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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

30 Jahre Mauerfall
Sieg, Tragik und Zukunft der Freiheit

Gedanken zum 9. November 1989 von Karl-Heinz Paqué
Mauerfall Berlin 1989
© picture alliance/dpa

Der Fall der Berliner Mauer vor genau 30 Jahren war ein großer Sieg der Freiheit. Das Glücksgefühl, das sich damit verband, ist bis heute unbeschreiblich. Es wurde von den meisten Menschen in Deutschland geteilt. Alle, die ihn erlebt haben, werden den Moment nie vergessen - und das ist gut so, denn die Erinnerung daran fräst die Freiheit in unsere Herzen ein. Noch heute kommen mir Tränen der Rührung, wenn ich die Fernsehbilder von damals sehe - und ich bin sicherlich nicht der einzige, dem es so geht.

Der Mauerfall war das Symbol für die Befreiung von der Diktatur des Sowjetsozialismus. „Ein Jahrhundert wird abgewählt“ - so der deutsche Titel eines Buches von Timothy Garton Ash, das nur wenige Monate danach erschien. Und der Mauerfall war dabei der menschliche Gipfelpunkt dieser Abwahl, auch wenn diese sich über Solidarnoç in Polen, Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion und Grenzöffnung in Ungarn über ein Jahrzehnt hingezogen hatte. Aber erst mit dem Mauerfall war klar: Es gibt kein zurück, die Freiheit hat gesiegt.

Wenige merkten allerdings, dass sich politisch damit auch eine Tragik der Freiheit anbahnte. Dies gilt zumindest für die Politik in Deutschland: Ab dem 9. November 1989 waren die Ostdeutschen nicht nur frei, sondern auch mobil - als natürlicher Teil der Freiheit. Jeder konnte seine Zukunft im Westen suchen. Vor allem für junge, gut ausgebildete Leistungsträger war die Versuchung groß, als deutsche Staatsbürger im Westen zu arbeiten - für gute Löhne in gesunden Unternehmen in einer intakten Konsumwelt.

Diese Verführung setzte die Politik unter enormen Druck. Sie musste eine Massenabwanderung verhindern, ohne mit Visazwang und Grenzkontrollen eine neue Mauer zu bauen. Sie musste alles liefern, was im Osten noch fehlte, schnell und vertrauenswürdig. Ergebnis dieses Drucks waren Währungs- und Wirtschaftsunion plus politische Einheit ebenso wie teurer Aufbau Ost und zügige Privatisierung. Das Ergebnis kennen wir: eine schwierige Durststrecke der Anpassung, aber auch des Wachstums, das den Osten Deutschlands wirtschaftlich dorthin führte, wo er heute steht: mit Löhnen, die dreimal so hoch sind wie bei den östlichen Nachbarn Mitteleuropas, aber noch immer rund 25 Prozent niedriger als im Westen.

In diesem Prozess wurden zweifellos viele Fehler gemacht, kleine und große. Diese müssen offen diskutiert und von der Wissenschaft aufgearbeitet werden. Und dies geschieht längst, unter anderem nach Öffnung der Akten der Treuhandanstalt im Rahmen eines Projekts des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin, das vom Bundesministerium der Finanzen finanziert wird. Mit der Zeit wird sich daraus ein abgewogenes Urteil herausschälen können.

Bis dahin besteht allerdings die Gefahr, dass Mythen sich verfestigen. Daran wird derzeit vor allem an den Polen des politischen Spektrums gearbeitet, links wie rechts. Die Tragik der Freiheit gerät da völlig aus dem Blick. Der Politik nach 1989 wird die Schuld dafür angelastet, dass der Prozess der Anpassung so schwierig verlief und bis heute nicht abgeschlossen ist. Dabei wird der katastrophale Zustand vor allem des wirtschaftlichen Erbes der DDR gezielt heruntergespielt.

Ergebnis ist eine Art neue Dolchstoßlegende: Erst der Westen hat mit der Deutschen Einheit dafür gesorgt, dass der Osten wirtschaftlich nicht auf die Beine kam. Dies ist ein Mythos, der das politische Klima in Deutschland nachhaltig vergiften könnte. Schlimmer noch: Er könnte die Zukunft der Freiheit in Deutschland gefährden. Denn in dieser Weltsicht war die geschlossene Gesellschaft der DDR eigentlich der angenehmere Ort zum Leben als das vereinte Deutschland. Der Mauerfall wird da zum Startpunkt des Elends, ähnlich wie in der Weimarer Republik die Kapitulation der (angeblich ungeschlagenen) deutschen Armee gegenüber den Alliierten.

Zum Glück sind wir noch lange nicht so weit, dass sich eine solche Interpretation der Deutschen Einheit durchsetzt. Aber die politische Auseinandersetzung darüber macht große Sorgen. Denn wer die Freiheit für das Elend verantwortlich macht, wird kaum bereit sein, die Freiheit zu verteidigen. Dem müssen wir entgegentreten.

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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