9. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Zhanna Nemzowa: „Ich möchte die Werte meines Vaters hochhalten: Demokratie und Meinungsfreiheit“

Meinung29.05.2015Julia Kranz
Zhanna Nemzowa
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Aktueller denn je - zum Todestag des vor dem Kreml ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow hat die Rede zur Freiheit seiner Tochter Zhanna nicht an Bedeutung verloren. Vor einem Jahr forderte die 31-Jährige in ihrem Vortrag auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung mehr Meinungsfreiheit und Demokratie unter Putins Politik. Lesen Sie hier den Bericht über Nemzowas Auftritt am Brandenburger Tor. Und über ihren Willen, die politischen Ziele ihres Vaters auch in Zukunft hochzuhalten. Kurz nach der Rede zur Freiheit wechselte die Journalistin ihren Arbeitsplatz von Moskau nach Bonn. Bei der Deutschen Welle ist sie seitdem für das russische Programm des Senders tätig.

Nein, Angst habe sie nicht, die Putin-Regierung zu kritisieren, sagt Zhanna Nemzowa. Beim Pressegespräch am frühen Morgen ihrer Berliner Rede zur Freiheit wollen die anwesenden Journalisten dies wiederholt wissen. Schließlich ist sie die Tochter des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow.

Und äußert sich trotz der Wellen, die der spektakuläre Tod des Kreml-Kritikers international schlug, erstaunlich offen über die russische Innenpolitik, den Krieg in der Ukraine, und das staatlich gelenkte russische Fernsehen. Und trotz des „Witzes“ des Ermittlers, er könne ihre Ausreise zur Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ja einfach verhindern und sie in Russland festhalten. „Darüber macht man keine Scherze,“ sagt Nemzowa bestimmt. "Nicht in Russland." Was allerdings nach ihrer Rückkehr passiere, wisse sie nicht, gibt sie gegenüber stern.de zu.

Das einzige, was ihr passieren könne, meint sie mit Blick in die Runde, sei doch ihren Job zu verlieren. Dann stutzt sie kurz ob der eigenen Courage und wird ernst. „Das würde mich hart treffen.“ Pause, Verständnis und Respekt in den Gesichtern ihrer deutschen Medienkollegen.

Boris Nemzow
Zhanna Nemzow hielt die Rede in Andenken an ihren Vater Boris NemzowFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Schon tags zuvor hatte Nemzowa im Interview mit Bild -Redakteurin Viktoria Dümer betont, dass ihr eigentlich nichts anderes übrig bliebe, als die Ideale ihres Vaters zu verteidigen. Als Tochter von Boris Nemzow sei der Kampf um Demokratie und Freiheit doch sein Vermächtnis.

9. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Diese Worte spricht Nemzowa auf einer Dachterrasse inmitten Berlins – hinter ihr weht die Flagge der russischen Botschaft in einem dunklen Frühsommerhimmel. Später wird sie noch näher herangehen. Im Interview mit der Deutschen Welle wiederholt sie vor dem Gebäude ihre Forderung, den Fall Nemzow aufzuklären. Ein Bild, was die gleichnamige Zeitung am Tag ihrer Rede auf „der Seite zwei" druckt – und der Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit überbordendes Interesse einbringt. Nicht alle angemeldeten Gäste finden am Abend des 27. Mai Platz im Allianz Forum am Brandenburger Tor. Trotz Schlange stehen. Es sind zu viele Interessierte. Als Trost gibt es die Veranstaltung im Livestream. Auch hier: große Resonanz und Echo auf dem twitter-Kanal der Stiftung.

Rede ist ein Frontalangriff auf den russischen Präsidenten

Selbst vor dem gewaltigen Forum am Brandenburger Tor nimmt die älteste Tochter Nemzows am Abend kein Blatt vor den Mund. Vielmehr sei die Rede ein Frontalangriff auf den russischen Präsidenten gewesen, wertet Redakteurin Sabine Adler im Deutschlandfunk. Und auf die staatlich kontrollierten Medien, die sich in den Augen von Nemzowa immer mehr zu Propaganda-Instrumenten wandelten. „Der Kreml führt einen Informationskrieg gegen die russische Opposition“, sind die Worte, die Nemzowa gebraucht, um die Situation in ihrer Heimat zu beschreiben. Die russischen Medien - in ihren Augen eine effektive Maschinerie der Massenpropaganda.

9. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Dabei ist die 30-Jährige selbst Wirtschaftsjournalistin beim russischen Sender RBK. Dort habe man ihr geraten, sie solle in ihrer Sendung bloß keine Politik kommentieren. Und wieder fällt dieser Satz. Nein, zurzeit habe sie keine Angst, dass ihre freie Meinungsäußerung Nachteile einbringen könne. Überlegt kurz und schiebt ein weiteres „zurzeit“ nach. Die düsteren Gedanken schüttelt sie aber schnell mit einer Portion Galgenhumor ab. Ihr Vater hätter ihr immer gesagt: „Wenn du dich über russische Politik äußerst, wirst du Probleme bekommen. Und wenn du dich nicht äußerst, auch.“ Das sei eben Russland, bemerkt sie lachend und Schulter zuckend zugleich.

Zhanna Nemzowa
Nemzowa im Gespräch mit LambsdorffFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

So sieht Nemzowa im Gespräch mit Alexander Graf Lambsdorff, dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, auch eher die internationale Gesellschaft in der Pflicht, die Verantwortlichen in Russland zur Räson zu bringen. Ökonomische Sanktionen würden ihrer Meinung nach dabei aber nur die Menschen selbst treffen und nicht Putins Entscheidungen beeinflussen. Effektiver wäre es, Personen auf die Sanktionsliste der EU zu setzen und auf diesem Weg Einreiseverbote zu erwirken. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung für die Freiheit, Wolfgang Gerhardt, betonte, weiterhin auf die Menschen in Russland bauen zu wollen, die dort die Demokratie stärken wollten. Deshalb halte die Stiftung auch an ihren Prinzipien und ihrem Engagement vor Ort fest.

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