgeklärten Mitte – weder das rechte noch das linke politische Spektrum schone, aber stets für die Wissenschaft einstehe.

     

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Soweit der Vorgang, Stand Donnerstag, 6. August 2020, Dienstbeginn. Ginge es nicht um eine so wichtige Sache wie die Wissenschaft, könnte man die Angelegenheit als Posse abtun: Eine angesehene Organisation der Wissenschaft schleicht sich verstohlen aus einer heiklen Situation, die „politisch heiß“ wird. Dahinter steckt allerdings viel mehr: Es ist hierzulande ein erster spektakulärer Erfolg der „Cancel Culture“, die in den USA und Großbritannien längst grassiert. Man muss nur ordentlich diffamierenden Lärm machen, um ungeliebte Meinungen zum Schweigen zu bringen – zu „canceln“. Dies gelingt vorzüglich. Der Mechanismus ist perfide: Die Verantwortlichen – hier die angesehene DFG – geben dann dem Druck nach, um den tadellosen Ruf ihrer Organisation zu schützen, wie die DFG in naiver Scheinheiligkeit gegenüber Dieter Nuhr zum Ausdruck brachte.

Noch schlimmer ist die Langzweitwirkung des Vorgangs. In Zukunft werden sich andere in analoger Situation in vorauseilendem Gehorsam davor hüten, eine Persönlichkeit wie Dieter Nuhr überhaupt zu irgendetwas einzuladen. Einfach zu gefährlich! Bringt zu viel Ärger! Und schon ist das Ziel erreicht, einen individualistischen Kabarettisten möglichst mundtot zu machen – und natürlich dabei „in die rechte Ecke zu schieben“.

Man braucht kein Freund es liberalen Pathos zu sein, um eines vorauszusagen: Dieser Weg wird die Meinungsfreiheit zerstören. Und das ganz ohne Zutun einer staatlichen Meinungslenkung und -kontrolle, wie sie Erdogan, Orbán oder Putin in ihren Ländern betreiben. Die Angst der Verantwortlichen vor der Shitstorm-Meute genügt zur Selbstdisziplinierung des freien bürgerlichen Diskurses. Genauso wie in längst vergangen geglaubten Zeiten weiß dann jeder, wer und was nicht mehr kritisiert werden darf. Damals – vor der Aufklärung durch große freiheitliche Geister wie Kant und Voltaire – waren es Christentum und Kirche, die man besser nicht aufs argumentative Korn nahm. Heute sind es offenbar andere Bereiche, die von selbst ernannten Wächtern der wahren Erkenntnis und richtigen Politik mit den Waffen der Diffamierung abgeschirmt werden.

Soweit meine Zwischenbilanz zur Causa Nuhr oder, sagen wir präziser, der Causa DFG. Wohlgemerkt: Stand Donnerstag, 6. August 2020, Dienstbeginn. Doch halt: Das Drama und damit auch meine Deutung hat einen Epilog - Stand 7. August 2020. Die DFG hat nämlich inzwischen von sich aus den Beitrag auf ihre Website genommen, und zwar mit folgendem Begleittext:

Die DFG bedauert es ausdrücklich, das Statement von Dieter Nuhr vorschnell von der Internetseite der Online-Aktion #fürdasWissen heruntergenommen zu haben. Herr Nuhr ist eine Person, die mitten in unserer Gesellschaft steht und sich zu Wissenschaft und rationalem Diskurs bekennt. Auch wenn seine Pointiertheit als Satiriker für manchen irritierend sein mag, so ist gerade eine Institution wie die DFG der Freiheit des Denkens auf Basis der Aufklärung verpflichtet. Wir haben den Beitrag daher wiederaufgenommen. Die Diskussion um den Beitrag verdeutlicht exemplarisch die Entwicklungen, die aktuell viele öffentliche Diskussionen um die Wissenschaft kennzeichnen.

In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen. Gerade bei zentralen Fragen wie dem Klimawandel oder der Coronavirus-Pandemie werden damit die wirklich notwendige Diskussion um wissenschaftliche Themen und der konstruktive Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft behindert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse öffentlich machen und politische Handlungsoptionen beschreiben, sind immer häufiger Ziel unsachlicher Attacken und persönlicher Diffamierungen. Dies gilt auch für gesellschaftliche Bewegungen, die für die Wissenschaft eintreten und öffentlich dazu aufrufen, wissenschaftliche Erkenntnisse stärker zur Basis von Entscheidungen und Handlungen zu machen.

Diese Entwicklungen sind der Gesellschaft nicht zuträglich und umso bedenklicher, als die Wissenschaft bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen eine zentrale Rolle spielt, mit der sie derzeit in der Gesellschaft stark wahrgenommen und geschätzt wird. Dabei ist sie ihrerseits auf eine kritische, offene und konstruktive Kommunikationskultur angewiesen.

Die DFG möchte diese Beobachtungen zum Anlass nehmen, eine intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen Debattenkultur rund um die Wissenschaft anzustoßen. Die DFG steht für Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit sowie für eine differenzierte Diskussionskultur. Hierfür wird sie sich auch in Zukunft weiter mit aller Kraft einsetzen – gemeinsam mit anderen Akteuren aus Wissenschaft, Medien, Politik und anderen Bereichen der Gesellschaft im In- und Ausland.

An meiner Deutung nehme ich natürlich nichts zurück, aber ich füge etwas hinzu: Die DFG hat Lernfähigkeit bewiesen und sich dann doch nach merkwürdigen und peinlichen Windungen auf die Seite der Meinungsfreiheit gestellt. Dort gehört sie auch hin. Respekt! Hoffentlich hat das Beispiel eine ermunternde Wirkung - auf all jene verantwortlichen Entscheidungsträger im öffentlichen Raum, die vor der Wahl stehen, Mut zur offenen Diskussion zu zeigen oder dem Zeitgeist die duckmäuserische Reverenz zu erweisen.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
Jordi Razum
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