Agententhriller Nordkorea

Unser Büroleiter in Seoul zu Raketentests und dem Mord an Kim Jong-nam

Meinung15.02.2017
Flughafen Kuala Lumpur
Blick in einen Gebäudeflügel des Flughafens in Kuala LumpurPublic Domain

Medienberichten zufolge wurde Kim Jong-nam am Montag dieser Woche am Flughafen in Kuala Lumpur ermordet. Im Interview mit freiheit.org gibt Lars-André Richter, Büroleiter für die Stiftung für die Freiheit in Seoul, eine erste Einschätzung zum Mord am Halbbruder des nordkoreanischen Herrschers Kim Jong-un.

Wer war Kim Jong-nam?

Der älteste Sohn Kim Jong-ils, des starken Mannes in Pjöngjang in den Jahren 1994 bis 2011. Den Vater teilte er sich mit Kim Jong-un, dem jetzigen nordkoreanischen Herrscher. Die beiden hatten allerdings verschiedene Mütter und die von Kim Jong-Nam war keine Ehefrau von Kim Jong-il. Auch wenn es immer wieder als kommunistischer Staat bezeichnet wird: Nordkorea ist eine Erbdynastie. Kim Jong-nam war als ältester Sohn zunächst eine Art Kronprinz. 2001 fiel er allerdings in Ungnade, nachdem er mit gefälschten Papieren bei der Einreise nach Japan aufflog. Nicht mal bei der Beerdigung seines Vaters zehn Jahre später wurde er gesehen.

Spielte er im nordkoreanischen Machtgefüge trotzdem noch eine Rolle?

Es gibt Gerüchte, dass er auch nach 2001 in Verbindung mit Jang Song-thaek, seinem 2013 getöteten Onkel, gestanden hat.

Das klingt nach Agententhriller. Könnte hier das Motiv für einen Mord liegen?

Möglich. Unabhängig davon aber düfte er für die dynastische Legitimität seines jüngeren Halbbruders eine Gefahr dargestellt haben, trotz seiner Vorgeschichte. Der Kopf einer Exilregierung, die eine baldige Machtübernahme in Pjöngjang vorbereitet hätte, war er allerdings nicht. Öffentlich meldete er sich nur selten zu Wort. Kritische Äußerungen zu seiner Heimat sind mehrere Jahre alt.

Ein nordkoreanisches Attentat wäre das erste im Ausland seit Langem.

In der Tat, die Zeit des gehäuften Auslandsterrorismus mit Flugzeugattentaten oder Entführungen liegt Jahrzehnte zurück.1997 wurde Yi Han-yong, ein Neffe der Mutter Kim Jong-nams, in Seoul ermordet. Das war, soweit man weiß, der letzte nordkoreanische Anschlag auf ausländischem Boden.

Lars-André Richter
Lars-André Richter, Büroleiter der Stiftung für die Freiheit in SeoulFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Knüpft Pjöngjang an diese Zeiten nun wieder an?

Nicht auszuschließen, sofern es um gezielte Attentate geht. Es ist daher nur folgerichtig, dass der Polizeischutz für prominente Flüchtlinge wie Thae Yong-ho, der im Vorjahr über Umwege nach Südkorea geflohene nordkoreanische Vizebotschafter in London, verstärkt wird. International hat sich Pjöngjang in den letzten zwei Jahrzehnten allerdings vor allem durch sein Nuklearprogramm Gehör verschafft, weniger durch Anschläge oder ähnliches. Ich denke, dass man diese Linie fortsetzt.

A propos Atompolitik: Erst der Raketentest am Sonntag, einen Tag später dann ein Attentat – will man nicht vielleicht auch einfach Aufmerksamkeit vor dem 75. Geburtstag von Kim Jong-il am 16. Februar?

Wahrscheinlich. Interessanter ist aber noch etwas anderes. Kim Jong-nam soll Gerüchten zufolge in den letzten Jahren unter chinesischem Schutz gestanden haben. Seit Montag steht Malaysia im Zentrum der Aufmerksamkeit, das einzige Land, mit dem Visafreiheit besteht – und neben China eines der ganz wenigen, die überhaupt noch engere Kontakte zu Nordkorea pflegen. Sowohl Peking als auch Kuala Lumpur dürften sich nun zumindest düpiert fühlen.

Was bedeutet all das für die neue Mannschaft in Washington?

Eine elaborierte Nordkorea-Strategie hat die neue US-Regierung genauso wenig wie die alte. Das Trump-Establishment übt derzeit noch auf vielen Feldern. Pjöngjang dürfte all das genau verfolgen – und das Atomprogramm unbeirrt fortsetzten.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unseren Korea-Experten der Stiftung für die Freiheit:

Dr. Lars-André Richter
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
+82 222 952155