50. Todestag von Thomas Dehler

Liberale Stichtage des Archivs des Liberalismus

Nachricht21.07.2017Dr. Jürgen Frölich
Thomas Dehler
Thomas Dehler am Rednerpult, FDP-Bundesparteitag 1965 in Frankfurt/M.ADL, Audiovisuelles Sammlungsgut, F2-78

Als Thomas Dehler im Alter von 69 Jahren am 21. Juli 1967 überraschend einem Herzschlag erlag, da konnte man im „Spiegel“ einen bemerkenswerten Nachruf lesen: Der Autor, vermutlich Rudolf Augstein selbst, leugnete nicht die zahlreichen Eskapaden des Ministers und Parteivorsitzenden Dehler, hoffte aber, Dehler würde in der öffentlichen Erinnerung bleiben, wegen der „seltene(n) Tugenden“, die er repräsentierte: „den Mut des Geradeheraussagens, franken Bürgersinn, moralische Empfindlichkeit, Unabhängigkeit und die stets wache Bereitschaft, neu zu denken.“

In der Tat, taktische Rücksichten und das Verbergen der eigenen Gefühle waren sicherlich nicht die Vorzüge, die den Bundesjustizminister, FDP-Fraktions- und Parteivorsitzenden Thomas Dehler ausgezeichnet hatten, im Gegenteil: Die erwähnten „Tugenden“ kosteten ihn jeweils nach einigen Jahren diese Ämter und Funktionen, was Dehler grollend zur Kenntnis nahm. Aber seine Tugenden ließen ihn ebenso zweifellos große Verdienste um den Liberalismus im Besonderen und um die Bundesrepublik im Allgemeinen erwerben.

Dehler verteidigte als Anwalt jüdische Mitbürger

Ab 1919 im Linksliberalismus engagiert, gehörte er in der Weimarer Republik zu den hoffnungsvollen Nachwuchstalenten der Deutschen Demokratischen Partei. Diese Aussicht wurde 1933 zunächst unterbrochen, aber Dehler gab dem neuen „braunen“ Zeitgeist nicht nach, blieb bei seiner jüdischen Gattin, verteidigte als Anwalt jüdische Mitbürger und hatte Kontakt zu Widerstandskreisen. Nach 1945 unterstützte er in Bayern die Wiedererrichtung des Rechtsstaates und die Wiederbegründung des organisierten Liberalismus und zog so in den Parlamentarischen Rat ein, wo er großen Anteil an der Ausformulierung der neuen Verfassung hatte.

Als erster Bundesjustizminister setzte er seinen 1945 begonnenen rechtspolitischen Weg fort, nahm dabei allerdings wenig Rücksicht auf Freund und Feind, weshalb gerade einflussreiche „Parteifreunde“ 1953 erfolgreich seine Ablösung betrieben, was er aber vor allem Kanzler Adenauer übel nahm. Im Gegensatz dazu sah die Mehrheit der Freien Demokraten im Justizminister a. D. den richtigen Mann, der Partei ein schärferes Profil zu verleihen. Das sollte sich, wenn auch auf schmerzhafte Weise, als zutreffend herausstellen: In der großen Koalitionskrise war es vor allem Dehler, der der FDP das politische Überleben und damit der Bundesrepublik das Mehr-Parteien-System rettete.

Spätes Comeback als Vizepräsident des Deutschen Bundestages

Seine Partei hat es ihm, der sehr unbequem sein konnte, zunächst nicht so recht gedankt; erst 1960 gelang ihm als Bundestagsvizepräsident ein spätes Comeback.

Mit seiner unorthodoxen Art zu denken, auch im außenpolitischen Denken, wurde er zumindest indirekt zum Wegbereiter der neuen Ostpolitik. Bezeichnenderweise sprach er sich wenige Tage vor seinem Tod für Walter Scheel als neuen FDP-Vorsitzenden aus, der dann jene neue Ost- und Entspannungspolitik in die Wege leiten sollte. Gesellschaftspolitisch dagegen war Dehler zeit seines Lebens ein klassischer Liberaler, der vieles vertrat, was später zum Markenzeichen des sog. „Neoliberalismus“ werden sollte. Nicht nur deshalb hat seine Anziehungskraft - insoweit sollte der Wunsch des „Spiegels“ in Erfüllung gehen - seinen Tod lange überdauert.

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Plakat des FDP-Bezirksverbandes Unterfranken, 1948
Plakat des FDP-Bezirksverbandes Unterfranken, 1948ADL, Audiovisuelles Sammlungsgut, P2-844