"Arbeitgeber haben ein großes Interesse an Flexibilisierung"

Im Gespräch mit dem Arbeitsrechtler Alexander Zumkeller

Meinung11.01.2017
Alexander Zumkeller
Alexander Zumkeller, Präsident des Bundesverbands der Arbeitsrechtler in Unternehmen (BVAU)BVAU

Alexander Zumkeller, der Präsident des Bundesverbands der Arbeitsrechtler in Unternehmen, weiß: "Das heutige Arbeitszeitgesetz ist eine Gängelung für die Mitarbeiter". Gleichzeitig hat er auch die Interessen der Arbeitgeber im Blick, die qualifizierte Mitarbeiter suchen und im Unternehmen halten müssen. Warum das Arbeitsrecht den Entwicklungen in der Arbeitswelt hinterherhinkt und was Vorschläge für eine Modernisierung sind, erläutert er im Gespräch mit freiheit.org.

Herr Zumkeller, aktuell hinkt das Arbeitsrecht hinter den Entwicklungen in der Arbeitswelt hinterher. Was sind für Sie die wichtigsten Leitlinien, nach denen Arbeitszeitgesetz und Arbeitsschutzgesetz reformiert werden sollten?

Das Arbeitszeitgesetz muss weiterhin hinreichend Arbeitsschutz bieten, da gibt es gar keine Frage. Aber das muss angepasst werden den Bedarfen der Arbeitgeber und denen der Beschäftigten.

Arbeitgeber haben immer wieder das Thema Rufbereitschaft und Service. Da kann nach 10 Stunden Serviceeinsatz niemand den Schraubenschlüssel fallen lassen, wenn es noch eine Stunde dauern würde. Hier sollten mit den Betriebsräten angepasste Arbeitszeitmodelle mit hinreichend langen Erholungszeiten am Stück vereinbart werden können. Und: Globalisierung. Ich denke, dass hier Ausnahmen wie "definierte Unterbrechungen der Ruhezeit" mit den Betriebsräten vereinbart können werden sollten. Überhaupt: Statt wie heute Arbeit 10 Stunden täglich und Ruhezeit 11 Stunden, was spräche für eine durch die Betriebsparteien definierte Verteilung von maximal 60 Stunden Arbeitszeit in der Woche und Mindestens 77 Stunden Ruhezeit in der Woche?

Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, Ihre privaten Belange und Arbeitszeit zusammenzubringen. Das heißt zum Beispiel, dass eine Ruhezeit von 11 Stunden kein Dogma sein darf, wenn der Mitarbeiter selbst sie nicht am Stück sondern lieber in zum Beispiel zwei Teilen haben mag. Einfaches Beispiel: Sie wollen von 06 Uhr bis 10 Uhr und von 18 Uhr bis 22 Uhr arbeiten. Etwa, weil Sie mit den Kindern was machen möchten, oder Sie ehrenamtlich engagiert sind, oder einfach nur weil das Wetter toll ist und Sie baden gehen wollen. Geht nicht - nach 22 Uhr dürfen Sie erst um 9 Uhr am nächsten Tag arbeiten... 

Am 18. 1. zu Gast in Berlin: Alexander Zumkeller
Am 18. 1. zu Gast in Berlin: Alexander ZumkellerBVAU

Um Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern substanziell mehr Selbstbestimmungsoptionen bei der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen zu gewähren, konstatieren Sie einen "hohen Lernbedarf - bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern". Worin sehen Sie diesen Lernbedarf?

Der Lernbedarf ist immens: Sehen wir uns einmal einen Mitarbeiter im Homeoffice an: Ich bewundere sehr, wie Kolleginnen oder Kollegen bei all den Ablenkungen zu Hause konzentriert arbeiten können. Der Postbote klingelt, der Nachbar sieht vorbei, die Kinder ... Klar muss das erst einmal erlernt werden, wie man damit umgeht. Übrigens auch mit der Arbeitszeit: Werden die Pausen eingehalten, die gesetzliche Höchstarbeitszeit, die Ruhezeit von 11 Stunden? Das den Mitarbeitern zu sagen, ist eines, aber wie sie damit umgehen etwas anderes. Spätestens hier wird deutlich, welche Gängelung das heutige Arbeitszeitgesetz ist - für die Mitarbeiter wohlgemerkt.

Alexander Zumkeller

Es wird aber immer mehr Vereinbarungen zur Flexibilisierung der Arbeitsgestaltung geben. Die Mitarbeiter fordern so etwas immer stärker ein. Und der Markt macht ihnen möglich, das durchzusetzen

Alexander Zumkeller, Präsident des BVAU

Und die Unternehmen, das heißt die Führungskräfte, die Kollegen: Freilich ist es was ganz anderes, ob ich mal zum Kollegen im nächsten Büro gehe und mich kurz austausche, oder ob ich das "Hindernis" von E-Mail, sametime oder Skype zwischen uns steht. Freilich ist es eine neue Herausforderung für Führungskräfte, alles "zusammenzuhalten" wenn nicht alle Mitarbeiter präsent sind und zu unterschiedlichsten Arbeitszeiten verfügbar sind. Virtuelle Meetings - jeder, der das macht, weiß, dass das etwas anderes ist als die tägliche Kommunikation "Aug in Aug".

Wie kann der Weg zu einer solchen Flexibilisierung aussehen?

Zunächst einmal möchte ich festhalten: Optionen der eigenen Gestaltung von Arbeit, Ort, Zeit, sind zu vereinbaren - individuell oder mit dem Betriebsrat. Per se gibt es kein "Selbstbestimmungsrecht" im Arbeitsverhältnis - das macht ja den Unterschied vom Arbeitnehmer zum Selbstständigen aus!

Es wird aber immer mehr solche Vereinbarungen geben. Die Mitarbeiter fordern so etwas immer stärker ein. Und der Markt macht ihnen möglich, das durchzusetzen - lehne ich heute einem qualifizierten Mitarbeiter, einer qualifizierten Mitarbeiterin, zum Beispiel Homedays ab, wird er oder sie sich schlicht einen neuen Job suchen - und auch finden. Also: Die Arbeitgeber haben ein sehr großes eigenes Interesse an Flexibilisierung. Aber skaliert, dort wo es geht und sinnvoll ist.

Herr Zumkeller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.