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Bildungsbericht 2020: Schlechtes Zeugnis für das deutsche Bildungssystem

Der aktuelle Nationale Bildungsbericht offenbart die Defizite beim digitalen Lernen – aber nicht nur da.
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© Gettyimages / skynesher

Rund zehn Millionen Schülerinnen und Schüler erhalten in diesen Tagen ihr Zeugnis. Einen Leistungsnachweis etwas anderer Art erhielt  das deutsche Bildungssystem in seiner Gesamtheit. Der nationale Bildungsbericht 2020 ist die wichtigste Zusammenstellung all jener Indikatoren, die darüber Auskunft geben, ob Deutschland sein Klassenziel erreicht hat. Er wurde gestern von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek gemeinsam mit KMK-Präsidentin Stefanie Hubig und dem Sprecher der Autorengruppe, Professor Kai Maaz (DIPF/Leibnitz-Institut für Bildungsforschung), vorgestellt. In Coronazeiten verdient der Bericht natürlich besondere Aufmerksamkeit, denn in den letzten Monaten erschien es teilweise, als sei sogar die Versetzung gefährdet. Der diesjährige Schwerpunkt des Berichts auf der digitalen Bildung ist daher mehr als angebracht.

Es erstaunte, dass Ministerin Karliczek in der Pressekonferenz vor allem die zunehmende Verknüpfung von akademischer und beruflicher Bildung hervorhob und auch eine zunehmende Flexibilisierung der Bildungsabschlüsse lobend erwähnte. Hierbei handelt es sich seit langem um liberale Kernforderungen, die auch die Friedrich-Naumann-Stiftung bereits in einer Publikation zur Dualen Bildung adressiert hat.  Auch die Fachhochschulen wurden von Karliczek mit Lob bedacht, obwohl diese aus rein finanzieller Perspektive immer noch eher stiefmütterlich von der Politik bedacht werden. Dass nun auch die Bundesregierung das Potenzial einer besseren Verknüpfung von Theorie und Praxis erkannt hat, ist zwar erfreulich, doch gerade bei der Modularisierung von Bildungsabschlüssen gibt es noch viel zu tun. So muss es einfacher werden, auch während des Arbeitslebens neue Abschlüsse zu erwerben – und zwar vom Schüler ohne Hauptschulabschluss bis zum Postdoc, der nach der Promotion noch mit einer beruflichen Qualifikation umsatteln möchte. Auch auf dem Feld der Digitalisierung werden liberale Ideen plötzlich attraktiver. Schon lange haben Liberale gefordert, die Schulen besser mit digitalen Hilfsmitteln zu versorgen, im Zuge der Coronakrise wurde die digitale Schule nun das Gebot der Stunde. Doch auch hier ist die Liste der Hausaufgaben lang: es geht um datenschutzkonforme Schulclouds, die flächendeckende Versorgung mit Endgeräten und brauchbaren Konzepten zur Vermittlung von Digitalkompetenzen.

Besorgniserregende Zahlen

Abgesehen von diesen grundsätzlichen Erwägungen bleibt aber festzustellen: in den wichtigsten Leistungsfächern ist die deutsche Bildungspolitik in diesem Jahr durchgefallen. Etwas versteckt stellt der Bericht fest: es gibt eines „Stagnation am oberen Ende des schulischen Qualifikatiosspektrums, wachsende Probleme am unten“ (S.9). Ein Blick in den – wie immer sehr aufschlussreichen – Statistikteil, zeigt was Sache ist. Wer die Excel-Tabelle D8-1web aufruft, kann schwarz auf weiß lesen, dass zwischen 2014 und 2018 der Anteil der Absolventinnen und Absolventen ohne Hauptschulabschluss von 5,8% auf 6,8% gestiegen ist, während die Anteile derjenigen mit mittlerem Abschluss, mit Fachhochschulreife und mit allgemeiner Hochschulreife allesamt gefallen sind. Die Zukunftsperspektiven zehntausender Schülerinnen und Schüler haben sich also in den letzten vier Jahren verschlechtert.

Diagramm
Quelle: Bildungsbericht 2020, S. 143 (angepasst)

Bildung hat in Deutschland keine Priorität

Jeder Erklärungsansatz muss zwingend multikausal sein. Eine weitere Kennziffer fällt allerdings ins Auge: zwar sind die Bildungsausgaben in absoluten Zahlen gestiegen – was mit der guten Konjunktur und hohen Steuereinnahmen bis zum März dieses Jahres zu erklären ist – in relativen Zahlen stagnieren die Ausgaben allerdings. So ist das Gesamtbudget für Bildung, Forschung und Wissenschaft zwar von 237,4 Milliarden Euro (2010) auf 310,2 Milliarden Euro (2018) gestiegen, als Prozentsatz vom BIP stagnieren die Ausgaben allerdings bei 9,3% (S.57):

Bildungsbericht Diagramm
Quelle: Bildungsbericht 2020, S. 57 (angepasst)

Man muss die Zahlen des Bildungsberichts deshalb im internationalen Kontext lesen. Laut den aktuellsten Zahlen der OECD liegt Deutschland, was die Bildungsausgaben betrifft, deutlich unter dem Schnitt aller OECD-Länder und auch der EU23-Länder. Von der „aktiven Bildungspolitik“, die Ralf Dahrendorf bereits vor 55 Jahren gefordert hatte, sind wir also noch weit entfernt.

Bildungsbericht
© Quelle: OECD, Education at a Glance (2019), Statlink (angepasst) 

Das Elternhaus entscheidet

In der Coronakrise waren die Eltern ganz besonders gefordert, um ihre Kinder während des „Fernlernunterrichts“ zu unterstützen. Hier zeigte sich wie im Brennglas, was bereits in den letzten Jahren deutlich geworden ist: die Familienstruktur hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lernen. Der Bildungsbericht hebt dabei drei sogenannte „Risikolagen“ für Bildung bevor: formal gering qualifizierte Eltern sowie die soziale und finanzielle Risikolage der Familien (S.6). In alleinerziehenden Familien – deren Anteil mittlerweile auf rund 20% gestiegen ist – ist das Risiko, in einer Armutsgefährdung aufzuwachsen, mehr als doppelt so hoch, als in Paarfamilien. Auch Kinder in Familien mit Migrationshintergrund sind überproportional von einer Risikolage betroffen – auf knapp die Hälfte (47%) trifft dies zu (im Gegensatz zu 17% bei Kindern ohne Migrationshintergrund). Anders formuliert: das soziale, finanzielle und kulturelle Kapital der Eltern hat nach wie vor maßgeblichen Einfluss auf die Bildungswege der Kinder und Jugendliche. In der Praxis zeigt sich dies beispielsweise darin, dass berufstätige Mütter trotz ihrer Doppelbelastung den Kindern im Durchschnitt mehr vorlesen, als Mütter, die nicht berufstätig sind (S. 8). In diesen ungleichen Voraussetzungen liegt also die größte Herausforderung für eine liberale Bildungspolitik, die allen Menschen die gleichen Chancen geben möchte, die eigenen Talente frei zu entfalten und durch Bildung aufzusteigen. Bildungspolitik, das hat schon Jürgen Kaube in seinem Bestseller geschrieben, ist daher keineswegs die beste Sozialpolitik. Vielmehr zeigt sich, dass Sozial- und Bildungspolitik Hand in Hand gehen müssen.

Der „Migrationshintergrund“ ist nicht nur aufgrund seiner sprachlichen Ungelenkigkeit ein schwieriger Begriff, der manchmal mehr verdeckt, als er eigentlich erklärt. Ob Professorenkind oder Fabrikarbeitersohn, das Kind von Geflüchteten oder das von Humboldt-Fellows – der „Migrationshintergrund“ ist ein zu grober Pinsel für ein komplexes Bild. So zeigen sich große Unterschiede zwischen den Bildungschancen der Kinder und Jugendliche, abhängig davon, aus welchem Land sie eingewandert sind und zu welchem Lebenszeitpunkt. Zudem zeigt sich eine starke Polarisierung (S.7). Bei den 30-bis unter 35-jährigen hat ein wesentlicher Anteil einen Hochschulabschluss (37%), ein ebenso großer Anteil (40%) aber überhaupt keinen beruflichen Abschluss. Globalisierung, Migration und eine zunehmende heterogene Schülerschaft sind dann auch der Grund, warum man den nationalen Bildungsbericht mit dem Bildungsreport der UNESCO querlesen sollte, der gestern ebenfalls veröffentlicht worden ist. Fast 260 Millionen Kindern haben fast überhaupt keinen Zugang zu Bildung, in vielen Ländern gibt es kaum Gesetze und Maßnahmen („policies“), die die Inklusion aller Kinder und Jugendliche in das jeweilige Bildungssystem sicherstellen. Es ist eine große Herausforderung für das deutsche Bildungssystem, diese Ungleichheiten in den eigenen Klassenzimmern aufzufangen und auch die Schüler mitzunehmen, die möglicherweise nicht nur eine Sprachbarriere überwinden müssen, sondern auch auf wenig Unterstützung durch das Elternhaus zählen können. Die Coronakrise, das hebt auch der Bericht der UNESCO hervor, hat diese Aufgabe noch einmal erschwert, da der sozioökonomische Hintergrund des Elternhauses einen wesentlichen Einfluss auf die „learning continuity solutions“ hatte (p.58) – also auf jene Medien, die auch während der Pandemie eine Fortführung des Lernens garantieren sollten.

Die verschlafene Digitalisierung

Gut sechzig Seiten widmen die Forscherinnen und Forscher der Bildung in der digitalisierten Welt (S.231-302). Gerade mit Blick auf die Coronakrise ist diese Ausführlichkeit sehr zu begrüßen. Es zeigt sich, dass die Ausgangslage in Deutschland alles andere als glänzend war, um schnell einen digitalen Unterricht auf die Beine zu stellen. An vielen Schulen gelang der Umstieg – nicht zuletzt dank des herausragenden Einsatzes einzelner Eltern und Lehrkräfte – überraschend gut. Doch jenseits dieser „best practices“ tun sich besorgniserregende Lücken auf, die wie so oft mit dem sozioökonomischen Hintergrund der Eltern zu tun haben. Die Tabelle H2-5web hat es dabei in sich. Basierend auf den Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, der IKT-Erhebung und eigenen Berechnungen, wird gezeigt, dass ganze neun Prozent aller Haushalte keinen Zugang zum Internet haben. was beim reichsten (4.) Quartil eine Selbstverständlichkeit ist, trifft auf ganze 20% der Haushalte im ärmsten (1.) Quartil keinesfalls zu. Hieraus ergibt sich eine wesentliche Aufgabe für die Politik. Bereits jetzt ist abzusehen, dass die Coronakrise die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland verschärfen wird. Die Bewältigung der Coronakrise wird nur gelingen, wenn der Umstieg auf die hybride Schule gelingt – die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat dazu bereits Ideen bereitgestellt. Es ist dabei besonders wichtig, dass gerade die Schülerinnen und Schüler, die sowieso schon mit „Risikolagen“ zu kämpfen haben, nicht noch weiter benachteiligt werden.

Bildungsbericht
© Quelle: Bildungsbericht 2020, S. 239, Tabelle H2-5web (angepasst)

Die technische Ausstattung an Schulen ist „weiterhin nicht anschlussfähig“, insbesondere mobile Endgeräte kaum vorhanden (S.240). Aufbauend auf den Zahlen der ICILS-Studie 2018 und den Arbeiten von Professor Birgit Eickelmann und ihrem Team, zeigt sich, dass Deutschland in der digitalen Ausstattung im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet. So kommt in Dänemark beispielsweise auf 7,8 Schüler ein Laptop, während deutsche Schülerinnen und Schüler entweder in stickigen Computerräumen hocken oder sich mit 67 anderen um einen Laptop streiten.

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© Quelle: Bildungsbericht 2020, S.240f., Tabelle H2-9web, basierend auf Eickelmann et al. (2019), ICILS 2018 (im Original mit Angabe der Standardabweichung, Darstellung hier angepasst)   

An Hochschulen sieht die Lage etwas besser aus, hier verfügen immerhin 84% aller Hochschulen um eine Service-Einheit für das E-Learning. (S.275). Doch auch hier bleibt neben der Infrastruktur die Kompetenzentwicklung der Lehrenden der große Flaschenhals. Zurzeit findet die Qualifizierung in diesem Bereich hauptsächlich autodidaktisch statt, was zu großen Schwankungen in der Qualität des digitalen Unterrichts führt. Auch hier braucht es also eine Digitaloffensive, um die Universitäten endlich fit für das 21. Jahrhundert zu machen.

Hochschulen und Lebenslanges Lernen

Auch sonst ergeben die Zahlen aus den Hochschulen ein gemischtes Bild. So ist zwar die Zahl der Studienabschlüsse auf etwa 500.000 rasant gestiegen, doch ist dies hauptsächlich auf die Zunahme der Folgeabschlüsse, insbesondere der Masterabschlüsse, zurückzuführen (S.199). Die Zahl der Erstabschlüsse, ist dagegen – mit Ausnahme der Fachhochschulabschlüsse – zwischen 2017 und 2018 leicht gesunken (S.199). Aus liberaler Sicht zeigt sich hierbei vor allen Dingen, dass eine Diversifizierung des Bildungsangebots von den Studierenden gerne angenommen wird. Auch mit Blick auf die Bildungsrendite zeigt sich (S. 303-322), dass vielfältige Möglichkeiten sich auszahlen. Besonders interessant ist zum Beispiel, dass die Arbeitszufriedenheit von denjenigen, die einen Hochschulabschluss nachgeholt haben, nach acht Jahren höher ist, als die Arbeitszufriedenheit von denen, die den ersten Bildungsweg gewählt haben. (S.307). Dies unterstreicht vor allem die Bedeutung des lebenslangen Lernens. Mithilfe von liberalen Ideen wie des Midlife-Bafögs könnten noch mehr Menschen die Chance erhalten, am zweiten Bildungssystem teilzuhaben – und so eine nachweislich höhere Arbeitszufriedenheit zu genießen.

Die Coronakrise und ihre Folgen

Noch ist nicht absehbar, welche Folgen die Coronakrise für das deutsche Bildungssystem haben wird. Die ersten Zahlen sind besorgniserregend. Ein Blick auf den Bestand der Arbeitslosenzahlen zeigt zum Beispiel, dass zwischen März und April auch überproportional viele Menschen mit einer akademischen Ausbildung arbeitslos geworden sind. Dennoch gilt nach wie vor, dass Bildung der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist.

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Quelle: Bildungsbericht 2020, S. 308; Bundesagentur für Arbeit (2020)

In den Sommerferien braucht es nun ein Rettungspaket für das deutsche Bildungssystem. Die vom Bund bereitgestellten Mittel für die Digitalisierung der Schulen müssen schnell und unbürokratisch abgerufen werden. Jede Schule muss mit Endgeräten, Dienst-E-Mail-Adressen und vernünftigen Softwarelösungen ausgestattet werden, damit nach den Sommerferien die hybride Schule beginnen kann. Wie sich zurzeit am Infektionsgeschehen in Göttingen zeigt, ist es wichtig, dass Schulen schnell auf eine dynamische Änderung der Lage reagieren können. Eine zentrale Herausforderung wird es sein, sicherzustellen, dass aus individuellen Bildungspfaden nicht plötzlich Sackgassen werden. Studierende, deren finanzielles Fundament weggebrochen ist, brauchen ebenso schnelle und unbürokratische Hilfe wie jene Schülerinnen und Schüler, die vom Internet weitestgehend abgeschnitten sind. Lehramtstudierende und weitere „Bildungsreservisten“ könnten eingesetzt werden, um die Lücken der schwächsten Schülerinnen und Schüler während der Sommerferien gezielt zu schließen.  Dies wird zweifelsohne erhebliche finanzielle Ressourcen beanspruchen – doch nach wie vor gilt John F. Kennedys Diktum: das einzige was teurer ist, als Bildung, ist keine Bildung.

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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