6. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Karl Kardinal Lehmann: "Ein Mensch alleine kann nicht frei sein"

Nachricht27.04.2012
Kardinal Lehmann
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Karl Kardinal Lehmann hat die 6. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor gehalten. Das Allianz Forum war bis auf den letzten Platz besetzt. Einleitende Worte sprach Wolfgang Gerhardt, der Vorsitzende des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Lehmann sprach sich auch gegen die Reduzierung der Freiheit auf Individualismus und Selbstverwirklichung aus. Gerade weil jede Inanspruchnahme und jede Erweiterung des eigenen Freiheitsraumes unvermeidlich die Begrenzung des Freiheitsraums eines Einzelnen oder vieler zur Folge habe, müsse der Freiheitsbegriff weiter gefasst werden. Dies sei eine der großen Schwächen des liberalistischen Liberalismus, der so tue, als ob ein Kampf für die Freiheit reine Bemühung um Befreiung von Fesseln sei. „In Wahrheit aber ist zum Beispiel die Freiheit der Propaganda einer bestimmten Idee und Haltung in der Öffentlichkeit unweigerlich eine Verengung meines Freiheitsraumes.“ Freiheit habe auch mit Verantwortung zu tun und sei mehr als nur das Erreichen der eigenen Ziele und Wünsche.

Freiheit der Gesellschaft insgesamt schützen

Zwar habe es unter anderem durch die Folgen der technisch-zivilisatorischen Errungenschaften und die Emanzipation der Geschlechter eine Erweiterung der Freiheitsräume gegeben, doch sei nicht sicher, ob dies unterm Strich auch zu mehr tatsächlicher Freiheit geführt habe. „Unkontrolliert wird die öffentliche Meinung gelenkt, es werden raffiniert Vormeinungen produziert, Konsumbedürfnisse geweckt, die oft gar nicht einem wirklichen Bedarf entsprechen.“

Die moderne Technik habe den Handlungsspielraum des Menschen in sensiblen Bereichen des Daseins enorm erweitert. Dabei erinnerte Lehmann unter anderem an die Abtreibung, die Embryonenforschung und die aktive Sterbehilfe. In all diesen Bereichen habe die Entscheidung von Einzelnen Auswirkungen weit über den Einzelnen hinaus. Wer sich für eine Abtreibung entschließe, fälle damit auch eine Entscheidung über das potenzielle Dasein eines anderen Menschen. „Dabei genügt es nicht, nur auf die subjektive Freiheit des Einzelnen zu schauen, sondern man muss besonders auch die Folgen für den Betroffenen, die Familie, die Menschenwürde und die Konsequenzen für die Gesellschaft bedenken.“

Wichtig sei es von daher, „die Freiheit nicht nur der unmittelbar Beteiligten, sondern der Gesellschaft insgesamt zu schützen.“ Freiheit brauche Ethik, folgerte Lehmann daraus. Auf diese Weise könnten die Entscheidungen des Einzelnen in einen moralischen Rahmen gegossen und beurteilt werden. Früher habe der Liberalismus eine „Phobie gegen alles und jedes“ gehabt, „was die Willkür des Individualismus begrenzt“, doch dies sei der „Liberalismus von vorgestern“ und müsse sich „von seiner ‚genetischen Last’, dem Individualismus verabschieden.“ Mittlerweile habe aber im Liberalismus ein Umdenken stattgefunden, was Lehmann durch ein Zitat von Marion Gräfin Dönhoff zu untermauern versucht, die vor dem Irrtum warnte, wahre Freiheit sei ohne Grenzen: „Wenn ein jeder tut, was ihm gefällt, dann führt das zum Chaos und schließlich zum Ruf nach dem starken Mann.“

Ethik als Rückgrat der Freiheit

Wer die Freiheit absolut setze, stehe in der Gefahr, keine Werte mehr anzuerkennen. „Aber solche Arroganz rächt sich“, so Lehmann, schließlich hätten Denker zu allen Zeiten festgestellt, dass es etwas gibt, „das höher ist als alle Vernunft“ und der Mensch nicht die letzte Instanz sei. „Es gibt eine Macht über ihm.“

Da Freiheit in der Gefahr stehe, sich aus allen Traditionen, der Natur und der Herkunft lösen zu wollen, sei die Ethik notwendig, um der Freiheit quasi als moralisches Rückgrat zu dienen. Sie sorge dafür, dass aus der Freiheit des Einen nicht ein Schaden für den oder die Anderen entstehe.

Zum Abschluss seiner Rede ging Lehmann noch auf den Wert der Anerkennung ein. Dieser sei der Schlüssel, der Freiheit und Ethik zusammenfinden lasse. „Die Anerkennung ist eine Synthese und Brücke von Freiheit und Ethik, eine Wechselbeziehung des gegenseitigen Respekts, der sich weder zwischen einzelnen Menschen noch zwischen Gruppen und sogar Kulturen und Religionen gleichsam von selbst einstellt.“