500 Jahre Reformation

Reformation, Luther, Aufklärung: Alles eins?

Meinung26.05.2017Annette Siemes/ Liberales Institut
Renaissance > Humanismus > Reformation?
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Ist die Reformation in diesem Jubiläumsjahr ein religiöses Ereignis? Ist sie ein politisches Ereignis? Ist sie nur noch ein Kind des Marketings?

Sie ist in diesem Jahr alles. Der Kirchentag in Berlin müht sich darum, die breiteste gesellschaftliche Resonanz durch die Einbeziehung unterschiedlichster Referenten und Botschafter zu gewinnen. Da diskutiert Melinda Gates auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin über die Flüchtlingsbewegungen, alle global verorteten Mahner und Propheten sind vertreten, alle sind da, selbst Barack Obama, der diskutiert mit Angela Merkel. Auch bei den anderen Veranstaltungen im Jahresverlauf setzt sich der Eindruck fort: Statt thematischer Präzision dominiert das Prominenten-Schaulaufen. Ausstellungen und Diskussionen mit dem Titel „Luther und …. (was-auch-immer)“, sollen in munterer Beliebigkeit an unterschiedlichsten Orten das Publikum anziehen und zum emotiven Partner der großen Reformations-Show machen.

Dieser Ansatz bedarf einer Korrektur. Zumindest einer Klarstellung: Reformation ist nicht gleich Luther und nicht gleich Aufklärung. Joachim Gauck hat in seiner Auftaktrede zum Festjahr den Versuch unternommen, Reformation, Humanismus und Aufklärung voneinander getrennt zu betrachten. Das scheint aber im Veranstaltungstrubel unterzugehen.

Nun ist mediale Aufmerksamkeit für ein 500-jähriges Jubiläum mit allen zivilgesellschaftlichen Akteuren ein Muss – zugestanden. Aber ist „die“ Reformation geeignet als Massenspektakel? Nein. Sie als Bewegung zu bezeichnen, ist schon zweifelhaft: Es gab unzählige Menschen, die zu humanistisch-reformatorischem Denken und Wirken beigetragen haben, aber diese verstanden sich nicht als einheitliche Gruppe, sie einten auch nicht gleiche Ziele. Das Ereignis Reformation als zielgerichtete Bewegung einer Gemeinschaft zu verstehen ist ein Konstrukt der Nachgeborenen: philosophisch, theologisch, politisch.

Die Reformation vereint so unterschiedliche Denker wie Jan Hus, Petrus Valdes, Ulrich Zwingli, John Wycliff, Philipp Melanchthon, Thomas Morus, Erasmus von Rotterdam, Thomas Müntzer, Johannes Calvin und Martin Luther sowie zahlreiche Philosophen der neuplatonischen Schule. Sie vereint humanistisches Denken. Alle hatten einen Anteil an der Entwicklung des Protestantismus. Diese Gruppenleistung wird häufig auf die Figur Luthers verengt und gleichzeitig ideengeschichtliche Fortschritte in sie projiziert, die erst viel später stattgefunden haben.

Den geistigen Anstoß der Reformation allein der Figur Martin Luthers zuzuschreiben ist zu wenig. Ja, er war mittelbar Kirchgründer, ja, er hat nicht nur die geistliche, sondern auch die weltliche Ordnung in Frage gestellt– Europas Landkarte und Machtsphären entstanden im 17. Jahrhundert neu. Aber diese geschichtlichen Umwälzungen sind das Werk vieler.

Und die Aufklärung?

Die vielbeschworene Gründung des Gewissens im freien Willen mithin in der Selbstbestimmung des Einzelnen ist eine Mär, die auch dadurch nicht stimmiger wird, dass sie Martin Luther zugeschrieben wird. Er glaubte Zeit seines Lebens an die Prädestination.

Selbstbestimmung, eigenverantwortliches Denken und Handeln, individuelle Setzung jenseits gesellschaftlich-religiöser Bindungen, Universalität von Menschenrechten – all das ist nicht Teil und Leistung der Reformation.

Diese Kategorien wurden erst sehr viel später, nämlich im Zeitalter der Aufklärung, entwickelt und erlangten erst dann philosophische, politische und gesellschaftliche Relevanz. Häretisches Denken gegen weltliche und kirchliche Obrigkeit hingegen ist Teil des Humanismus. Häretisches Denken ist auch Grundlage reformatorischer Bestrebungen. Emanzipatorisches Denken im Sinne der Eigenverantwortung ist Teil der Aufklärung. Und erst dort, nicht im Augsburger Religionsfrieden von 1555 als politischem Schlusspunkt der Reformation, erfolgt die Grundlegung eines modernen Demokratieverständnisses von Bürgergesellschaft.

Aufklärung im Kantischen Sinne verstanden als eigenverantworteter und eigenbestimmter Gebrauch von Verstand und Vernunft, als theoretische Grundlage und Handlungsmaxime gleichermaßen, war der Reformation ebenso fern wie der Flug zum Mond.

Reformation und Humanismus

Die Reformation verdankte ihr Entstehen dem Humanismus, zu dem zahlreiche an antiken philosophischen Vorbildern orientierte Schulen gehörten. Doch was heißt das?

Humanistische Autoren stellten den Menschen in den Mittelpunkt des Hier und Jetzt, allerdings ohne christliche oder kirchliche Bezüge zum Schöpfungsmythos und der vermeintlich gottgewollten Weltordnung zu kappen, aber auch ohne diese als zentrale Voraussetzung der Weltorientierung zu setzen – im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche.  

Das war in der Tat neu: Und hier lag schon der Sprengstoff, der die Hierarchie der katholischen Welt bedrohte. Die gottgewollte Ordnung, nicht zuletzt ein Instrument der kirchlichen und weltlichen Machtsicherung, sah zentral die Unterwerfung des Einzelnen unter theologische Wahrheiten vor, die sich ihm nicht erschließen mussten, waren sie doch nicht erkenntnisgeleitet, sondern bildeten das unumstößliche religiöse Fundament.

Ein entscheidender Vertreter der humanistischen Kirchen- und Obrigkeitskritik war Erasmus von Rotterdam. Er versuchte1534 in der Schrift De sarcienda ecclesiae concordia („Von der Kirchen lieblicher Vereinigung“), die streitenden Glaubensparteien im Dienste einer humanistischen Reform zu befrieden – vergeblich. Sein Vorschlag, da die Einigkeit in zentralen Glaubensfragen doch gegeben sei, könne man weniger wichtige Dinge den einzelnen Gläubigen und Gemeinden in eigene Verantwortung stellen, klingt auch heute noch vernünftig. Aber die Fronten waren zu verhärtet, die Machtinteressen der jeweiligen Parteien zu stark: Alle Anläufe, in Religionsgesprächen einen Status quo des friedlichen Umgangs im Dienste einer Glaubenseinheit zu erreichen, scheiterten.

Erasmus und Luther

Dem waren zahlreiche Auseinandersetzungen mit Luther vorausgegangen. Beide waren Augustiner-Mönche, Erasmus zusätzlich noch Priester. Eine grundlegend verbindende Kultur war ihnen zu eigen – trotzdem klappte es nicht mit dem gemeinsamen Reformwillen. Erasmus glaubte an innere Reformen, Luther hingegen nahm den kirchlichen Bruch und die Spaltung in Kauf – wenn auch nicht unter Aufgabe des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit, da jeder Christ die gottgewollte Ordnung zu akzeptieren hat.

Trotz der Ablehnung des Bruches mit der Amtskirche ist Erasmus‘ Menschenbild hier moderner. Die Unüberbrückbarkeit jeweiliger Positionen durchzieht Erasmus‘ Werk De libero arbitrio („Vom freien Willen“, 1524), dessen Hauptthese lautet, Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, um zwischen dem Guten und dem Bösen wählen zu können – ein „klassischer“ emanzipatorischer Ansatz des Humanismus. Luther dagegen beharrt auf der Erbsünde und der Allmacht Gottes, durch die jede Tat des Menschen vorbestimmt sei. Die Kluft zwischen Luther und Erasmus wird größer und ist nicht mehr zu beheben: Nahezu paradox mutet es an, dass derjenige, der die römische Kirche vehement bekämpft und dessen Kampf zu einer neuen Kirchengründung führt, gleichzeitig derjenige ist, der Grundpfeiler ihrer Dogmatik übernimmt.

Die Reformation als Luther-Show

Trotzdem verwischen diese wichtigen Nuancen, wenn sich kirchliche und nichtkirchliche Würdenträger mit Elogen auf die Reformation als Begründung des modernen Menschen: Sie sei die wahre Emanzipationsbewegung freier Bürger gewesen, habe die Eigenständigkeit des Einzelnen gegenüber Staat und Kirche geschaffen, habe Widerstand gegen politische und kirchliche Strukturen befördert.

Die Reformation ist keine Aufklärung

Es gibt weniger zu feiern als zu debattieren im Jubiläumsjahr. Über den Stellenwert von Personen, über die Art und Weise ihrer Heroisierung und Mythifizierung, über Werbestrategien und Vermarktung, über die Klassifikation von Bewegungen, über ideengeschichtliche Zuschreibungen. Die Reformation als geisteswissenschaftliche Strömung gibt es nicht. Es gibt den Humanismus. Es gibt theologische Kritik.

Der Humanismus schafft die Grundlage für Kategorien der theoretischen und praktischen Philosophie, die eine emanzipierte und freie Bürgergesellschaft entstehen ließ. Das gelingt aber erst im Zeitalter der Aufklärung.

Die Reformation ist Wegbereiter für den Protestantismus.

Luther steht für diese neue Glaubensrichtung. Aber nicht für ein neues Menschenbild.

 

 

Zum Nachlesen:

 

Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, 30 Thesen; Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, beide Wittenberg 1520

Erasmus von Rotterdam, De libero arbitrio, Basel 1524; De sarcienda ecclesiae concordia, Basel 1534, in: Ausgewählte Schriften Lat./dt., WBG Darmstadt 2016

Bundeszentrale für Politische Bildung, Dossier mit Aufsätzen zur Reformation und zum Reformationsjubiläum mit Beiträgen von Axel Gotthard, Claudia Lepp, Hubert Wolf u.A.

Julius Döpfner, Reform als Wesenselement der Kirche. Überlegungen zum 2. Vatikanischen Konzil, Würzburg 1964

Karl Rahner/ Herbert Vorgrimler (Hrsg.), Kleines Konzilskompendium, Freiburg/Br. 2008

Winfried Müller, Das historische Jubiläum. Zur Geschichtlichkeit einer Zeitkonstruktion, in: ders. (Hrsg.), Das historische Jubiläum, Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004

Annette Siemes
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