Bildung
Digitale Bildung ist eine Lebensaufgabe

Vorabveröffentlichung aus der neuen Ausgabe des liberal Magazins
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Gute Bildung ist nicht alles, aber ohne gute Bildung ist alles nichts! © iStock / Getty Images Plus / mikkelwilliam

Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus der neuen Ausgabe "liberal - Das Magazin für die Freiheit", die am Freitag, den 29. Juni 2018 mit dem Titel "Kleiner Mensch, große Zukunft?" im Print, online und als App erscheint. 

Der rasante technologische Wandel erfordert von jedem Einzelnen, in das Erlernen digitaler Fähigkeiten zu investieren. Doch wer soll dieses Wissen eigentlich vermitteln?

Welches sind die drei wichtigsten Faktoren für wirtschaftlichen Erfolg? Die Antwort lautet: erstens Bildung, zweitens Bildung, drittens Bildung! Banale Übertreibung? Nein, empirische Erkenntnis! Sie gilt im Kleinen für einzelne Menschen genauso wie im Großen für eine Volkswirtschaft insgesamt. Gute Bildung ist nicht alles, aber ohne gute Bildung ist alles nichts!

Der Stellenwert der Bildung war immer schon zentral. Er wird jedoch in Zukunft nicht etwa ab-, sondern weiter zunehmen. Denn wie sonst, wenn nicht mit mehr Kreativität, höherer Kompetenz und besserem Können will der Mensch mit den gewaltigen Innovationen des 21. Jahrhunderts mithalten können? Nichts anderes als Bildung wird in ähnlicher Weise dem Menschen helfen, die riesigen Chancen von Algorithmen, Big Data und selbst lernenden, autonomen Informationssystemen zum eigenen Vorteil und zu mehr Wohlstand für alle zu nutzen. Und gleichzeitig wird sie ihm ermöglichen, die mit der Digitalisierung einhergehenden Risiken zu verringern, zum Spielball von Big Brother und Big Business zu werden.

Bildung war und ist der entscheidende Schlüssel für beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Sie bestimmt(e) maßgeblich, wer auf welche Stufe der Einkommenspyramide gelangt. Mit einem höheren Berufsabschluss oder gar einem akademischen Titel hatte man in den vergangenen Dekaden gute Chancen, oben Platz nehmen zu können. Wer nur Allgemeinwissen im Schulranzen oder gar keinen Schulabschluss hatte, hatte nur wenig Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufstieg. Es galt die empirisch eindeutig belegte einfache Faustregel: Gute Bildung ist die beste Versicherung gegen Erfolglosigkeit, Arbeitslosigkeit und Armut.

Die gesamte Gesellschaft profitiert von besserer Bildung

Aber nicht nur für Einzelne wird sich im Zeitalter der Digitalisierung mehr Bildung besser denn je rentieren. Auch die Gesellschaft insgesamt wird von einem besseren Bildungsstand der Bevölkerung profitieren. Länder, die mehr Geld für bessere Bildung ausgeben, haben bessere Chancen auf mehr Wohlstand für alle. Die Erklärung für diese Symbiose von Lernerfolgen des Einzelnen, die zu wirtschaftlichem Erfolg für alle werden, hat etwas damit zu tun, dass Kreativität, Kompetenzen und Können Einzelner auf andere überschwappen und damit auf alle ausstrahlen. Wenn sich Einzelne bilden, profitieren alle von der höheren Leistungsfähigkeit. Der „Innovationspool“ in einer Gesellschaft steigt. Er wird zu einem attraktiven Faktor für Standorte oder Regionen. Wie eine gut gebildete Bevölkerung zum Kern eines „Clusters“ werden kann, zeigt sich im kalifornischen „Silicon Valley“. Auf engstem Raum haben die Internetriesen Amazon, Google, Apple, Uber, Facebook oder Twitter ihre Forschungszentren errichtet mit Zigtausenden von Mitarbeiter(inne) n. Als Folge ergibt sich ein rasches Wachstum von Beschäftigung und Wertschöpfung – und damit eben „mehr Wohlstand für alle“!

Große Transformationen der Umwelt verlangen nach großen transformationen der Bildungspolitik.

MigrationsforscheThomas Straubhaar über die Strategielosigkeit in Sachen Flüchtlingspolitik
Thomas Straubhaar

Digitalisierung wird Bildung noch einmal wichtiger werden lassen, als sie es bis jetzt ohnehin bereits war. Für diese These spricht nicht zuletzt der Nachweis der Bildungswissenschaftler des Münchener Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, dass Bildungsrenditen in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Daraus lässt sich ableiten, dass die Nachfrage nach gut ausgebildeten Personen in der heutigen Wissensgesellschaft stärker gestiegen ist als das Angebot an hochqualifizierten Personen.

Digitalisierung ist Herausforderung

Wohin die Reise des digitalen Wandels gehen wird, ist heute bestenfalls rudimentär erkennbar. Für ein modernes Bildungssystem ergibt sich damit die Notwendigkeit, sich von fixen Inhalten zu lösen und offen zu sein, auf neue, kurzfristig auftauchende Herausforderungen schnell reagieren zu können. Das hohe Tempo der Veränderungen erfordert vom Bildungswesen eine dauerhaft rasche Anpassungsfähigkeit an neue Anforderungen.


Selbstverständlich braucht es auch Investitionen in flächendeckendes, zuverlässiges und schnelles Internet. Ebenso sicher muss digitale Bildung in die Lehrpläne Eingang finden. Aber wie? Eine digitale Lernumgebung und ein Zugang zum Internet für alle, wie es die Kultusministerkonferenz fordert, sind nur notwendig, aber nicht hinreichend, um die anstehende Transformation bewältigen zu können. Und woher will man die Fachlehrer(innen) nehmen, die an Schulen die digitalen Schlüsselkompetenzen „Informationen sammeln und organisieren, erzeugen und austauschen“ kompetent unterrichten können? Für technische Investitionen braucht es einen zeitlichen Vorlauf von Jahren – die Ausbildung der Digitalkompetenz der Lehrkräfte bedarf Jahrzehnte.

Und woher sollen diese Lehrkräfte kommen? „Die didaktische Weiterbildung der Lehrenden im Hinblick auf die sich stetig wandelnden IT-Inhalte ist bislang kaum hinreichend in den Fokus genommen worden. Fort- und Weiterbildungsaktivitäten von Lehrenden zur Nutzung digitaler Medien im Unterricht sind im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ausgeprägt“ – so das ernüchternde Urteil der von der deutschen Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission Forschung und Innovation inihrem Jahresgutachten 2018. Da die Bereitstellung qualifizierter Lehrkräfte über den regulären Weg der Lehrerbildung oder Weiterbildung sehr zeitaufwendig ist, verlangt das die vermehrte Einstellung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern, um Engpässe zu vermeiden.

Aber sollen die ohnehin bereits überfrachteten Lehrinhalte und Studiengänge wirklich noch einmal um das Fach „digitale Bildung“ erweitert werden? Ist nicht vielmehr etwas anderes mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar wichtiger? Nämlich die „Persönlichkeitsbildung und Bildung zu Innovationsfähigkeit“, wie sie WolfDieter Hasenclever in liberal 1/2018 gefordert hat, sowie der Wille, die Bereitschaft und die Kompetenz, sich sachgerecht und rechtzeitig an neue Gegebenheiten anpassen zu können. Digitale Bildung muss Ansporn zu einem Perspektivenwechsel und Neuanfang sein. Sie sollte genauso „Game Changer“ werden wie die Digitalisierung selbst.

Große Transformationen der Umwelt verlangen nach großen Transformationen der Bildungspolitik. Weil Bekanntes und Wissen rasch(er) veralten, Aktuelles obsolet und Neues in rascher Abfolge Realität werden wird. Statt starrer Lehrpläne sollte Bildungspolitik das große Ganze vorgeben und das Kleinteilige der Umsetzung mit viel Freiraum den Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen überlassen.

Wieso nicht sich auf die Eckpunkte der vier Zielbereiche „Fähigkeiten (Skills), Charakterbildung, Erwerb relevanter Kenntnisse (Knowledge) und lebenslange Anpassungsfähigkeit“ beschränken, so wie es Hasenclever vorschlägt? Der Weg zur Zielerreichung könnte einem Wettbewerb guter Ideen und kluger Umsetzungsvorschläge der einzelnen Bildungsanbieter überlassen werden. Wieso also nicht die digitale Bildung in die Freiheit entlassen?

Digitale Bildung wird zur Lebensaufgabe

Weniger denn je darf Bildung hauptsächlich als Aufgabe für junge Menschen verstanden werden. Anpassung an die Digitalisierung ist eine Lebensaufgabe. Anders als es früher gesehen wurde, werden künftig die Weichen nicht einmalig am Anfang des Lebens gestellt, sondern immer wieder von Neuem. Digitalisierung wird den Strukturwandel weiter beschleunigen. Der Anpassungsbedarf an eine neue Arbeitswelt wird zunehmen. Millionen von Jobs werden überflüssig werden und gleichzeitig werden Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen – wofür neue und heute vielfach noch gänzlich unbekannte Qualifikationen erforderlich sein werden.

Vorerst noch vergleichsweise besser geschützt vor dem Strukturwandel der Digitalisierung bleiben erstens feinmotorische Tätigkeiten, wie sie beispielsweise im Handwerk typisch sind. Deshalb wird neben dem Kopf stärker auch wieder die Hand auszubilden sein. Zweitens werden soziale Kompetenzen aufgewertet werden. Pflegeroboter sind zwar technisch möglich und dürften gang und gäbe werden. Aber ob sie auch gesellschaftliche Akzeptanz finden, wird sich zeigen. Drittens bleibt die Innovationsfähigkeit das Maß aller Dinge. „Eine vollautomatisierte Welt, also das, was die Digitalisierung uns an Arbeit ‚übrig lässt‘, wird vor allen Dingen unsere kreativen Fähigkeiten fordern“, schreibt Wolf Lotter in seinem neuen Buch „Innovation“.

Was standardisiertes Massengeschäft ist, wird durch autonome Geräte erledigt werden, immer weniger durch menschliche Arbeitskraft. Einfache Tätigkeiten für gering Qualifizierte werden zwar nicht verschwinden, aber immer schlechter bezahlt werden. Deshalb sind Bildungssysteme darauf auszurichten, Menschen stets von Neuem und ein (längeres) Leben lang zu ermächtigen, mithalten zu können mit Veränderungen, anpassungsfähig zu bleiben und von den sich bietenden Chancen bestmöglich zu profitieren.

Es geht weniger als jemals zuvor darum, Wissen zu vermitteln. Was ist, lässt sich mit einem Smartphone in Sekundenschnelle ermitteln. Wie Informationen erzeugt und verbreitet werden, wie sie zu bewerten sind und was daraus folgt – das sind Fragen, auf die auch in Zukunft Menschen kluge Antworten zu finden haben.

Noch richtet sich das Bildungssystem heute in überragendem Maße an junge Menschen. 2016 wurden in Deutschland nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes über 280 Milliarden Euro für Bildung, Forschung und Wissenschaft ausgegeben. Rund 190 Milliarden Euro davon flossen an den Elementarbereich, Schulen, den schulnahen Bereich, die betriebliche Ausbildung, Hochschulen und Universitäten (einschließlich Forschung und Entwicklung). Mehr als 70 Milliarden Euro geben die Wirtschaft und private Einrichtungen für Forschung und Entwicklung aus. Für die betriebliche Weiterbildung hingegen wurden nur elf Milliarden Euro ausgegeben, für Volkshochschulen, Bildungseinrichtungen der Kammern und die Lehrerfortbildung weniger als vier Milliarden Euro. Holzschnittartig zusammengefasst, werden von den reinen Bildungsausgaben (ohne Forschung und Entwicklung) etwa 90 Prozent in den ersten 25 Lebensjahren ausgegeben und für die restlichen rund 60 weiteren zu erwartenden Lebensjahre gerade einmal weniger als zehn Prozent.

Diese asymmetrische Schieflage mit einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf die Jugend muss korrigiert werden. Private wie staatliche Bildungsbudgets sollten von der Jugend ins fortgeschrittene Alter umgeschichtet werden, sodass alle, immer wieder und ein Leben lang, die Option haben, sich aus-, fort- und weiterbilden zu können. Dabei geht es nicht nur um die Finanzierung direkter Kosten – wie Teilnahme- oder Studiengebühren oder Kosten für Erwachsenenbildung. Ebenso bedeutsam, und für viele wichtiger, sind die indirekten Kosten, insbesondere die Zeitkosten und die Lücken, die sich beim Haushaltseinkommen öffnen, wenn Monate oder Jahre aus eigener Arbeit nichts verdient werden kann, weil man sich weiterbildet. Deshalb bedarf es neuer staatlicher Unterstützung, die nicht dem Schutz des Bestehenden vor Veränderung, sondern der Förderung der Anpassungsfähigkeit an Veränderungen dient.

Bildung wird in Zukunft für die meisten Menschen das mit Abstand wichtigste Vermögen werden. Sie ist der Faktor für wirtschaftlichen Erfolg und eine Vermeidung von Altersarmut. Immer weniger können es sich Menschen und die Gesellschaft leisten, Anstrengungen und Investitionen in gute Bildung auf ihren Lebensanfang zu beschränken. Nur wer sich stets weiterbildet, wird bis ins hohe Alter die Chance haben, gut zu verdienen.

Im Zeitalter der Digitalisierung kann eine Regierung mehr denn je nicht zu viel, sondern nur zu wenig Geld in das Bildungswesen stecken. Ein gutes Bildungssystem mag teuer sein. Langfristig wird es mikroökonomisch im Kleinen wie gesamtwirtschaftlich im Großen aber eine Sache geben, die noch teurer ist als ein gutes Bildungssystem: ein schlechtes Bildungssystem.

Thomas Straubhaar ist Professor an der Universität Hamburg und Direktor des Europa-Kollegs Hamburg. Er hat unter anderem an den Universitäten Bern, Basel, Konstanz, Freiburg und als Helmut Schmidt Fellow an der Transatlantic Academy in Washington DC geforscht und gelehrt. Seit 2011 gehört er dem Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit an.