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Aufbruch Ost

Analyse13.06.2019Karl-Heinz Paqué
Paqué
Karl-Heinz PaquéPhotothek / Thomas Imo

Was ist los in Deutschlands Osten? Diese Frage drängt sich auf, wenn man die Schlagzeilen der vergangenen Tagen und Wochen zur Kenntnis nimmt. „Osten wird nie gleichziehen“, so behaupten viele Ökonomen. 

Wirtschaftlich jedenfalls zeigt der Osten ein vielschichtiges Bild – mit Stärken und Schwächen sowie Chancen und Risiken. Der schnell wachsenden Hauptstadt Berlin stehen ländlich geprägte Regionen gegenüber, denen die Leistungsträger davonzulaufen drohen. Eigenwillige Gründer mit Stehvermö- gen schaffen eine beachtliche Start-up-Kultur an den zahlreichen Universitäts- und Hochschulstandorten. Diese kann allerdings erst dann ihre volle Dynamik ausspielen, wenn sie Teil eines Netzwerks der Innovationskraft wird – mit der Metropole Berlin als Herz und Motor. Dafür braucht es Ideen und Konzepte für eine neue Politik, einen „Aufbruch Ost“.

 

Zu Anfang ein Gedankenexperiment: München in den frühen fünfziger Jahren. Ein junger Politiker - nennen wir ihn Franz Josef Strauß - fordert lauthals, das rückständige Agrarland Bayern müsse in 30 Jahren, also gerade mal in einer Generation, zur technologischen Topregion Deutschlands avancieren. Er wird mit dieser Forderung zunächst nicht sonderlich ernst genommen, zu groß erscheint der Rückstand Bayerns zu den hochindustrialisierten Kernregionen im Nord- und Südwesten der jungen Bundesrepublik, die sich von Rhein und Ruhr bis zu Baden und Württemberg erstrecken. Aber: Als Strauß 1988 stirbt, ist Bayern eine der führenden Wirtschaftszentren Deutschlands.

Wie gelang dies? Die Antwort ist verblüffend einfach: durch den Aufstieg des Ballungsraums München. Wie ein dynamischer Motor zog er den gesamten Süden Bayerns bis weit in die entlegensten Regionen des Landes mit nach oben. Das war kein Zauber, sondern im Wesentlichen das, was immer passiert, wenn ein städtischer Großraum kräftig wächst und wie ein Magnet Menschen anzieht. Die Einwohnerzahl Münchens stieg von rund 700.000 im Jahr 1950 auf 1,3 Millionen Mitte der achtziger Jahre. Die Stadt war zu einer Metropolregion geworden, zum Zentrum technologischen Wissens und des Exports industrieller Spitzenleistungen und hochqualifizierter Dienstleistungen. Und mit ihr Bayern!

Was für ein Kontrast zu den Stimmen, die derzeit über die wirtschaftliche Zukunft Mittel- und Ostdeutschlands die Schlagzeilen beherrschen. Vor wenigen Wochen stellte fast alle führenden Ökonomen fest, dass die Region auf Dauer keine Chance habe, den Westen zu erreichen. Der Rückstand in der wirtschaftlichen Leistungskraft bleibe langfristig stabil: gesamtwirtschaftlich bei rund 20 Prozent und in der Industrie bei rund 30 Prozent, wenn man es in der Höhe der Arbeitsproduktivität misst. Ähnliches gilt für das Lohnniveau.

Der Abstand ist in der Tat seit fast 20 Jahren recht konstant. Nach dem Aufholspurt der Neunziger Jahre hat sich nicht mehr allzu viel getan. Und dies lässt sich auch mit ebenso zählebigen Rückständen der Wirtschaftsstruktur erklären, die da lauten: kleinere Betriebe als der Westen, geringerer Export sowie vor allem weniger Innovationskraft gemessen an den Ausgaben und dem Personal für Forschung und Entwicklung.

Regionale Potenziale heben

So die Standard-Story des Ostens. Sie ist natürlich für die Gegenwart faktisch nicht falsch, aber für die Zukunft merkwürdig phantasielos. Denn sie lässt die regionalen Potenziale außer acht, die es im Osten gibt – ganz genauso wie im Bayern der frühen fünfziger Jahre. Man ersetze „München“ durch „Berlin“ – und schon zeichnet sich als optimistische Vision ein ganz anderes Bild ab, und zwar eher noch zu Gunsten des heutigen Ostens im Vergleich zum gestrigen Bayern. Berlin ist heute schon eine Stadt mit derzeit 3,6 Millionen Einwohnern, fünfmal so groß wie München in den frühen fünfziger Jahren und mit deutlichem Trend weiter nach oben. Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts wächst der Stadtstaat Berlin wirtschaftlich schneller als alle anderen Bundesländer einschließlich Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, den Leistungsträgern der alten Bundesrepublik, und natürlich schneller als die mit- tel- und ostdeutschen Flächenländer, von denen derzeit vor allem Brandenburg dem Wachstum der Metropole viel verdankt.

Das war übrigens in der ersten Aufholphase nach der deutschen Wiedervereinigung anders. Damals waren es die mitteldeutschen Industrieregionen – und besonders Sachsen und Thüringen –, die davoneilten, während die Hauptstadt tief in einer wirtschaftlichen Krise steckte.

Aber diese schlechten Zeiten sind vorbei. Dabei lässt sich nicht unbedingt behaupten, dass Berlin sein Potenzial voll ausschöpft. Zynisch formuliert: Die Stadtpolitik tut alles, um, das Wachstum zu verhindern – aber es gelingt ihr nicht. Ein ewig unfertiger Großflughafen, eine unselige Diskussion über Enteignungen von Wohnungsbaugenossenschaften und der tägliche Ärger mit einer Verwaltung, die nicht funktioniert, sind nur einige Belege dafür. Dagegen steht das ungeheure Gewicht einer Infrastruktur in der Wissenschaft, die in Deutschland ihresgleichen sucht: drei Universitäten und diverse weitere Hochschulen und Bildungseinrichtungen mit insgesamt rund 200.000 Studierenden sowie eine längst etablierte starke Gründerkultur, die rund 40 Prozent aller Start-ups in Deutschland pro Jahr hervorbringt – und dies besonders rund um die Informationstechnologie, in der unsere Nation einen klaren Rückstand gegenüber den globalen Zentren der Innovationskultur hat, allen voran gegenüber den USA.

Hinzu kommt – schwer objektiv fassbar – eine kulturelle Attraktivität: Die Stadt Berlin ist „hip“ und zieht interessante Menschen mit unternehmerischen Ideen aus aller Welt an. Man schätzt, dass rund 15.000 junge Israelis in Berlin leben und fast schon einen Ableger des quirligen Tel Aviv schaffen. Allerdings ist die Stadt nach west- deutschen urbanen Maßstäben keineswegs wohlhabend. Mit einer 30 Prozent niedrigeren wirtschaftlichen Leistungskraft pro Kopf als Hamburg gilt noch immer das treffende Wort des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit: „Wir sind arm, aber sexy.“

Genau dies zeigt aber auch, welches Potenzial noch auszuschöpfen ist: Die Normalisierung der Leistungskraft und der Einkommen auf das höhere Niveau der westdeutschen Metropolen wie Frankfurt, Hamburg oder München steht erst noch an und könnte weiteren gewaltigen Schub bringen. Der Expansion sind auch räumlich kaum Grenzen gesetzt: Die deutsche Teilung hat dafür gesorgt, dass sich die Stadt bisher nur wenig in der Fläche ausgedehnt hat, viel weniger jedenfalls als westdeutsche Großstädte in der Zeit nach dem Krieg. Das Umland ist vergleichsweise dünn besiedelt und könnte eine Expansion Berlins recht mühelos auffangen, einen entsprechenden Ausbau der Verkehrsinfrastruktur vorausgesetzt.

Was bedeutet dies für Mittel- und Ostdeutschland insgesamt? Es ist eine riesige Chance, so lautet die Antwort. Berlin und sein Umland sind umgeben von einem Kranz von Großstädten in etwa 150 Kilometer Entfernung – von Magdeburg über Halle/Saale und Leipzig bis nach Dresden. Jede dieser Städte (plus die weiter entfernten Erfurt, Jena und Rostock) sind Universitäts- und Industriestädte mit stabiler, zum Teil wieder wachsender Bevölkerung und urbanen Speckgürteln, deren „Speck“ im Vergleich zu Frankfurt am Main, Hamburg und München vielleicht noch recht mager ausfällt, aber doch auch tief ins Land reicht. Jedenfalls sind es mehr und größere Ballungszentren als es sie in Bayern bis heute gibt.

Mitteldeutschland und der Großraum Berlin, das waren bereits in der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik etablierte Industrie- und Wirtschaftsregionen, in ihrer Innovationskraft nur vergleichbar mit dem Rhein/Ruhr-Gebiet – und natürlich weit vor Bayern!

Warum werden diese Chancen heute offenbar von der Politik nicht erkannt? Die Antwort liegt zum einen in einer latenten Neigung der Deutschen zum Pessimismus, die noch bestärkt wird durch so manche enttäuschte, weil eben völlig überzogene Erwartung der frühen neunziger Jahre. Willy Brandt formulierte: „Was zusammen- gehört, wächst zusammen“; und Helmut Kohl versprach blühende Landschaften, ohne zu ahnen, dass die Einlösung des  Versprechens Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. 30 Jahre nach dem Mauerfall sind aber die Voraussetzungen endlich so, dass ein zweiter Spurt – ein Aufbruch Ost nach dem Aufbau Ost – nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. Dazu braucht es allerdings eines grundlegenden mentalen Wandels: weg von der Diagnose und Klage  des noch nicht Erreichten zu einer Orientierung auf Zukunftsziele.

Masterplan Aufbruch Ost

Es sind vor allem zwei Ziele, die für einen Masterplan „Aufbruch Ost“ ins Auge gefasst werden müssen: das weitere Wachstum des Motors Berlin sowie die Vernetzung des gesamten mittel- und ostdeutschen Wirtschafts- und Wissenschaftsraums. 

Was die Metropole Berlin betrifft, wäre es nicht im Geringsten vermessen, eine Zukunft mit fünf Millionen Menschen bis zur Jahrhundertmitte ins Auge zu fassen, also ein Wachstum der Bevölkerung des Großraums von knapp 50.000 Menschen pro Jahr. Dies erfordert natürlich ein entschlossenes Investitionsprogramm, was die Erschließung des Umlands und die Verdichtung der Stadt selbst betrifft. Die Länder Berlin und Brandenburg müssen ihre provinzielle Eigenbrötelei aufgeben. Dafür braucht es kein gemeinsames Bundesland, aber eine effiziente gemeinsame Raumplanung, von der auf lange Sicht alle profitieren. Es ist der gemeinsame Weg zurück zur Weltstadt Berlin, so wie sie das Kaiserreich und die Weimarer Republik kannte, aber natürlich in moderner Form.

Was den Kranz der Städte in den umliegenden Ländern jenseits von Brandenburg betrifft, muss alles getan werden, um die räumliche Arbeitsteilung mit dem wachsenden Berlin zu verdichten. Dies erfordert die Pflege der Infrastruktur in Kommunikation und Verkehr. Daneben muss ein kräftiger Sprung in der Vernetzung der Wissenschaftslandschaft zustande kommen. Erst diese ermöglicht langfristig ein mittel- und ostdeutsches Zusammenwachsen auch jener wirtschaftlichen Start-up-Kultur, die bisher vor allem in Berlin angesiedelt ist. Dabei bringen Sachsen, Sachsen-Anhalt und auch Thüringen eigene technisch-industrielle Schwerpunkte mit, die in der Vergangenheit wurzeln, aber zukunfts- weisend sind, so zum Beispiel die Mikroelektro- nik in Sachsen, Maschinenbau, Chemie und Fotovoltaik in Sachsen-Anhalt sowie Feinmechanik und Optik in Thüringen.

Auch jenseits von Berlin muss natürlich der Grundsatz gelten: weg von Provinzialität und hin zu einer Zusammenarbeit über Ländergrenzen. Dies ist der einzige Vorteil, den man dem Bayern zu Zeiten von Franz Josef Strauß zubilligen muss: Es gab seinerzeit nur ein Bayern als politische Einheit, und da fiel es möglicherweise leichter, von provinzieller Kleinteiligkeit abzusehen. Aber auch in Bayern gab es „Stämme“ mit unterschiedlichen regionalen Interessen – von Ober- und Niederbayern bis in die Oberpfalz und nach Franken. Es wird Zeit, dass sich der Osten wie damals die Bayern auf seine gemeinsamen Hausaufgaben konzentriert. Insofern muss eine gemeinsam erlebte und erlittene Vergangenheit in der ehemaligen DDR kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Sie kann beim Aufbruch Ost beflügeln – vorausgesetzt, man schaut endlich zuversichtlich in die Zukunft.

 

Dieser Artikel erscheint in der neuen liberal mit dem Themenschwerpunkt „Aufbruch Ost“.