Bildungsmonitor
Nicht für die Schule lernen wir – zur ökonomischen Bildung

Justus Lenz erklärt, warum ökonomische Bildung ein wichtiger Impuls für Chancengerechtigkeit ist
Klassenzimmer
Symbolbild © picture alliance/Nicolas Armer/dpa

Aktuell ist es um die ökonomische Bildung an deutschen Schulen eher schlecht bestellt. Ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft an allen weiterführenden Schulen in Deutschland sucht man vergebens. In manchen Bundesländern gibt es zwar Wirtschaftsunterricht, meist in Mischfächern wie Politik-Wirtschaft in Niedersachsen oder Wirtschaft und Recht in Bayern. Aber für viele Schüler beschränkt sich die schulische Behandlung wirtschaftlicher Themen auf das, was in Fächern wie Erdkunde oder Geschichte vorkommt.

Dort werden wirtschaftliche Themen zwangsläufig unsystematisch behandelt, oft auf Basis von Lehrbüchern mit marktskeptischen Untertönen (so die Ergebnisse einer deutschlandweiten Schulbuchstudie).

Daher ist es nicht verwunderlich, dass es auch beim wirtschaftlichen Wissen Mängel gibt. So konnten zwar laut Jugendstudie 2018 des deutschen Bankenverbandes 79 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen erklären, was eine Aktie ist. Aber nur 47 Prozent wussten, was der Begriff Rendite bedeutet. Dabei ist eine fundierte ökonomische Grundlagenbildung essentiell für mündige Bürger und ein wichtiger Bestandteil von Chancengerechtigkeit. Zum einen geht es um praktisches Wissen: Welche Versicherungen brauche ich? Wie funktionieren Zinsen? Welche Möglichkeiten gibt es bei der Berufswahl? Zum anderen aber auch um grundlegende Fragen wie die Funktionsweise von Märkten oder die Rolle von Zentralbanken. Damit ist ökonomische Bildung auch ein wichtiger Beitrag zur politischen Teilhabe, da wirtschaftliche Themen bei vielen politischen Fragen eine Rolle spielen.

Im von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herausgegebenen Bildungsmonitor wird die Studienlage zum Thema ökonomische Bildung in Deutschland zusammengefasst und festgehalten, dass es „größere Lücken in den ökonomischen und finanziellen Kompetenzen der Bevölkerung“ gebe. Dabei bestehe ein „sehr enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schüler oder befragten jungen Erwachsenen und den Kompetenzen in finanzieller Bildung“. Die Experten des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln empfehlen deswegen, bundesweit ein Schulfach Wirtschaft einzuführen und die Lehreraus- und Weiterbildung für dieses neue Fach anzupassen. Zudem sollte die Berufsorientierung ein wichtiger Bestandteil des neuen Fachs sein, um Jugendliche hier besser vorzubereiten und zu unterstützen.

Wider die ökonomische Unmündigkeit

Wenn in Deutschland über ökonomische Bildung diskutiert wird, bleibt der Vorwurf meist nicht aus, Schüler sollten von der „Wirtschaft“ indoktriniert werden. Dabei soll es im Schulfach Wirtschaft explizit um wissenschaftlich fundierte ökonomische Grundlagenbildung gehen. Der Vorwurf ist in seiner Pauschalität nicht nur platt, sondern vor allem den Schülern gegenüber höchst unfair. Denn eine Verbesserung der ökonomischen Bildung würde die Chancengerechtigkeit stärken.

Von der Arbeits- und Berufswelt über wichtige persönliche Entscheidungen wie Altersvorsorge bis hin zu politischen Grundsatzentscheidungen: Überall spielen wirtschaftliche Zusammenhänge eine wichtige Rolle, auf die Kinder und Jugendliche aktuell nicht systematisch vorbereitet werden. Wer Wirtschaftsunterricht torpediert, der belässt Kinder und Jugendliche bewusst in dieser ökonomischen Unmündigkeit. Und beraubt sie ihrer bestmöglichen Startchancen. Denn eins ist sicher: Aktuell hängt die ökonomische Bildung vor allem am Elternhaus. Das sollten wir ändern.

Ausblick: Es bewegt sich was

Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die diese Einschätzung teilen. Bei einer Umfrage von Civey äußerten nur 8,8 Prozent der Befragten die Meinung, in der Schule würden Schülerinnen und Schüler ausreichend lernen, wie man mit Geld umgeht. Fast 80 Prozent waren der Ansicht, Kindern und Jugendlichen müsse der Umgang mit Geld in der Schule besser beigebracht werden.

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst gibt es ebenfalls eine hohe Präferenz dafür, die ökonomische Schulbildung zu verbessern. In der Jugendstudie 2018 des Deutschen Bankenverbandes sprachen sich fast zwei Drittel der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen dafür aus, ein Schulfach Wirtschaft einzuführen. Es dauert zwar, bis Landespolitik auf diese deutlichen Präferenzen reagiert.

Aber es geht voran: So hat das bevölkerungsreichste Bundesland, NRW, beschlossen, die ökonomische Bildung zu stärken. Dazu soll an Realschulen ein Schulfach Wirtschaft und an Gymnasien ein neues Fach Wirtschaft-Politik eingeführt werden. An Hauptschulen soll der Lernbereich Arbeitslehre zu Wirtschaft und Arbeitswelt weiterentwickelt werden. 

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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