Veranstaltung

30 Jahre Einheit: Freiheit muss erkämpft werden

Festveranstaltung anlässlich 30 Jahre Friedlicher Revolution in der DDR

Nachricht13.06.2019Julia Gresförder
friedliche Revolution
Ehrhart Neubert (von links), Christoph Bernstiel MdB, Linda Teuteberg MdB, Robin Lautenbach, Barbara Genscher und Cornelia Schmalz-Jacobsen diskutieren.Freiheit.org

30 Jahre ist es nun her, dass die DDR-Bürger friedlich gegen die SED-Diktatur demonstrierten. 1989 wurde – nach 40 Jahren – ein Regime der Unfreiheit und Unterdrückung durch eine Bewegung der Bürgerinnen und Bürger mit friedlichen Mitteln zum Abdanken gezwungen. Der Jahrestag war für die liberale Stiftung mehr als ein Anlass, die Bedeutung der friedlichen Revolution für die heutige Politik zu diskutieren. 

Bettina Stark-Watzinger MdB, Mitglied des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, erinnerte in ihrer Eröffnung an den Mut der Demonstranten: „Bei der friedlichen Revolution haben Menschen mutig für ihre Bürgerrechte gekämpft, sie haben wortwörtlich Mauern niedergerissen. Jedem einzelnen gilt dafür auch heute noch unser Respekt.“ 

Der Funke für die friedliche Revolution sei allerdings nicht von wirtschaftlichen Mängeln ausgegangen, stellte Bettina Stark-Watzinger fest, sondern von den manipulierten Wahlen in Karl-Marx-Stadt – dies verdeutliche wieder einmal, wie viel Menschen die Freiheit letztlich bedeutet: „Die Geschichte wäre anders geschrieben worden, wenn diese mutigen Menschen nicht auf die Straße gegangen wären. Es zeigt wieder einmal: Freiheit ist ohne Eigenbeteiligung nicht möglich und Austausch ist der Nährboden für eine offene Gesellschaft.“ 

1989 änderte sich alles

Christian Lindner MdB, Bundesvorsitzender der FDP, berichtete in seinem Impulsvortrag von seinen eigenen Erfahrungen als Westdeutscher mit einer Familie, die teilweise in der DDR gelebt hat: „Zuvor hieß es: Pass auf, was Du in Deinen Briefen schreibst, es kann jemand mitlesen – 1989 wurde dann alles anders.“  1989 sei ein Jahr gewesen, erläuterte Christian Lindner, auf das jede Verfassungspatriotin und Verfassungspatriot stolz sein darf: „Die Menschen haben nicht mehr akzeptiert, dass ihnen jede Form von Freiheit genommen wurde. Genau dagegen sind die Menschen in der Mitte der Gesellschaft aufgestanden.“ 

In Deutschland West habe es viele Menschen gegeben, die nicht mehr an die Deutsche Einheit glaubten. Daher schmerze es ihn umso mehr, dass Europa erneut eine Spaltung droht. Das Ziel könne daher nur sein, durch Dialog die Werte Europas zu erhalten und die Spaltung zu verhindern: „Ich wünsche mir öfter den Mut von 1989. Denn Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie muss errungen und erkämpft werden.“

In der abschließenden Podiumsdiskussion fragte Robin Lautenbach, ehemaliger ARD-Korrespondent, Barbara Genscher, Witwe des ehemaligen Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher, nach einem Blick hinter die Kulissen. „Es war eine harte Woche für meinen Mann. Es fanden unentwegt Gespräche statt. Die Lage in der Prager Botschaft verschlimmerte sich zusehends“, zeichnete Barbara Genscher das Bild. Unter Hochdruck habe Hans-Dietrich Genscher versucht, eine Lösung zu finden. „Selbstverständlich war es auch für uns nicht einfach, als die Züge losfuhren. Wir haben mitgefiebert. Eigentlich wollte mein Mann die Züge begleiten, aber das wurde abgelehnt. Erst als wir hörten, dass die Züge wohlbehalten in Westdeutschland angekommen sind, haben wir aufgeatmet.“

Ein Verlust der Sprache ist auch Verlust der Macht

„Die Ausreisen 1989 waren für den Widerstand ein wichtiger Punkt“, erläuterte Ehrhard Neubert, evangelischer Theologe und DDR-Oppositioneller. Die Revolution sei nur möglich gewesen, weil das System in einer absoluten Krise steckte, wirtschaftlich und gesellschaftlich: „Die Menschen haben im Sommer 1989 ganz anders geredet, als noch ein Jahr zuvor.“ Er habe das ebenfalls bemerkt. „Zudem hat das Regime seine Sprache verloren – damit kam auch ein Verlust der Macht daher. Denn auch einzelne Worte können wichtig sein, wie die beiden fast unscheinbaren Worte ‚sofort‘ und ‚unverzüglich‘.“ Ebenso Symbole. Die weißen Kerzen, so erklärt Ehrhard Neubert, seien vielleicht ein wenig kitschig, aber auch eine wichtige Waffe gewesen.

Cornelia Schmalz-Jacobsen, ehemalige Generalsekretärin der FDP und Senatorin a.D., hingegen war überrascht von der schnellen Einheit: „Ich wurde 1989 bei einer Rede an einer US-amerikanischen Universität von einem Studenten gefragt, ob jetzt die Einheit folge. Ich habe ihm geantwortet, dies sei nicht so einfach, die Menschen können nun nicht einfach die Mauer einrennen. Aber genauso ist es ja passiert.“

Eine Veränderung der Stimmung 1989 hat auch Linda Teuteberg MdB gemerkt – trotz ihres jungen Alters: „Ich war damals in der dritten Klasse – und selbst davor habe ich schon gemerkt, dass man besser nicht über gewisse Dinge spricht. Ich habe die Zeit um 1989 sehr bewusst erlebt.“ Die Menschen damals wollten Freiheit und Einheit, berichtete die FDP Generalsekretärin. 

Ein europäisches Deutschland ist essenziell

Einheit hat es gegeben – und auch Christoph Bernstiel MdB erinnert sich an seine ersten Erfahrungen nach 1989 lebhaft: „Wobei ich nicht mehr in den Kategorien Ost- und Westdeutschland denke – und ich glaube, dass die Generationen, die nach mir kommen, ebenso denken.“ Linda Teuteberg stimmte ihm da zu. 

Die FDP Generalsekretärin hat aus dieser Zeit die Erfahrung mitgenommen, dass sich Dinge ganz schnell ändern können, auch auf Europa bezogen: „Wir dürfen nicht verzagen, alles kann geschafft werden.“ Dafür essenziell sei allerdings eine gute Streitkultur. „Ich bin für die Meinungsfreiheit. Zur Meinungsfreiheit gehört aber auch, Widerspruch aushalten zu können. Wir benötigen die Fähigkeit, hart zu streiten, aber trotzdem die Gelassenheit, die Meinung des anderen anzuhören“, äußerte sich die FDP-Generalsekretärin. 

Christoph Bernstiel stimmte ihr zu. Zur heutigen Lage meinte er: „Trump ist nicht die USA und Putin ist nicht Russland und die Antwort auf beide ist Europa.“ Wichtig dabei sei nicht ein deutsches Europa, erklärte Barbara Genscher, sondern ein europäisches Deutschland. Cornelia Schmalz-Jacobsen erläuterte, was ihr diese Zeit gelehrt hat: „Es tut manchmal gut, die Luft anzuhalten und zuzuhören, nachzudenken und miteinander zu reden. Wir müssen Geduld haben, es geht nicht immer alles über Nacht.“