Wie gefährlich sind Fake News?

Falschmeldungen haben laut Studie wenig Einfluss auf Meinungsbildung

Meinung21.06.2017Julia Kranz
Was tun gegen "Fake News"?
Wenn Pinocchio lügt, wird die Nase lang - Falschmeldungen im Internet sind leider nicht so kinderleicht zu erkennen.istock / malerapaso

Falschmeldungen, Propaganda, die klassische Zeitungsente – gibt es seit es Medien gibt. Warum der relativ neue Begriff „Fake News“ plötzlich in aller Munde ist und was das auch mit dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu tun hat, erklärt Philipp Müller im Interview. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler hat in einer aktuellen Studie für die Friedrich-Naumann-Stiftung untersucht, wie sich gefakte Nachrichten im Internet auf die Meinungsbildung auswirken. Mit freiheit.org spricht der Experte auch über Sinn oder Unsinn des Löschens von „Fake News“, das geplante Netzwerkdurchsuchungsgesetz, überzeugendere Maßnahmen und offene Forschungsfragen.

Herr Müller, Sie forschen an der Universität Mainz über die Wahrnehmung von Medien, auch im Hinblick auf ihre populistischen Wirkungsweisen. Für die Friedrich-Naumann-Stiftung haben Sie jetzt die Auswirkungen von "Fake News" im Internet analysiert. Haben Sie selbst schon einmal eine Falschmeldung für bare Münze gehalten? Wenn ja, welche war das?

Klar. Zu behaupten, irgendjemand wäre davor gefeit, Falschmeldungen fälschlicherweise zunächst zu glauben, wäre anmaßend. Das kann uns allen passieren, auch Medienforschern und Journalisten. Als es zum Beispiel im Nachklapp zur letzten Silvesternacht hieß, in Frankfurt-Sachsenhausen habe es sexuelle Übergriffe gegeben, ähnlich denen im Vorjahr in Köln, da habe ich das zunächst geglaubt. Es wurde ja auch von professionell arbeitenden Medien aufgegriffen und verbreitet. Später hat sich dann herausgestellt, dass das gelogen war.

Philipp Müller
Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller sieht das Löschen von Fake News im Internet eher kritisch.

Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern hat „Fake News“ zum Anglizismus des Jahres gekürt. Falschmeldungen, Propaganda, die klassische Zeitungsente – gibt es seit es Medien gibt. Warum sind „Fake News“ plötzlich in aller Munde? Und wieviel hat das auch mit dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu tun?

Der Unterschied zur klassischen Zeitungsente besteht darin, dass Fake News wissentlich und willentlich als Falschmeldungen verbreitet werden. Bei der Zeitungsente liegt in den meisten Fällen ein Irrtum oder Versehen vor. Journalisten, zumindest in freien, demokratischen Staaten haben wenig Interesse daran, Falschmeldungen zu verbreiten. Im Internet kann aber jeder zum Journalist werden, ohne dafür von einer großen professionell arbeitenden Nachrichtenorganisation eingestellt zu werden. Und da kann es dann aus verschiedenen Gründen reizvoll sein, bewusst Falschmeldungen zu verbreiten. Weil sich damit über Werbebanner Geld verdienen lässt, wenn andere diese Meldungen lesen – oder weil man sie für politische Zwecke instrumentalisieren kann. Im Zuge des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs hat vor allem das Lager von Donald Trump und sogenannte „alternative“ Medienanbieter wie Breitbart, die den Kandidaten unterstützt haben, auf diese Karte gesetzt. Übrigens schon in den Vorwahlen innerhalb der republikanischen Partei. Gleichzeitig bezichtigt Trump jetzt gerne alle anderen politischen Lager und Medienanbieter, Falschmeldungen zu verbreiten.

Er hat als politisches Phänomen also viel damit zu tun, dass wir heute über Fake News sprechen. Dass er gleichzeitig für einen US-Präsidenten erstaunlich niedrige Zustimmungswerte hat, zeigt allerdings andererseits, dass ihm eine Mehrheit der Bürger das nicht so einfach durchgehen lässt.

Sind Nutzer denn generell nicht eher kritisch gegenüber dem Wahrheitsgehalt von Social-Media-Inhalten eingestellt? Oder ist gerade das Gegenteil der Fall? Inwiefern haben gefakte Nachrichten im Kontext von Online-Kanälen überhaupt das Potenzial, Meinungen zu verändern?

Nachrichteninhalte werden vor allem dann kritisch hinterfragt, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, sie zu rezipieren, wenn wir zum Beispiel an einem bestimmten Thema stark interessiert sind oder ganz generell motiviert sind, uns mal über das aktuelle Geschehen zu informieren. Dann wenden wir uns Nachrichten bewusst zu und denken auch über sie nach. Dann können Nachrichten Meinungen auch verändern. Wenn wir Nachrichten auf Social-Media-Kanälen wie Facebook anschauen, ist das aber oft nicht der Fall. Die wenigsten Nutzer rufen Facebook auf, um sich gezielt über Nachrichten zu informieren. Die meisten wollen sich dort einfach die Zeit vertreiben. Das zeigen Studien. Trotzdem erreichen uns dort auch immer mehr Nachrichten. Diese werden auf Facebook aber eher wenig bewusst und damit auch eher unkritisch verarbeitet. Ich überfliege sie. Nur wenn mich ein Thema interessiert, bleibe ich hängen, und lese vielleicht den kompletten Artikel der dort verlinkt ist. Bleibt es beim Überfliegen, ziehe ich in erster Linie Schlüsse, die meine bestehende Meinung bestätigen. Wenn eine Überschrift bei Facebook beispielsweise eine eindeutig negative Bewertung über eine Politikerin enthält, ich diese Politikerin aber sehr gut finde, dann werde ich der Meldung kritisch gegenüberstehen, und meine Meinung nicht ändern, weil ich mich nicht mit den Argumenten beschäftige. Meinungen werden von Meldungen, und damit auch Falschmeldungen, auf Social-Media-Kanälen also tendenziell weniger stark beeinflusst, weil sie meist nebenbei verarbeitet werden.

Im von der Bundesregierung eingebrachten Netzwerkdurchsuchungsgesetz ist aber das zügige Löschen von offensichtlich recthswidrigen „Fake News“ durch die Betreiber von Social-Media-Plattformen als Lösungsweg vorgesehen. Wie stehen Sie zu dem geplanten NetzDG? Was heißt das für die Meinungsfreiheit?

Das NetzDG ist aus meiner Sicht in verschiedener Hinsicht problematisch. In unserem Gutachten legen wir dar, dass die zu befürchtenden negativen Folgen von Fake News aus medienpsychologischer Sicht nicht so schwerwiegend sind, wie man anhand der aktuell hitzig geführten Debatte denken könnte. Das Löschen könnte sogar nach hinten losgehen, wenn es diejenigen, die gezielt nach entsprechenden Inhalten suchen, verärgert, von der gesellschaftlichen Debatte weiter entfremdet und in abseitigere Winkel des Internets treibt, wo dann eine richtige Gegenöffentlichkeit der Verschwörungstheorien entstehen könnte. Allerdings ist hier noch weitere Forschung nötig, um das mit noch größerer Sicherheit sagen zu können. Zudem ist fraglich, ob es überhaupt ein neues Gesetz braucht. Zur Verfolgung von Straftatbeständen wie Verleumdung oder Volksverhetzung gibt es bereits Gesetze. Das NetzDG verlagert hier eine hoheitliche Aufgabe von der Justiz in den privatwirtschaftlichen Bereich.

Philipp Müller

Die befürchteten negativen Folgen von Fake News sind aus medienpsychologischer Sicht nicht so schwerwiegend, wie man anhand der aktuell hitzig geführten Debatte denken könnte.

Philipp Müller

Plattformbetreiber werden dafür verantwortlich gemacht, zu entscheiden, ob eine Meldung rechtswidrig ist. Aus gutem Grund wird das in Demokratien aber nicht von Unternehmen, sondern von Gerichten entschieden. Denn nur so kann Meinungsfreiheit gewährleistet werden. Was wahr und was unwahr ist, ist in manchen Fällen gar nicht so einfach zu beantworten. Gerichte würden in einem solchen Zweifelsfall Inhalte eher stehen lassen. Plattform-Betreiber stehen durch das Gesetz unter Druck, Inhalte im Zweifelsfall  zu löschen, weil ihnen sonst Strafen drohen. Für die Meinungsfreiheit wäre das, zurückhaltend gesagt, nicht so toll. Denn so dürften auch Inhalte gelöscht werden, gegen die gar nichts einzuwenden ist.

Welche Maßnahmen erscheinen Ihnen – ob staatlich vorgegeben oder von den sozialen Netzwerken selbst entwickelt -  im Kontext von „Fake News“ sinnvoll? Und welche Forschungen und Fragen möchten Sie gerne vorantreiben und beantwortet wissen?

Wichtig ist, vor allem eine neue Medienkompetenz zu vermitteln. Klassischerweise wird in Schulen schon heute vor allem Quellenkunde vermittelt: Wie werden Medieninhalte erstellt und welche Quellen sind seriös? Im Internet-Zeitalter ist es aber auch wichtig, dass die Bürger mehr über ihr eigenes Nutzungsverhalten wissen. Sie übernehmen jetzt einen Teil der Aufgabe, die früher der Journalismus erledigt hat, nämlich aus dem Angebot an Nachrichten und Informationen auszuwählen. Im Internet begegnen wir täglich einer riesigen Menge an Informationen, nur wenige unterliegen einer Qualitätskontrolle. Das muss der Bürger nun selbst übernehmen. Dafür ist es nicht nur wichtig, richtig einschätzen zu können, woher Informationen stammen und welche Absicht der Ersteller wohl hatte, ich muss auch darüber Bescheid wissen, welche Mechanismen bei mir selbst wirken, wenn ich Nachrichten auswähle und verarbeite. Medienkompetenz im Informationszeitalter muss also auch Mediennutzungs- und Medienwirkungskunde umfassen. Das gibt dann bald genug Stoff für ein eigenes Schulfach. Wir alle sollten uns außerdem vornehmen, uns von Populisten und Falschmeldungen nicht auseinander treiben zu lassen, sondern das Gespräch mit allen Mitgliedern der Gesellschaft zu suchen und alle Positionen erst mal ernst zu nehmen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Nur so kann es gelingen, sich abzeichnende gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden.

In der Forschung ist noch viel zu tun. Wir wissen nichts darüber, wie viele Fake News in Deutschland eigentlich in Wahlkampf- und Nicht-Wahlkampf-Zeiten im Umlauf sind, wie viele Nutzer sie zu sehen bekommen, und was darin inhaltlich verbreitet wird. Mich interessiert vor allem die Wirkung von Falschmeldungen, auch hierzu gibt es bisher wenige Studien. Vieles, was wir über die Wirkung von Fake News annehmen, können wir bisher nur aus Studien ableiten, die sich nicht dezidiert mit Fake News befasst haben. Insbesondere die Frage, wie verschiedene Formen der Richtigstellung wirken, ist bisher ungeklärt.

Philipp Müller forscht an der Universität Mainz über die Wahrnehmung von Medien, auch im Hinblick auf populistische Wirkungsweisen. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler erhielt 2017 den „Best Paper Award“ für den Beitrag „Die populistische Weltanschauung. Wie Anhänger populistischer Ideen die Medien und das öffentliche Meinungsklima wahrnehmen“.

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Was tun gegen „Fake News“?

Spätestens seit dem US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf im letzten Jahr bestimmt das Phänomen "Fake News" die gesellschaftspolitische Debatte über die Kommunikation im Netz. Was sind aber genau Fake News? Was macht sie so anders in Zeiten netzgetriebener Nachrichtenkommunikation? Wie wirken sie? Und vor allem: Was tun gegen Fake News? Gerade bei dieser Frage verbieten sich einfache Antworten. Meinungs- und Informationsfreiheit sind als fundamentale Freiheiten für das Funktionieren offener Gesellschaften unverzichtbar. Maßnahmen - ob staatlich oder von sozialen Netzwerken selbst entwickelt - müssen das berücksichtigen. Hier setzt das aktuelle Kurzgutachten an. Es fasst auf ca. 23 Seiten den aktuellen Stand der noch jungen medienwissenschaftlichen Diskussion zur Wirkung von Fake News zusammen und diskutiert darauf aufbauend verschiedene Maßnahmen zum Umgang mit diesem Phänomen. Mehr