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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Beherbergungsverbot
Corona-Kompass kaputt!

Das Beherbergungsverbot ist ein Zeichen mangelnder politischer Sorgfalt. Dies gefährdet die Akzeptanz des Kampfes gegen die Pandemie. Und es verunsichert die Wirtschaft – mit schwerwiegenden Folgen.
Hotel Rügen Corona
Verlassene Strandkörbe auf Rügen © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner

Immer wieder betonen Politiker, wir hätten seit der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr eine Menge dazugelernt. Und das stimmt. Die Frage ist allerdings: was genau? Es sind im Wesentlichen drei zentrale Erkenntnisse.

Erstens: Ein kompletter Lockdown wirkt. Er sorgt tatsächlich für eine radikale Reduktion der Infektionen. Er ist gewissermaßen die letzte verfügbare harte Keule, mit der man politisch zuschlagen kann, um die pandemische Lage in den Griff zu bekommen. Diese positive Eigenschaft hat allerdings eine fürchterliche Kehrseite: Der Lockdown führt zum weitgehenden Stillstand der Wirtschaft. Sein Preis ist also gewaltig. Er darf deshalb nur als Instrument der allerletzten Instanz dienen.

Zweitens: Die Lockerung über den Sommer und Frühherbst enthält eine Reihe von überraschend positiven Lektionen. In wichtigen erwarteten Risikobereichen des öffentlichen Lebens – von Kitas und Schulen über den öffentlichen Nahverkehr in Bussen und Bahnen bis hin zur Organisation der Wirtschaft in Industrie und Dienstleistungen gab es eine bemerkenswert reibungslose Anpassung. Vor allem die Mobilität funktionierte – wo nötig mit Masken. Menschen und Gesellschaft passten sich im täglichen Leben an.

Drittens: Es gibt einige neue und schwere negative Erfahrungen in wohldefinierten Bereichen des sozialen Lebens. Diese liegen nicht in der täglichen Organisation von Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und sozialen Einrichtungen, sondern im Bereich des ausgelassenen Zusammenseins der Menschen. Große Feiern in Familie und unter Freunden, das Bier an der überfüllten Bar, das nächtliche Clubleben an Kultstätten der Unterhaltung – all das ist höchst gefahrengeneigt.

Dieses differenzierte Bild hat seine simple Logik: Dort, wo das Leben ohnehin gut strukturiert und organisiert ist, kann dieses Leben auch stärker reguliert weiterlaufen – mit Abstandsregeln, Plexiglasscheiben, Schutzmasken, Digitalkonferenzen, etc., etc. Dort aber, wo der eigentliche Zweck der Zusammenkunft in der Spontanität des Austauschs liegt, wird es gefährlich. Dort helfen im Extremfall nur Schließungen und Verbote, ggf. bewährt mit empfindlichen Sanktionen.

Soweit das Grundmuster. Dies sollte jedem vernünftigen Menschen, also dem Großteil unserer Bevölkerung einleuchten. Und das tut es auch. Jedenfalls solange sich die Politik daran hält. Eben dies hat sie mit dem jüngsten Beherbergungsverbot für Reisende aus Risikogebieten aber nicht getan. Hotels und Pensionen sind bisher nicht als „Hotspots des Superspreading“ aufgefallen. Und das hat gute sachliche Gründe: Eine Übernachtung mit Frühstück ist annähernd perfekt organisierbar. Lediglich die Hotelbar ist gefahrengeneigt, aber die kann man ja schließen – und viele Pensionen haben gar keine! Und was genau heißt eigentlich „Reisende aus Risikogebieten“? Die Inzidenz der Corona-Fälle ist typischerweise regional und lokal sehr differenziert. Mehr noch: Sie ergibt sich aus der Präsenz von bestimmten „sektoralen“ Risiken, die sich etwa in einer Großstadt ganz ungleich verteilen. Es ist eben kein Zufall, dass zum Beispiel in Berlin das erweiterte Zentrum besonders stark von Corona betroffen ist – logisch, denn gerade dort finden sich jene Bars und Clubs, die das Superspreading auslösen. Ist es dann nicht besser, gezielt den Hotspot auszutrocknen als Reisende aus Randbezirken wie Köpenick und Zehlendorf die Hotelübernachtung in Baden-Württemberg und Bayern oder Niedersachsen zu verweigern?

Kurzum: Es gilt, unser neu gewonnenes Wissen über Corona auch wirklich zielgerichtet anzuwenden. Nur so kann die Akzeptanz in der Bevölkerung aufrecht erhalten werden. Auch das Wohl der Wirtschaft hängt maßgeblich von der möglichst treffsicheren Nutzung dieses Wissens ab. Jüngste Prognosen der Forschungsinstitute zeigen, dass der Corona-bedingte Einbruch 2020 doch stärker ausfällt als zuletzt erwartet – und die anschließende Erholung zäher. Dies gilt für die Industrie, die auf die Reparatur der zusammengebrochenen internationalen Wertschöpfungsketten angewiesen ist. Es gilt aber gerade auch für den Binnenmarkt der Dienstleistungen – von Gastronomie und Hotellerie bis zu Tourismus. Dieser braucht klar begründete und gut durchdachte Regeln und keine politischen Schrotschüsse, die der Konsum- und Investitionsneigung abträglich sind. Ebenso schädlich ist ein Hin und Her von Äußerungen und Entscheidungen nach Gerichtsurteilen, die spezifische Eingriffe untersagen. Es verunsichert Verbraucher und Unternehmen, wenn die politischen Entscheidungsträger von Bund, Ländern und Kommunen regelmäßig durch die Justiz zurückgepfiffen werden (und dies offenbar bei ihren Entscheidungen in Kauf nehmen). Besser wäre die präzise Prüfung im Vorhinein – in den zuständigen Ministerien und Dezernaten.

Fazit: Bund, Länder und Kommunen tragen eine riesige Verantwortung für kluge Entscheidungen. Die Wahrung der Grundrechte sowie Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze hängen von ihnen ab. Mehr Sorgfalt ist das Gebot der Stunde.

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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