Bildung ist ungerecht

Chancengerechtigkeit durch Bildung - Zukunftsideen für Deutschland Teil III

Nachricht24.07.2017Max Foedisch
Bildung
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„Noch nie war Armut so hoch wie heute. Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher!“ Solche Aussagen dürfen von Prof. Dr. Georg Cremer nicht erwartet werden. Denn, wenn auch oft gehört und geläufige Ansicht, sei so etwas „scheinwissenschaftlicher Unfug“. Der langjährige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und außerplanmäßiger Professor an der Universität Freiburg sowie Lehrbeauftragter der ETH Zürich steht hingegen für differenziertere, aber damit auch anspruchsvollere Analysen und Ableitungen. Über einige dieser Punkte wurde mit der brandenburgischen Spitzenkandidatin und Mitglied des FDP-Bundesvorstandes, Linda Teuteberg, sowie auch den engagierten Zuhörern heiß diskutiert.

Linda Teuteberg
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Der Mann, der nach eigener Aussage, nie in Talk-Shows eingeladen wurde, weil er nicht den einfachen Hau-Drauf-Lukas spielen wollte, zeichnete auch zum Thema Bildung kein einfaches Bild am Abend des 17. Juli in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum Potsdam. Prof. Dr. Georg Cremer diskutierte hier unter der Leitung des Moderators Ingo Hoppe mit Linda Teuteberg über Probleme und Potentiale von Bildungspolitik. Doch eine Aussage von Cremer stand bereits zu Beginn klar und mit großem Zuspruch im Raum:

Prof. Georg Cremer

Den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg empfinde ich als ungerecht.

Prof. Georg Cremer

Das Kernproblem ist nämlich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Erfolg in Bildung sowie Beruf. Dieser Zusammenhang besteht und ist relativ eng in Deutschland. „Aber wir sollten auch nicht immer so tun, als ob wir auch in den schlechten Werten Weltmeister wären.“, meint Cremer. Es gibt nämlich Länder, in denen es deutlich schlimmer ist, wie in den USA. Aber es gibt auch Beispiele, wo es besser ist, wie in skandinavischen Ländern, an denen sich manchmal gut orientiert werden kann. Es lässt sich jedoch sagen, dass die Wahrscheinlichkeit einer geringeren Qualifikation höher ist, wenn auch die Eltern gering qualifiziert sind. Und dass dies in den 60er Jahren noch nicht so stark ausgeprägt war. Neben Unterstützung durch das Elternhaus spielen dabei auch sozialer Status der Eltern eine Rolle, da dies zum Beispiel die Bewertung des Kindes durch die Lehrer beeinflusst, wie Untersuchungen gezeigt haben. Dass das Elternhaus ein maßgeblicher Faktor ist, weiß also jeder Wissenschaftler und sind sich auch Politiker bewusst. Aber der Einfluss auf diese Praxis gestaltet sich äußerst schwierig.

Als grundsätzliche Orientierung für Lösungen dient dabei sowohl Cremer wie Teuteberg der Befähigungsansatz. Dieses nach dem Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen konzipierte Prinzip formuliert Cremer so: „Ziel muss sein, dass möglichst viele Menschen ihr Potential entfalten können.“ Es geht dabei auch und insbesondere um mehr Chancengerechtigkeit. Teuteberg betont dabei, dass das Ziel Chancengleichheit und nicht Ergebnisgleichheit sein muss, da Menschen sehr unterschiedlich sind und damit auch unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen.

Wie entsteht mehr Chancengleichheit im Bildungssystem?

Doch wie genau könnten nun Wege zu diesem Ziel aussehen? Das derzeitige Bildungssystem ist an vielen Stellen noch nicht fit und wird diesem Prinzip nicht gerecht. Soviel scheint klar zu sein. Doch wie und wo Veränderungen hermüssen, ist oft sehr kompliziert zu bestimmen. Denn es sollte stets differenziert von den Problemlagen und Personen, die mehr Unterstützung benötigen, ausgegangen werden anstatt den einen Lösungsweg zu suchen. Für das vom Elternhaus vernachlässigte Kleinkind, das derzeit niemals bis zur Einschulung mit Bildung in Berührung kommt, benötigt andere Mittel als der zweifelnde unter Druck stehende Studienabbrecher. Einige Punkte sind jedoch bereits identifiziert.So muss für Cremer die zentrale Frage lauten: Wie kann man Kindern Lust auf Lernen machen?

  • Von spaßigen Freizeit-Angebote an Schulen bis hin zu neuen kognitiven Lern-Spielen können hier viele kleine und große Veränderungen erdacht werden.
  • Nach Teuteberg müssten auch Fertigkeiten wie Lesen, Musizieren oder Basteln besser in den Bildungseinrichtungen ausgebaut werden. Denn so steigt das Selbstbewusstsein.
  • Ein besonders wichtiger Aspekt bei Bildung sind jedoch die sozialen Ansprechpartner und Unterstützer. Sie liefern nicht nur inspirierende Rollenbilder, sondern ermöglichen oft auch den Erfahrungshorizont zu erweitern durch Einblicke in andere soziale Milieus und Kulturen.
  • Studien deuten sogar darauf hin, dass dadurch auch die Resilienz gefördert werden kann. Dies leisten derzeit allerdings Bürger-Initiativen besser, als das staatliche Bildungssystem.
  • Eine Gesamtgesellschaftliche Aufgabe liegt darin mehr Wertschätzung für Lehrer zu erlangen. In Skandinavischen Ländern zeigt sich zum Beispiel, dass der hohe Status, den Lehrer dort genießen auch die Attraktivität der Lehrerausbildung steigern.

Somit betreuen die cleversten Menschen einer Gesellschaft eins der wichtigsten Güter der Gesellschaft: die Kinder. In Deutschland hingegen gibt es nicht nur zu wenige Lehrer, die nicht auch nicht die entsprechende Anerkennung erhalten. Auch an Sozialarbeitern, die einen ganzheitlichen, übergreifenden Blick auf Menschen werfen und individuell helfen könnten, fehlt es. Ein großes Problem sind dabei die bürokratisch getrennten Säulen beispielsweise in Bildung, Gesundheit und Job, die wirklich persönliche Beratungsstellen verhindern.

Drastische und nur scheinbar effektive Maßnahmen wie die Kita-Pflicht werden jedoch sowohl von Cremer wie Teuteberg abgelehnt. So gibt es bereits einen sehr hohen Anteil der Kinder, die ab drei Jahren eine Kindertagesstätte besuchen – nämlich 94 Prozent. Aber dort, wo es zu wenig staatliche Angebote gibt, muss der Staat seine Verantwortung wahrnehmen und für mehr Kitas sorgen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Bildung?

An neuen Wegen durch Digitalisierung war insbesondere das Publikum sehr interessiert. Dabei ist Digitalisierung Chance und Risiko für Bildung zugleich – auch für den Aspekt der Chancengerechtigkeit, gab Teuteberg zu bedenken. Denn neben den positiv erwähnten individualisierten Lernmöglichkeiten, bringen die Entwicklungen auch das Problem der Ausstattung und Erziehung zum richtigen Umgang durch das Umfeld der Kinder mit sich. Und Cremer nannte auch die Gefahr einer „digitalen Spaltung“ durch auseinandergehende Ressourcen und Fähigkeiten.

Was bisher noch viele Steine in den Weg legt, ist die mangelnde Flexibilität im Bildungssystem und auf dem Lebensweg. Systeme müssen eigentlich so gestaltet sein, dass man auch noch wechseln und sich umorientieren kann. Die Zukunft ist derzeit jedoch viel zu starr und oft unnötig an die eingeschlagene formale Bildung und Ausbildung gekoppelt. Das ist eine Mit-Ursache für Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit.

Was hingegen nicht helfen würde, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. Laut Cremer würde ein Model, wie das von Herrn Straubhaar mit 1.000 Euro im Monat, viel zu niedrig kalkuliert sein, wenn ansonsten alle weiteren Unterstützungen wegfallen und alle gleichbehandelt würden. Würde man hingegen den aktuellen Sozialstaat aufrechterhalten und Sozialleistungen hinzugeben, sei dies „ökonomischer Analphabetismus“, da nicht finanzierbar. Dass alle Modelle auch nicht zu mehr Chancengerechtigkeit führen würden, darauf verwies Teuteberg.

Skepsis ist laut Cremer auch bei anderen Vorstößen angebracht, wie zu der These von Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung (DIW), und anderen, die meinen einfach viel mehr Geld in Bildung zu investieren, würde das Problem schon lösen. Denn Bildungsinvestitionen dauern lange, bis sie sich niedergeschlagen. Zudem besteht die Gefahr, diese einfach sinnlos, anstatt zweckgebunden einzusetzen. Darüber hinaus sollte man auch keine falschen Rentabilitätsversprechen machen. Dass bei großen Investitionen für eine perfekte Bildung überhaupt kein Sozialstaat mehr notwendig wird, ist illusorisch.