Bildung

Bürger, lasst das Glotzen sein...

Bildung als Staatsbürgerpflicht

Meinung02.08.2018Thomas Volkmann
Wilhelm Busch
Lehrer LämpelWilhelm Busch

Dieser Artikel ist eine Eröffentlichung aus der neuen Ausgabe "liberal - Das Magazin für die Freiheit", die am Freitag, den 29. Juni 2018 mit dem Titel "Kleiner Mensch, große Zukunft?" im Print, online und als App erschienen ist.

„Also lautet ein Beschluß: / Daß der Mensch was lernen muß. / Nicht allein das Abc / Bringt den Menschen in die Höh; / Nicht allein im Schreiben, Lesen / Übt sich ein vernünftig Wesen; / Nicht allein in Rechnungssachen / Soll der Mensch sich Mühe machen,; / Sondern auch der Weisheit Lehren / Muß man mit Vergnügen hören.“

Vor mehr als 150 Jahren schrieb Wilhelm Busch diese Zeilen. Max und Moritz heißen heute allerdings eher Kevin und Chantal. Es führt ein langer Weg von „Lehrer Lämpel“ zu „Fack Ju Göhte“. Und es ist auch durchaus wahrscheinlich, dass die Kids von heute eher sämtliche Darsteller des „Göhte-Films“ benennen können, als dass sie wüssten, wer Wilhelm Busch war.

Die Frage, was ein Bildungsbürger wissen sollte, hat Generationen von klugen Menschen beschäftigt. Die aktuell bedeutsamen Fragen gehen allerdings viel weiter: Digitalisierung, Automatisierung, technologischer Fortschritt, eine sich immer rasanter wandelnde Medien- und Kommunikationslandschaft, die Auflösung hergebrachter gesellschaftlicher Milieus, die zunehmende Spontaneität im Entstehen sozialer Bindungen in interessengeleiteten temporären Allianzen erfordern eine neue Idee von Bildung. In einer Zeit, in der ein Mensch seine Lebenschancen nicht mehr dadurch ausschöpft, dass er sich nach dem Schulabschluss für einen Berufsweg entscheidet, wird es Zeit für die nächste Stufe der Aufklärung.

Die Entzauberung der Welt, wie es Max Weber genannt hat, schreitet voran. Mysterien findet man heute eher in Netflix-Serien als in Kirchen; die kleine Dosis Metaphysik und Transzendenz holt man sich zwischendurch bei Filmen wie „Herr der Ringe“ oder der TV-Serie „Game of Thrones“. Die Rolle der Götter bei Gewittern wird inzwischen realistisch eingeschätzt, ebenso wie übersinnliche Einflüsse auf unser Leben. Glaube wird eher zum gesellschaftlichen, Gemeinschaft stiftenden Faktor. Die Wissenschaften entschlüsseln ein Rätsel nach dem anderen. Um damit umgehen zu können, ohne zu verzweifeln, muss man nicht zum Anhänger Friedrich Nietzsches werden. Der Schlüssel heißt: Bildung.

Bildung für die Arbeitswelt

Die Bestimmung von Bildung ausschließlich als Befähigung zur Ausübung des Berufs ist mit der neuen Arbeitswelt nicht kompatibel. Der Erwerb eines Arsenals von „professional skills“ befähigt in der Tat dazu, genau diese Tätigkeit optimal auszuüben. Das ist Handwerk. Und es ist ein Relikt aus dem industriellen Zeitalter, in dem der Sohn, wie der Vater, zur Zeche ging oder Klempner wurde, oder Maschinenbauer oder Bäcker, Schreiner oder ähnliches.

Früher lernte der Mensch, um in der Arbeitswelt bestehen zu können. Arbeit war der zentrale Lebensinhalt. Der Rest an Bildung kam so dazu, in der Freizeit, durch die Volkshochschule, oder durch Lesen, wenn Zeit dazu blieb. 

In vielen Bereichen ist der Mensch heute vom Handwerker zum Prozesssteuerer geworden, der die mechanischen Arbeitsprozesse nicht mehr selbst vornimmt, sondern ihre Erledigung durch Maschinen im automatisierten Verfahren kontrolliert. Automatisierung, Robotik, der Einsatz künstlicher Intelligenz verändern die Arbeitswelt mehr, als es die Maschinenstürmer im 19. Jahrhundert ahnen konnten. Und es wird noch viel mehr werden – man schaue sich nur einen Youtube-Clip der Firma Boston Dynamics an, dann weiß man, wohin der Weg geht.

Ob sich der Mensch vor diesem Hintergrund weiterhin über seinen Beruf, seine Arbeit definieren wird, darf bezweifelt werden. Aber ist das schlimm? Jack Ma, Gründer der Internet-Plattform Alibaba, sagt ganz klar: Nein! Die Automatisierung der Arbeitswelt biete Chancen, die man nutzen sollte. Seine Empfehlung weist in eine interessante Richtung: Wenn Maschinen große Teile der bisherigen Arbeit übernehmen, bleibt Zeit, das zu lernen, was uns eben von Maschinen unterscheidet.

Bildung und Lebenswelt

Zurück zu Lehrer Lämpel: Wenn Jack Mas Prämisse stimmt – und man sollte sie ernst nehmen –, dann gilt es, bei den Kindern damit anzufangen. Zum einen müssen sich dann die Bildungserfordernisse für die Vorbereitung auf die Arbeitswelt ändern. Die Schule muss die jungen Menschen befähigen, bewusst und gezielt, mit starkem theoretischem Hintergrundwissen und ausgestattet mit der Fähigkeit, Wissen und Fertigkeiten zu erwerben, einen Beruf anzustreben. Aber hier kann massiv „entschlackt“ werden, sowohl bei den Lehrplänen als auch bei den schulischen Zusatzangeboten, die weit über Schulchor oder Sport-AG hinausgehen sollten.

In der modernen Arbeitswelt werden Maschinen die Produktionsprozesse übernehmen. Das schafft Raum. Es muss nicht bedeuten, dass Kevin und Chantal ihre Tage bei Youtube oder in virtuellen Welten verbringen. Wolf-Dieter Hasenclever hat es in der vergangenen Ausgabe von liberal angerissen: Persönlichkeitsbildung und Bildung zu Innovationsfähigkeit und nachhaltiger Entwicklung müssen Leitgedanken für Bildung, Ausbildung und Weiterbildung sein.

Die im Zuge neuer Entwicklungen mögliche Entkoppelung von Arbeitswelt und Lebenswelt ist nicht Marx später Sieg – sie ist die Grundlage des modernen staatsbürgerlichen Lebens. Ziel ist die schon von Friedrich Naumann initiierte „Staatsbürgerschule“ in heutiger Definition. Es geht darum, die Voraussetzungen der Freiheit ins Bewusstsein zu bringen, lebendig zu halten und gegen Gefährdungen zu immunisieren. Dies setzt Fähigkeiten voraus, die in der schönen neuen Medienwelt gefährdet sind: zum Beispiel eigene Kreativität (statt „Teilen“ und „Liken“), kritisches Denken (statt Rückgriff auf Wikipedia oder Echokammern), kommunikative, rhetorische Kompetenz (statt Verknappung auf 140 Zeichen und „I bims“), Fähigkeit zur Zusammenarbeit (statt digitalem Eskapismus).

Gerade Liberale verweisen immer darauf, dass Freiheit, im Geflecht mit Verantwortung, immer eine Herausforderung für den Einzelnen ist. Ihre Wahrnehmung, ihre Durchsetzung, ihre Verteidigung erfordern Charaktereigenschaften, die herangebildet werden müssen, im doppelten Wortsinn. Aufgabe der politischen, der staatsbürgerlichen Bildung muss es sein, den Menschen zu befähigen, die Komplexität der modernen Lebenswelt nicht nur zu erkennen und zu durchblicken, sondern auch zu bewältigen. Das erfordert, neben Grundkenntnissen in Naturwissenschaften und Informatik, vor allem tief greifende Kenntnisse über gesellschaftliche und politische Zusammenhänge, Sprachkenntnisse, kulturelle Kompetenzen oder internationale Ausrichtung.

Bildung und Nachwelt

Die Bedeutung einer mehr als ausreichenden staatsbürgerlichen Bildung geht über die Jetzt-Zeit hinaus. Die großen Umwälzungen, beispielsweise der Arbeitswelt, aber auch im Gefüge der sozialen Systeme, bedingen, dass man sich jetzt damit beschäftigt. Es darf keine Lücke in der intellektuellen Bewältigung der aktuellen Veränderungsprozesse entstehen, die die Nachkommen überfordern würde. Denn dass die Komplexität der Welt zukünftig geringer wird – damit sollten Kevin und Chantal besser nicht rechnen.

Thomas Volkmann ist Mitglied der Redaktion, stellv. Leiter des Liberalen Institus, Politikwissenschaftler, Vater zweier erwachsener Töchter und daher Anhänger lebenslangen Lernens und guter Bildung. Liest lieber Texte als Tweets und lieber E-Books als Facebook.