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Eine Kolumne von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

9. November
Reichsprogromnacht: Ressentiments provozieren Taten

Der Antisemitismus hat Hochkonjunktur im Deutschland dieser Tage
Brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, Demütigung jüdischer Deutscher – Bilder der Reichspogromnacht
Brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, Demütigung jüdischer Deutscher – Bilder der Reichspogromnacht © © Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H. / CC-BY-SA 3.0

Der 9. November 1938 markierte der Übergang von der allgegenwärtigen Diskriminierung und Ausgrenzung deutschen Juden hin zur systematischen Verfolgung, die nur wenig später in den Holocaust mündete. Dass heute überhaupt noch 94.000 Juden in Deutschland leben, ist daher keineswegs selbstverständlich. Umso erschreckender ist es, dass der Antisemitismus erneut bittere Realität in ihrem Alltag geworden ist. Ob auf dem Schulhof oder im Büro: Überall in Deutschland sehen sich Juden mit latentem wie offenem Antisemitismus konfrontiert. Die Angst in jüdischen Gemeinden vor Übergriffen und sozialer Ausgrenzung wächst seit Jahren – und das aus berechtigten Gründen, wie der Anschlag in Halle gezeigt hat.

Der Antisemitismus hat Hochkonjunktur im Deutschland dieser Tage. Spielte er sich lange Zeit geächtet im Verborgenen ab, geht es den heutigen Antisemiten vor allem darum, gesehen zu werden. Die zahlreichen Hygienedemos sind dabei nur das jüngste Symptom: Dort werden jahrhundertealte, antisemitische Verschwörungstheorien neu aufgewärmt und in die Mitte der Gesellschaft getragen. Sätze wie „Hitler war einen Segen im Vergleich zur Kommunistin Merkel“ werden laut bejubelt. Demonstranten laufen mit Davidstern herum, in den das Wort „ungeimpft“ gestickt ist. Und Menschen in KZ-Uniformen halten Schilder mit dem Satz „Maske macht frei“ in die Höhe.

Es sind diese Ressentiments, die Taten provozieren. So bildete das vergangene Jahr einen Tiefpunkt in der jüngeren Geschichte des deutschen Antisemitismus: Mit mehr als 2000 erfassten Gewalttaten gegen Juden meldete das Bundesinnenministerium einen Höchstwert seit Beginn der statistischen Aufzeichnung. Wer angesichts dieser Zahlen noch warnt, „Wehret den Anfängen“, verkennt, dass es dafür viel zu spät ist.

Jeder Einzelne muss sich Judenfeindlichkeit entgegenstellen

Es ist heute mehr denn je die dringende Aufgabe des Staates, Juden in Deutschland zu schützen. Konzepte im Kampf gegen den Antisemitismus gibt es viele, finanziell ausgestattet und umgesetzt werden zu wenige. Seit Jahren fordern Politiker, Aktivisten und Betroffene, Projekte und Initiativen im Bereich der Prävention und Intervention zu stärken, die nicht nur auf wenige Monate oder Jahre befristet sind. Es muss heute gehandelt werden, wollen wir unsere demokratischen Werte auch morgen behalten.

Der Staat allein wird das Problem jedoch nicht lösen können – auch ein Rechtsstaat ist nicht vollkommen. Umso wichtiger ist es, dass wir alle unsere gesellschaftlichen Werte jeden Tag aufs Neue verteidigen. Es kommt auf jeden Einzelnen an, sich der Judenfeindlichkeit entgegenzustellen, wo immer sie auftritt. Es ist unser historisches Erbe und unsere demokratische Verpflichtung.

08 Dez.
8.12.2020 17:45 Uhr
Köln

#FNFunboxed: Jüdisches Leben in NRW

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Johann Ahlers
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