Berufliche Gleichberechtigung – warum dauert sie so lange? | freiheit.org

Equal Pay Day

Berufliche Gleichberechtigung – warum dauert sie so lange?

Warum Frauen in Deutschland im Schnitt weniger Lohn erhalten als Männer – und wie die Politik das ändern kann

Meinung18.03.2019
Equal Pay Day

Trotz aller Errungenschaften der letzten Jahrzehnte: Auch 2019 gibt es in Sachen Gleichstellung zwischen Frau und Mann noch viel zu tun. Wir schauen uns genau an, wo wir stehen und woran es hapert, dass politische wie berufliche Karrieren bis heute meist männlich geprägt sind.

Die Sache mit der Gleichberechtigung, sie ist komplex. Auf den ersten Blick: alles gut. Schließlich sind Frauen und Männer in Deutschland rechtlich bereits seit Jahrzehnten gleichgestellt. Seit 1949 steht in Art. 3 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ 2001 dann: Das Bundesgleichstellungsgesetz hat zum Ziel, zumindest in den Dienststellen und Unternehmen des Bundes die Gleichstellung von Männern und Frauen auch wirklich umzusetzen. Klingt vielversprechend, oder?

Naja. Auf den zweiten Blick zeigt sich: Noch immer sind es vor allem Männer, die Karriere machen. Die auf den Entscheider-Sesseln sitzen. Die in Politik und Wirtschaft die Macht und das Sagen haben. Na klar könnte man hier mit Ausnahme-Angela kommen. Die Bundeskanzlerin ist seit 2005 im Amt – und das ist rein emanzipatorisch natürlich großartig. Das US-amerikanische Forbes-Magazin wählte Angela Merkel im Dezember 2018 zum achten Mal in Folge zur mächtigsten Frau der Welt. Betrachten man aber die breite Bevölkerung, sieht es anders aus. In der Realität hapert es in Sachen Geschlechtergleichheit immer noch an allen Ecken und Enden – besonders in Sachen Job und Karriere.

Zahlen, bitte! Das ist der Status Quo in Politik und Wirtschaft

Gerade einmal 26 Prozent der Führungskräfte auf oberster Leitungsebene in der freien Wirtschaft sind weiblich. Das legt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2016 offen. Und in der Politik sieht es nicht viel besser aus: Nur 30,7 Prozent der Mitglieder des aktuellen 19. Bundestages sind Frauen, das entspricht 218 von 709 Abgeordneten.

Bundesnachrichtendienst, Bundeskriminalamt oder Bundesamt für Verfassungsschutz: Viele Behörden wurden seit der Gründung der Bundesrepublik noch nie von einer Frau geleitet. Insgesamt gibt es momentan in Deutschland knapp 100 dieser oberen und obersten Bundesbehörden – und gerade einmal einem Viertel steht aktuell eine Chefin vor. Skurriler Fakt: Wie die Wochenzeitung Die Zeit recherchiert hat, gibt es seit 1949 mehr Staatssekretäre mit dem Namen Hans als Staatssekretärinnen.

Teilzeitstelle = Karrierekiller? Darum machen Frauen seltener Karriere

Frauen sind schon lange genauso gut ausgebildet wie Männer. Sie gehen an die Uni, machen beste Abschlüsse, häufen Wissenskapital an. 2017 waren laut Statistischem Bundesamt 50,8 Prozent der Studienanfänger Frauen. Warum machen sie nicht ebenso Karriere? Nachdem die weibliche Bevölkerung extrem aufgeholt hat in Sachen Bildung, stagniert seit fast drei Jahrzehnten die Entwicklung ihrer Berufstätigkeit. Und damit hat der Fakt zu tun, dass es Frauen sind, die die Kinder bekommen. Junge Berufsanfängerinnen starten hoch motiviert in den Job und streben eine Karriere an. Doch irgendwann bekommen sie ein Kind. Und sind selbst davon überrascht, was es bedeutet, Mutter zu sein – vor allem emotional. Wie es sich anfühlt, lange vom Kind getrennt zu sein. Und dann sind da die Schuldgefühle gegenüber dem Nachwuchs UND dem Arbeitgeber. Fast alle Mütter kennen das Gefühl, beidem nicht gerecht zu werden. Beruf und Familie werden auch 2019 noch als Gegensätze erlebt, die sich nur schwer miteinander vereinen lassen Das hat die Studie „The Mommy Effect“ von der Denkfabrik National Bureau of Economic Research jüngst herausgefunden. Und so überrascht es nicht, dass die meisten Mütter nach Geburt und Elternzeit in Teilzeit arbeiten – in vollem Bewusstsein, dass Karrieren auf Vollzeitjobs bauen und deshalb Führungspositionen oft weiterhin an Männer gehen. Warum verzichten Frauen trotzdem langfristig auf das Vorankommen im Beruf?

Erstens: Durch den Gender Pay Gap verdienen laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von 2017 Frauen rund ein Fünftel weniger als Männer. Um Fakten wie strukturelle Unterschiede bei der Berufswahl, Beschäftigungsumfang, Bildungsstand, Berufserfahrung bereinigt, beträgt er nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes für 2014 (neuere Zahlen gibt es nicht) immerhin noch rund 6%. Jedes Prozent Gender Pay Gap ist ein Prozent zu viel. Denn der Gender Pay Gap ist eine Ursache dafür, dass sich junge Familien dafür entscheiden, dass die Frau mehr Zeit in die Kinderbetreuung investiert und der Mann Vollzeit arbeiten geht. Miete und Rechnungen müssen schließlich bezahlt werden. Die Frau macht also Teilzeit. Das Resultat: Eine Rückkehr in den Beruf erfolgt für viele Frauen nach der Elternzeit nicht zu denselben Bedingungen wie vor der Mutterschaft. In der Altersklasse von 30 bis 54 Jahren arbeitet momentan jede zweite Frau in Teilzeit. Im Durchschnitt 21,5 Stunden pro Woche. Überraschend: Wie das Bundesfamilienministerium mit dem Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung herausfand, will ein Großteil daran auch bis zur Rente nichts mehr ändern. Was das bedeutet? Lebenslange Abhängigkeit vom Mann und eine Rente, die im Falle einer Trennung nicht zum Leben reicht. Wie sehr eine vollzeitnahe Berufstätigkeit und ein gesellschaftliches Klima, dass berufstätige Mütter als selbstverständlich anerkennt, den Gender Pay Gap verringern, zeigen die Vergleichszahlen aus Ostdeutschland: Dort ist auch die Gehaltslücke kleiner.

Zweitens: Weil die Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland noch immer nicht gut genug ausgebaut und zu unflexibel sind, bekommen auch diejenigen Frauen, die gerne Vollzeit arbeiten möchten, ihre Kinder nicht ausreichend betreut. Auch fünf Jahre nach Einführung des Betreuungsplatzanspruchs fehlen laut Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (Stand: Herbst 2018) noch immer 273.000 Plätze für die unter Dreijährigen. Und die Schwierigkeiten hören nach Kita- und Kindergartenzeit nicht auf: Auch die nachmittägliche Betreuung von Schulkindern ist vielerorts ein großes Problem. Die Rückkehr in eine Vollzeitbeschäftigung wird Müttern damit erschwert.

Also, was muss passieren, damit es berufliche Gleichberechtigung gibt?

Es gibt noch viel zu tun, bevor Mann und Frau in Deutschland beruflich gleichgestellt sind. Und zwar das hier:

Erstens: Flexibilität und Teilzeit als Modell auf Zeit
Es ist wichtig, dass keine Frau länger als sie das möchte, in Teilzeit arbeitet. Der gesetzliche Anspruch auf Brückenteilzeit mag zu bürokratisch und zu wenig an betrieblichen Erfordernissen ausgerichtet sein: Das Signal ist richtig. Hier sind die Unternehmen gefordert, gute betriebliche Lösungen für ihre Arbeitnehmerinnen zu finden. Das gilt auch für flexible Arbeitsbedingungen wie Möglichkeiten zum Home Office.

Zweitens: Gender Pay Gap schließen 
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Jeder Arbeitgeber, der eine Frau nur deshalb schlechter bezahlt, weil sie eine Frau ist, sollte sich schämen. Zum Schließen des Gender Pay Gap müssen aber auch die Frauen aktiv werden. Das fängt schon bei der Berufswahl an und hört beim Einfordern von einer offenen partnerschaftlichen Teilung von Familien- und Haushaltstätigkeiten nicht auf.

Drittens: Kinderbetreuung 
Es muss bessere Betreuungsangebote und -konzepte geben, die es Frauen ermöglichen, Vollzeit oder Vollzeitnah zu arbeiten. Und gleichzeitig ihre Kinder in den besten Händen zu wissen. Frauen dürfen nicht länger mit einem schlechten Gewissen durch ihr (Berufs-) Leben gehen.

Ein kurz der Blick zurück – das haben wir in Deutschland schon erreicht

Was wir bei all der Kritik nicht vergessen dürfen: Es ist in den letzten zwei bis drei Generationen viel passiert in Sachen berufliche Gleichberechtigung. Heute unvorstellbar: Bis 1958 hatte der Mann das Recht, wenn es ihm beliebte, den Anstellungsvertrag seiner Frau fristlos zu kündigen – nach eigenem Ermessen und ohne deren Zustimmung. Sogar bis 1977 brauchte eine Frau die ausdrückliche Erlaubnis ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten wollte. Auch ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, war Frauen bis 1962 nur mit der Zustimmung des Gatten erlaubt. Und erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen.

Noch bis 1987 lag der Frauenanteil im Bundestag deutlich unter 10 Prozent. Was für uns heute wie ein schlechter Scherz klingt, ist noch nicht lange her. Selbst die Einführung des Frauenwahlrechts jährte sich Ende 2018 erst zum 100. Mal. Also: Wir haben einen langen Weg hinter uns. Weiter geht’s in Sachen Gleichberechtigung. Die Zeichen standen nie besser als heute.