Bedroht die Globalisierung den Frieden?

19.11.2004

„Bedroht die Globalisierung den Frieden?“ – wie vielschichtig diese Frage beantwortet werden muss, zeigte der traditionelle Karl-Hermann-Flach-Disput der Friedrich-Naumann-Stiftung und Karl-Hermann-Flach-Stiftung e.V., der in Bad Homburg vor einem großem Publikum ausgetragen wurde.
Auch wenn die Chancen des weltweiten Globalisierungsprozesses übereinstimmend bejaht wurden, kam die hochkarätige Diskussionsrunde zu deutlich unterschiedlichen Bewertungen seines Einflusses auf den äußeren Frieden. Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage, ob die Globalisierung die gesellschaftlichen Konflikte im Innern verschärft.
Der Soziologe Prof. Dr. Erich Weede (Universität Bonn) brachte sein unbedingtes Credo für die friedensstiftende Wirkung der Globalisierung auf einen Nenner: Gewaltanfälligkeit ist überall da gering, wo Wachstum, Wohlstand und Demokratie bestehen.

Einen globalen Ordnungsrahmen, der in der Lage ist, Ungerechtigkeit zu beseitigen, forderte der Philosoph, Privatdozent Dr. Stefan Gosepath ein, der derzeit eine Lehrstuhlvertretung am Institut für Philosophie der Universität Potsdam inne hat. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Fragen der Gerechtigkeit und der ethischen Grundlagen dessen, was ein politisches System auszeichnet.

Der renommierte Sozial- und Finanzwissenschaftler, Prof. Dr. Diether Döring, Leiter der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt und Hochschullehrer, fand Antworten auf die Frage, warum bei allem sichtbaren ökonomischen Nutzen der Globalisierung, so viele Menschen skeptisch und ablehnend sind. Das veränderte ökonomische Spiel hat nicht nur Gewinner. Globalisierung bedeutet auch eine gewisse Dynamik von Veränderungsbewegungen in der Welt, die auch Gruppen oder Einzelpersonen tendenziell zu Verlierern dieses Prozesses werden lassen, sagte Döring. Globalisierung kennt genauso Verlierer wie der Kapitalismus. Dennoch liegt der Unterschied zwischen dieser ökonomischen Freiheitsordnungen und etatistischen Ordnungen mit schleichender Sozialisierung darin, „daß es dort nur noch Verlierer gibt“.

Als wichtigen Einzelaspekt hob Prof. Döring die positive Entwicklung in Europa hervor. Die Relationen zwischen stärkeren und schwächeren Staaten haben sich eindeutig positiv und mit deutlicher Reduktion der Ungleichheit entwickelt. In Europa sind alle Ökonomien betroffen von der Globalisierung, aber von den bis zu diesem Jahr 15 EU-Mitgliedsländern sind mehr als die Hälfte zu einer besseren ökonomischen Situation gekommen. „Nur zwei Nationen haben einen ungeheuren Rückstand: Deutschland und Frankreich.“

Einen weiteres Beispiel brachte Prof. Weede mit der aufsteigenden Weltmacht China, deren wachsende Wirtschaft stark mit dem Westen verflochten ist, vor allem mit den USA. Wenn der Herausforderer und die Status quo Weltmacht miteinander Handel treiben, gibt es Aussicht auf Frieden, sagte er.

Unter der Moderation von Sascha Tamm vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung spannte die Diskussionsrunde auch den Bogen zu den brandaktuellen Problemen der Bundesrepublik mit dem absehbaren Kollaps der sozialen Sicherungssysteme und einem beklagenswerten Unvermögen der Politik, die richtigen Weichen zu stellen.

Marianne Wagner