5. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Peter Sloterdijk: Freiheit als Synonym für Generösität

Nachricht08.04.2011
Peter Sloterdijk
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Wie der Zwangsvergesellschaftung entgehen? Sloterdijk forderte die Hinwendung zur Selbstbelastung, das, was Jean-Paul Sartre mit dem Begriff Engagement bezeichnet habe. Die Quelle von Selbstbelastung vor dem Hintergrund von disponibler Freiheit sei der Stolz, das heißt "jene leichte Erhebung über die Gewöhnlichkeit, die die Griechen thymós nannten. Sie bezeichneten damit einen inneren Regungsherd, der Menschen motiviert, sich ihrer Mitwelt als Inhaber gebender Tugenden zu offenbaren."

Intellektuelle Regeneration des politischen Liberalismus

Man habe die Freiheit zumeist an Orten gesucht, wo man sie unmöglich finden könne, "im Willen, im Wahlakt oder im Gehirn, und hat ihre Quelle in der noblen Gesinnung, im Auftrieb, in der Großzügigkeit übergangen. In Wahrheit ist Freiheit nur ein anderes Wort für Vornehmheit, das heißt für die Gesinnung, die sich unter allen Umständen am Besseren, am Schwierigeren orientiert, eben weil sie frei genug ist für das weniger Wahrscheinliche, das weniger Vulgäre, das weniger Allzumenschliche. In diesem Sinn ist Freiheit Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche."

5. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Schließlich wandte sich Sloterdijk einer "intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus" zu. Sie müsse von der Erkenntnis ausgehen, "dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern. Sie tragen ebenso das Potential zu gebenwollendem, großzügigem und souveränem Verhalten in sich." Was die Verteidigung der Freiheit angehe, so sei sie ein Projekt, das nicht ohne Partei und nicht ohne Parteilichkeit auskomme.

5. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Es gelte, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenigen, die "das Gesicht eines Despoten tragen, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte." Die bekennenden Realisten hätten recht, wenn sie auf der Verpflichtung zum Wirklichkeitssinn bestünden. "Die wahren Liberalen fügen den Möglichkeitssinn hinzu: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht wissen können, was alles noch möglich wird, wenn Menschen Wege finden, sich aus den kollektiv verfertigten Zwangskonstruktionen zu lösen."

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Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

"Wir verteidigen die Sache der Freiheit", schloss Sloterdijk, "indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen – und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert."

Das Manuskript von Peter Sloterdijks "Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor" ist in der "edition suhrkamp" als Sonderdruck erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Die Begrüßung des Stiftungsvorsitzenden Wolfgang Gerhardt können Sie sich im folgenden Video anschauen: 

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