Oxfam-Bericht

Alle Jahre wieder: Garbage In, Garbage Out

Meinung25.01.2019Andreas Peichl
Oxfam-Bericht
Oxfampicture alliance / empics

Alle Jahre wieder prangert die Hilfsorganisation Oxfam pünktlich zum Weltwirtschaftsforum in Davos die Armut und Ungleichheit der Vermögensverteilung auf der der Welt an. In den Medien werden die Befunde des Berichts in der Regel unkritisch wiedergegeben (z.B.: derFreitag: „Das muss sich ändern“ ). Gleichzeitig gibt es auch alle Jahre wieder Kritik an dem Bericht – auch von mir.

Mein Hautkritikpunkt an dem Oxfam-Bericht ist, dass die Datengrundlage die teilweise tendenziösen Aussagen insbesondere in der Kommunikation des Berichtes nicht hergibt. Der Oxfam-Bericht beruht auf dem Credit Suisse Global Wealth Report 2018. Dessen Datengrundlage erlaubt keine Aussagen über jährliche Trends. Denn das einzige was über die Zeit wirklich variiert sind die flexiblen Wechselkurs zum US-Dollar sowie die Aktienkurse. Das heißt einer der Hauptgründe für Änderungen in der Vermögensverteilung von 2017 zu 2018 im Oxfam-Bericht ist die Geldpolitik der amerikanischen Fed. Durch die Aufwertung des US-Dollars gegenüber des Chinesischen Yuans in 2018 sind beispielsweise die Chinesischen Vermögen um ca. 10% im Durchschnitt gesenkt worden. Ohne dass sich in China etwas verändert hat. Des Weiteren fehlt eine Kaufkraftbereinigung. Ein Vermögen von 1000 Dollar wird als gleichwertig angesehen -- egal ob man die Preisniveaus der USA, Schweiz oder von Burkina Faso hat.

Gleichzeit führen andere Annahmen zu einem (linearen) Anstieg der Vermögensungleichheit. Denn die zugrundeliegenden Daten sind leider nicht perfekt. Vollständige Daten liegen nur für 28 Länder vor. Für weitere 24 Länder liegen unvollständige Daten vor. Für die restlichen 142 Staaten liegen keine Daten vor. Um dennoch Aussagen treffen zu können werden die Vermögensverteilungen für diese Länder „geschätzt“. Das ist zwar unter teilweise heroischen Annahmen möglich, allerdings sollte dann auch die statistische Unsicherheit bei den folgenden Analysen berücksichtigt werden. Diese wird im Bericht jedoch nicht ausgewiesen. Meine „Schätzung“ bzw. Vermutung aufgrund der verwendeten Daten und Methoden ist jedoch, dass diese so hoch ist, dass man theoretisch viele beliebige Trends von steigender bis hin zu fallender Ungleichheit begründen bzw. zumindest statistisch nicht ausschließen könnte.

Aber es wird noch schlimmer. Für die 52 Länder, für die es Daten gibt, liegen in der Regel Befragungsdaten vor. Diese haben ihre eigenen Probleme bei der Messung von Ungleichheit und auch die Ergänzung um die Forbes-Reichenliste führt allenfalls zu einer Verschlimmbesserung. Aber selbst wenn man diese Daten als die bestmögliche Quelle akzeptiert, gibt es noch weitere Probleme. Das aktuellste Jahr beispielsweise für Deutschland ist ebenso wie für Indien 2012. Für die USA gibt es immerhin schon Daten aus 2016, dafür für Schweden oder Thailand nur für 2006 bzw. 2007.

Um jetzt jedes Jahr einen Bericht veröffentlichen zu können, werden die Daten nun unter zu Hilfenahme von Annahmen und Modellen „fortgeschrieben“. Hier spielt wie oben schon erwähnt der Wechselkurs zum Dollar eine Rolle ebenso wie die Entwicklung auf den Aktien- und Immobilienmärkten. Diese Faktoren verändern die Bewertung der Vermögen. Die Struktur der Vermögen wird jedoch konstant auf dem Niveau des Datenjahres (2007-2016) gehalten. Wirkliche Aussagen über Ungleichheitstrends lassen sich mit diesen Daten nicht treffen.

Als Fazit bleibt somit festzuhalten, dass auf Basis dieser Datengrundlage keine jährlichen Ungleichheitsveränderungen berechnet werden sollten. Dafür ist das Verteilungsthema zu wichtig und mit solch fragwürdigen Berichten richtet man im Zweifel mehr Schaden als Nutzen an.

Es ist ja nicht so, dass die globale Ungleichheit kein Thema ist. Es hat sich zwar viel verbessert, aber es gibt auch noch viel zu tun. Und die Politikforderungen von Oxfam kann ich uneingeschränkt teilen (siehe auch hier): Investitionen in soziale Gerechtigkeit erhöhen, Geschlechtergerechtigkeit schaffen und Steuervermeidung stoppen. Doch für diese Forderungen brauche ich keine tendenziöse Kommunikation auf Basis einer fragwürdigen Datengrundlage. 

Weiterführende Links

SRF: «Die Welt ist viel besser als wir denken»
Our World in Data: Global Economic Inequality
Makronom: Die (scheinbar) paradoxe Entwicklung der globalen Ungleichheit